Amerika hat Trump gewählt Jetzt herrscht das Ich-Imperium

NEW YORK - Warum ein lauter, obszöner New Yorker amerikanischer Präsident werden konnte.

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Morgen will das keiner mehr

Verloren liegt ein zerknüllter Haufen «Hillary for President»-Leibchen auf der 34. Strasse in New York. Adrett gekleidete Menschen strömen daran vorbei, die meisten von ihnen Frauen. Nur noch «five dollar, five dollar» will der Verkäufer für ein T-Shirt.

Ausverkauf in der Wahlnacht. Morgen will das keiner mehr. «Morgen ist Hillary Präsidentin», kreischt eine New Yorkerin. «Yeaaaaah!»

In der Hand hält sie eine der begehrten Karten für die Wahlfeier von Hillary Clinton (69), «für die Siegesfeier», sagt sie. «Das ist historisch.» Miterleben, wie die erste Frau die Wahl ins Weisse Haus annimmt.

Das war am Dienstag um 18 Uhr, New York in bester Laune. Tagsüber wählte die Stadt, danach wollte sie eine Siegerin feiern.

Doch New York ist nicht Amerika. Und Amerika verdirbt New York das Fest. Bereits um 20 Uhr liegt eine gespenstische Ruhe über der sonst so lauten City. Zwar wuseln viele Menschen durch die Strassenschluchten Manhattans. Aber sie staunen, sie schweigen.

Ein Rüpel im Weissen Haus

Donald Trump (70) liegt vorn, und zwar genau dort, wo er gewinnen muss. Dabei gingen die Prognosen von einem frühzeitigen Clinton-Sieg aus.

Zuletzt wird es ein später Triumph von Trump. Eine Sensation! Ein Tycoon, ein Reality-TV-Star, ein Rüpel mit obszöner Zunge erhält Wohnrecht im Weissen Haus. Und die Macht einer Weltmacht.

Eine Überraschung? Ja, aber nicht nur.

Trump hatte einen klugen Plan. Er zielte auf den Rostgürtel ab. Auf die alten Industriestaaten im Norden Amerikas. Während viele Republikaner dachten, sie müssten die Latinos umgarnen, um das Weisse Haus zu holen, dachte Trump an Michigan, Ohio und an Pennsylvania.

Dort leben viele Menschen. Sie sind weiss. Bangen um ihren Job. Sind wütend. Trump versprach ihnen eine Mauer gegen Mexikaner. Er versprach ihnen Einfuhrzölle gegen Chinesen.

Simpel, nicht realistisch – aber verfänglich. Trump rechnete: Gewinnt er im Rostgürtel, gewinnt er das Weisse Haus.

Dass dieser Plan aufgehen könnte, fiel mir im Sommer in Ohio auf. Nie zuvor hätten sich so viele Neuwähler registriert wie dieses Jahr, sagte Stephanie Penrose (44). Seit 15 Jahren leitet sie das Wahlbüro in Warren, einer Stadt, die traditionell demokratisch wählt. «Viele registrieren sich, um im November Trump wählen zu können.»

Als Weisser Mann bin ich eine Minderheit

Vor einem Supermarkt in Warren traf ich Sam (41), weiss, kahl, Single. Er arbeitet als Wächter in einer General-Motors-Fabrik, ist Demokrat. Seit 2000 wählte er nie. «Jetzt wähle ich Trump», sagte er. «Als weisser Mann bin ich in der Minderheit, für mich interessiert sich keiner.»

Einer interessierte sich für Sam: Donald Trump.

Denn Sam gehört dieser vermeintlich vergessenen Minderheit an, die den Baulöwen ins Weisse Haus trug. «Trump gibt mir das Gefühl, es höre endlich wieder jemand meine Probleme.»

Für Sam und Millionen anderer Amerikaner ist Trump der Messias, der sie erlöst von der Globalisierung, vom Neoliberalismus, von allem. «Der hat genügend Wut im Bauch, er könnte uns tatsächlich retten.»

Am Parteikonvent in Cleveland und später an Wahlveranstaltungen zeichnete Trump ein düsteres Bild. Sein Amerika zerfällt, verrottet, ist bedroht von inneren und äusseren Feinden.

Er allein werde das Land vor dem Untergang bewahren. «Ich mache Amerika sicherer», versprach er. «Ich mache Amerika besser.»

Viel zu einfach klangen solche Botschaften in den klugen Zentren Amerikas, in New York, im Silicon Valley oder in Washington.

Dort blieb unbemerkt, was die Geschichte schon mehrmals zeigte: Wer glaubt, er sei ein Verlierer, ist empfänglich für einen, der sich als Sieger gibt.

Selbst wenn der Sieger so vulgär ist wie Trump. Oder gerade deswegen. Der 18-jährige Student Enzo Cespedes sagt mir letzte Woche in Miami, er störe sich nicht daran, wenn Trump abschätzig über Frauen rede. «Trump ist eben ein echter Mann, der seine Männlichkeit nicht versteckt.» Lachend neben ihm stand seine 18-jährige Freundin.

Hoffnung ist stärker als Abscheu

Mehrmals schien Trump geschlagen. Als er die Eltern eines gefallenen US-Soldaten beschimpfte, weil sie Muslime sind. Als bekannt wurde, dass er 20 Jahre lang kaum Steuern zahlte. Als Audio-Aufnahmen auftauchten, die ihn als wüsten Lüstling entblössten.

