Die Ära Obama

  • Publiziert: 11.38 Uhr, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Johannes von Dohnányi
play Das grosse Tafeln Ein Foto wie ein altmeisterliches Gemälde einer historischen Kaiserkrönung: Nach der Vereidigung bittet der Congress den neuen Präsidenten im Capitol zu Tisch.

Für einen Tag waren Kriegslärm, stürzende Börsenkurse und die täglichen Sorgen vergessen, die uns alle niederdrücken. Die Welt schaute auf Washington und seinen neuen Präsidenten. Ein Hoffnungsschimmer ging um die Erde.

Wie bitte?, empört sich ein Schweizer Freund am Dienstagabend und zeigt auf den bunten Parade-Tatzelwurm, der sich im Fernsehen zur Amtseinführung von Barack Hussein Obama durch Washington schlängelt: «Eine über 100-Millionen-Dollar-Party für den Präsidenten – und das auf dem Höhepunkt der Finanz- und Wirtschaftskrise? Ihr Amis spinnt!»

Da haben die Kameras schon stundenlang die Gesichter all der Schönen, Reichen und Mächtigen, der Stars, Sternchen und – immer wieder – auch unbekannter Bürger gezeigt, die zur Vereidigung des 44. US-Präsidenten angepilgert sind: Schauspieler wie Denzel Washington und Harrison Ford, der Regisseur Steven Spielberg. Umweltgurus wie der ehemalige Vizepräsident Al Gore, altgediente Soldaten wie der Viersterne-General Colin Powell, Künstler wie die Soul-Lady Aretha Franklin und Starchellist Yo-Yo Ma.

Aus europäischer Sicht ist die Empörung verständlich. Bill Clinton verkörperte den technologiegläubigen Fortschrittswahn der Internetgeneration, George W. Bush die imperiale Hybris der letzten verbliebenen Weltmacht. Das desaströse Erbe an Barack Obama: Gleich drei unbewältigte Kriege, eine beispiellose Finanz- und Wirtschaftskrise und ein nahezu bodenloses Budgetdefizit. Im Vergleich dazu waren die Aufgaben des Herkules ein Kinderspiel. Was um alles in der Welt gibt es da zu feiern, ausser vielleicht einer ausgewachsenen Depression?

Von «Demut» spricht der 44. Präsident in seiner Antrittsrede. Jedes andere Wort, finden die Europäer, wäre fehl am Platz. Und interpretieren damit einmal mehr haarscharf am «American Spirit» vorbei. Was Obama mit diesem einen Wort «Demut» alles wachgekitzelt hat, bleibt Europäern unverständlich.

«We the people of the United States». So beginnt die amerikanische Verfassung: Wir, die Bürger. Wie bitte? Wer ist da angesprochen? Wir? Die Bürger? Das haben wir die letzten acht Jahre zumindest nicht mehr gehört. Da galt nur «Wir, die selbst ernannte Elite», nach aussen hin demokratische Strukturen im Dienst einer kleinen, machthungrigen Clique. Jetzt auf einmal wieder wir, die Bürger?

Und nicht mehr, wie unter Bush und seinen Freunden, «wir» als hemmungslos gierige Individuen. Da steht einer vor dem Capitol am Mikrofon und spricht von «community responsability». Das erste Wort bedeutet Gemeinschaft. Das zweite wäre mit Verantwortung nur zur Hälfte übersetzt. Community responsability bedeutet kollektive Pflicht.

Zu was der neue Präsident da aufruft, ist viel mehr, als sich verantwortlich zu fühlen. Hört auf zu jammern, sagt er, packt an, wir alle haben mit der Vielfrontenkrise einen Tiefschlag erlitten. Aber jetzt schütteln wir den Staub ab, alle zusammen, kommen wieder auf die Beine, werden stärker dastehen als zuvor. Weil wir uns auf alte Werte wie Ehrlichkeit, Pflichtgefühl, Anstand und Moral besonnen haben.

In Europa, liebe Freunde, würde ein Politiker mit einer solchen Rede im besten Fall belächelt werden. Wir brauchen solche Sätze, um den amerikanischen Traum immer wieder aufs Neue zu befeuern.

Ach ja – und amüsiert euch nur über die amerikanische Liebe zu ihren Helden. Wie zum schwarzen Boxer Cassius Clay, der zum muslimischen Glauben fand, sich fortan Muhammad Ali nannte, trotzdem weiter für «my country» kämpfte und nach jeder Niederlage wieder aufstand. Von seiner fortgeschrittenen Parkinson-Krankheit geschüttelt sass der alte Fighter am Dienstag auf der Tribune und feierte den «first black president». Oder zum Kriegsveteranen John McCain, der an der Wahlurne verlor und seine Anhänger nur Stunden später zur Zusammenarbeit mit dem Sieger Obama aufrief. Auch er sass auf der Tribüne des Capitol. Selbstverständlich.

Im Alltag kämpfen, Niederlagen einstecken, sich schütteln, aufstehen und weitermachen: Das ist der «American Spirit», den Obama beschworen hat. Mit wenig Pathos, eher nüchtern – «No Drama Obama» hat ihn ein Kommentator genannt. Und das, liebe Freunde, war die Riesensause von Washington allemal wert. We the people of the United States – wir sind wieder da.

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