«Barack Obama ist der American Dream»

  • Publiziert: 08.11.2008, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Interview: Christof Moser

Urs Ziswiler (60) ist Berns US-Botschafter. Am Morgen nach der Wahl sprach er mit SonntagsBlick über Barack Obama und was er der Schweiz bringen wird.

Herr Ziswiler, hätten Sie je für möglich gehalten, dass ein Schwarzer die USA regieren wird?
Urs Ziswiler:
Ich habe mir diese Frage so nie gestellt, aber ich habe auch nie daran gezweifelt, dass dieser Moment irgendwann kommen wird.

Vor 60 Jahren durften Schwarze noch nicht einmal mit Weissen auf eine Schule. Jetzt zieht einer von ihnen ins Weisse Haus. Sind die USA besser als ihr Ruf?
Die Wahl Barack Obamas zum Präsidenten der USA ist historisch für dieses Land. Sie zeigt auch, dass der primitive Antiamerikanismus, wie er in Europa in den letzten Jahren grassierte, nicht berechtigt ist. Für mich ist Obama die Personifizierung des American Dream, des Glaubens daran, dass alles möglich ist.

Wie erklären Sie sich seinen Erfolg?
Barack Obama ist ein aussergewöhnlicher Politiker. Er ist charismatisch, intelligent, ein Kommunikationstalent und dennoch nicht abgehoben. Er hat eine Generation für sich begeistert, die vorher völlig unpolitisch war. Millionen von Amerikanern haben für ihn gekämpft und ihn finanziell unterstützt. Obama hat mit seiner Kandidatur eine Bewegung ausgelöst.

Ist Obamas Wahl den acht Regierungsjahren seines Vorgängers George W. Bush zu verdanken?
Die Umstände machen einen Kandidaten zum Präsidenten. Ohne 9/11 wäre George W. Bush möglicherweise nicht für eine zweite Amtszeit gewählt worden. Obama wurde nicht zuletzt auch wegen der aktuellen Wirtschaftskrise gewählt.

Der 43. Präsident hat das Land gespalten. Trauen Sie dem 44. zu, die USA wieder zu vereinen?
Wenn es jemand schaffen kann, dann sicher er. Noch ist es aber zu früh, darüber zu spekulieren. Obama hat in seinem Wahlkampf den Willen zur Versöhnung der verschiedenen Bevölkerungsgruppen stark betont. Ebenso besitzt er den Willen und die Fähigkeit, die politischen Unterschiede zu überbrücken. Er wird auch Republikaner in sein Kabinett berufen.

Welche Herausforderungen erwarten Präsident Obama?
Er hat riesige Aufgaben vor sich. Seine wichtigste wird die Stabilisierung der Wirtschafts- und Finanzlage der USA sein. Als Bush gewählt wurde, lebten wir in einer friedlichen Welt. Das Barrel Öl kostete 32 Dollar, das Wirtschaftswachstum betrug drei Prozent und der US-Haushalt wies trotz sechs Billionen Dollar Schulden einen Budgetüberschuss aus. Jetzt stehen die USA am Anfang einer Rezession und führen zwei teure Kriege: im Irak und in Afghanistan.

Sind die Erwartungen, die Obama geweckt hat, auch ein Risiko?
Ich denke ja. Er wird fast schon messianisch verehrt. Die grösste Herausforderung wird für ihn sein, seinen Wählern schlechte Nachrichten zu überbringen. «Yes, we can», hat Obama versprochen, jetzt muss er dieses Versprechen einlösen. Allein schon seine Absicht, die US-Armee in den nächsten 16 Monaten aus dem Irak abzuziehen, wird schwer zu realisieren sein.

Auch Europa hat euphorisch auf den neuen US-Präsidenten reagiert. Zu Recht?
Obama hat sich positiv über die Uno geäussert und angekündigt, die USA wieder verstärkt in die internationale Zusammenarbeit einbinden zu wollen. Das sind Signale, die für Europa Anlass zur Hoffnung geben.

Bundesrätin Micheline Calmy-Rey sagt: «Er spricht die gleiche Sprache wie wir.» Was darf die Schweiz von Obama erwarten?
Wenn sich die USA wieder verstärkt in der Uno einbringen, wenn Obama tatsächlich Guantánamo schliesst, wie er angekündigt hat – dann sind das Absichten, die sich mit den Bestrebungen der Schweizer Aussenpolitik decken.

Obama könnte gegen die Steueroase Schweiz die Peitsche schwingen. Wäre für uns McCain die bessere Wahl gewesen?
Das ist eine Mär. Die Beziehungen zwischen der Schweiz und den USA sind gut und werden auch unter einem demokratischen Präsidenten gut bleiben. Ich erinnere daran, dass die aktuellen Diskussionen um den Finanzplatz Schweiz unter der Regierung von Präsident Bush begonnen haben. Der Kongress ist bereits seit zwei Jahren demokratisch dominiert und trotzdem hat niemand die Peitsche geschwungen.

Es gibt also keinen Handlungsbedarf?
Die Problematik der Steueroasen wird wegen der Finanzkrise an Bedeutung gewinnen. Und auch wenn die Schweiz gemäss OECD keine Steueroase ist, können wir das Problem nicht einfach aussitzen. Es gehört zu unseren Aufgaben, proaktiv Kontakte zur neuen Regierung aufzubauen, damit wir dieses Thema über die diplomatischen Kanäle diskutieren können und nicht über die Presse. 

play Zuversicht Urs Ziswiler setzt auf gute Beziehungen. (Karl-Heinz Hug)

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