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Ein Pitbull mit Lippenstift So hat sich Sarah Palin selbst bezeichnet. (AP)
Kein Mensch soll sagen, Sarah Palin kenne sich in der Welt nicht aus! Schliesslich war sie in 44 Lebensjahren schon dreimal im Ausland: letztes Jahr zuerst in Mexiko und dann bei verletzten Soldaten der Alaska-Nationalgarde in Deutschland und Kuwait. Auch Russland hat die fünffache Mutter schon mal gesehen – vom Ufer des von ihr regierten US-Bundesstaates Alaska aus.
«Fühlen Sie sich auf das Amt der Vizepräsidentin vorbereitet?» wagte ABC-Journalist Charles Gibson die Kandidatin dennoch im ersten TV-Interview nach ihrer Nominierung zu fragen. Palin schenkte ihm kalt lächelnd eine Ein-Wort-Antwort: «Selbstverständlich.»
Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten!
Seit Präsidentschaftskandidat John McCain (72) die ehemalige Vize-Schönheitskönigin des nördlichsten US-Staates überraschend zu seiner Stellvertreterin erkor, geht es mit den republikanischen Wahlsiegchancen wieder steil nach oben. Der jugendliche demokratische Kandidat Barack Obama (47), das war gestern.
Sarah Palin hat sein Wahlkampfmotto «Change» (Wechsel) schamlos gekidnappt. Nach Monaten der Obama-Manie ist jetzt Palin der einsame Shootingstar am medialen Wahlkampfhimmel der USA. In nur wenigen Tagen hat das Duo McCain/Palin die Konkurrenten Obama/Biden um einige Prozentpunkte überholt.
Zweifellos kann bis zum Wahltag am 4. November noch viel passieren. Aber Obama und sein Team haben allen Grund zur Nervosität. Denn der Erfolg der Sarah Palin hängt mit dem Bild der liebevollen Ehefrau und arbeitenden Mutter zusammen, das ihr die republikanischen Wahlkampfstrategen auf den Leib geschneidert haben. Und mit den uramerikanisch-konservativen Werten, welche die Gouverneurin so selbstverständlich formuliert.
Natürlich sei sie gegen gegen Abtreibung, auch in Fällen von Inzest und Vergewaltigung. Diesen Satz glaubt man ihr. Schliesslich brachte sie erst vor sechs Monaten ihren Sohn Trig zur Welt, ein Kind mit Down-Syndrom. Klar verstehe sie was von Energieversorgung – Alaska produziert ein Fünftel des amerikanischen Erdölbedarfs. Am Klimawandel sei der Mensch nur in geringem Mass schuld, sagt Palin und gibt damit die Meinung vieler Amerikaner wieder.
Sie sei sicher, nur Gottes Plan zu erfüllen, erklärt sie und macht sich damit zum Darling aller frommen Amerikaner. Dass sie auch noch für die Todesstrafe, den privaten Waffenbesitz und ganz allgemein gegen «das Establishment» in Washington ist, macht sie nicht nur für republikanische Wähler sympathisch.
John McCain ist 72 Jahre alt und nicht ganz gesund. Er leidet bis heute an den Folgen der Kriegsgefangenschaft in Vietnam. Er hatte Hautkrebs. Sollte Präsident McCain amtsunfähig werden, würde Palin ins Oval Office einziehen. Ihr aussenpolitisches Programm ist also wichtig für den Rest der Welt.
Was Palin im Interview mit Gibson zum Besten gab, lässt Europäern das Blut in den Adern gefrieren. Georgien und die Ukraine möchte sie sofort in die Nato aufnehmen. Für die Freiheit Georgiens würde sie auch einen Krieg mit Russ-land riskieren. Sie würde sich Israel nicht in den Weg stellen, sollte Jerusalem einen Angriff auf die Atomanlagen des Irans beschliessen. Den Kampf gegen den islamistischen Terrorismus will sie weiterführen – minus wenige kleine Fehler der amtierenden Bush-Administration.
Was aus europäischer Sicht wie ein Albtraum erscheint, klingt in den Ohren vieler US-Wähler rational und damit überzeugend. Sie empfinden ihr Land als gigantische, von Gott persönlich gesegnete Insel, weit weg vom Rest der Welt. Das «Land der Freien» zu beschützen, das ist die Aufgabe des US-Präsidenten und seines Vize. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und koste es, was es wolle. Dass dies die Europäer nicht verstehen können, verstehen die meisten Amerikaner nicht.