Die Hälfte der amerikanischen Wähler wischte das weg. Weil die Hoffnung auf die Erlösung stärker ist als die Abscheu über den Erlöser.

Wie kaum jemand versteht Trump die Medien. Stets weiss er, zu wem er spricht. Ständig brachte er sich ins Gespräch. Oft mit unverschämten Kraftausdrücken. Auf einem Kanal, den er völlig losgelöst von den herkömmlichen Medien kontrollierte. Fast 14 Millionen Menschen folgen ihm auf Twitter. Da beschimpfte er Politiker, Länder, Medien.

Wie eine Echokammer nehmen traditionelle Medien jeden Pieps von Trump auf, egal, wie dumm und dumpf er ist. Trump nervte – und das brachte Schlagzeilen, Klicks und Quoten.

Nicht so Hillary Clinton. Über sie wollte eigentlich niemand etwas schreiben oder sagen. Ihre Botschaft «ich habe viel Erfahrung» begeisterte nicht. Ihr fehlte, was es braucht, um ins Weisse Haus zu ziehen: Echte Leidenschaft für ein klares Thema.

Wohl deshalb gingen weit weniger Amerikaner weniger wählen als vor vier Jahren. Womit sich Trumps Triumph ebenfalls erklären lässt.

Am Mittwoch früh, um drei Uhr in der Nacht, hält Donald Trump im Hilton Hotel seine Siegesrede. «Wir haben nicht nur einen Wahlkampf geführt, sondern eine unglaubliche, grossartige Bewegung in Gang gesetzt», ruft er. Er bedankt sich bei Konkurrentin Hillary Clinton. Und trifft erneut den Ton und das Publikum, zu dem er redet. Er probt den Staatsmann, verspricht, «Präsident aller Amerikaner» zu sein.

Draussen ertönen «USA, USA, USA!»-Rufe. Einer verkauft «Make America Great Again»-Mützen. Sie kosten 20 Dollar, am Abend zuvor bot er sie für fünf Dollar feil. Die Nachfrage bestimmt den Preis.

Am Mittwochmorgen, nach einem unerwarteten Ausgang der Wahlnacht, spricht eine masslos enttäuschte, aber souveräne Hillary Clinton in New York. Draussen regnet es. Die Strassen sind leer.

Publiziert am 10.11.2016 | Aktualisiert am 13.11.2016
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49 Kommentare
  • Kunz  Rene 10.11.2016
    "Jetzt herrscht das Ich-Imperium"? Man muss sich mit solcher Schlagzeile ernsthaft fragen, ob es ein Donald Trump Ich-Imperium werden könnte oder wird oder gewisse Schweizer Media das Wir-Imperium aufrechterhalten. Hoffen wir dass die erfolglose Trump bashing bei den liberalen Schweizer wie auch vielen US Media Zeitungen und Nationale Fernsehnetze (ABC,CBS, NBC, CNN usw.) eine Lektion für die Zukunft sein wird und wirkliche Nachrichten (Geschehen) Berichterstattung wieder aufnehmen.
  • Wil  Vonier , via Facebook 10.11.2016
    Trump- wie Forest Gump ! so schlecht wie die meisten Prognostiker sagen, kann nicht werden. Die wirtschaft in den USA wird sich weiter erholen,die Boerse nach 2 Tagen im plus und- Trump wird eine gute Mannschaft um sich scharen.Das Establishment-auch bei uns-hat einen Warnschuss erhalten. Die Wahltaktischen,teilweise dumen,unsinnigen Tiraden sind-vergessen.
  • Kurt   Heller aus Zürich
    10.11.2016
    Eine spätere sachliche Analyse wird Ähnliches ergeben wie beim Brexit: Nämlich, dass die, die heute weinen, mehrheitlich gar nicht an der Urne waren!
    So akzeptieren viel Junge, viele Frauen und linke Freaks heute das Resultat nicht und gehen dafür auf die Strasse...Ganz im Sinne einer gelebten Demokratie.
    • News  Man 10.11.2016
      Auch das Versammlungsrecht gehört zu einer Demokratie. Das Resultat lässt sich dadurch zwar nicht ändern, jedoch den künftigen Präsidenten auf die Anliegen der Bürger aufmerksam machen.
  • Roland  Gurtner 10.11.2016
    Herr Obama ist mut Vorschusslorbeeren überhäuft sein Amt angetreten. An seinen Wahlversprechen ist er grösstenteils kläglich gescheitert. Der vermeintliche Friedensstifter ist in mehr Kriege verwickelt kaum ein Präsident vorher.
    So tief kann Trump nicht fallen, ihm wird ja kaum was zugemutet. Langsam sollten es auch alle hochgebildeten Experten gemerkt haben. Es zählen die Taten nicht die Worte. Deshalb lasst Ihn was tun bevor ihr ihn zerreist.Er ist ja noch nicht einmal im Amt.
    • Daniel  Schlatter , via Facebook 10.11.2016
      Ja Herr Gurtner, Obama ist mit vielem gescheitert. Das amerikanische Zweiparteiensystem bringt es mit sich, dass im Repräsentantenhaus eine der grossen Parteien die Mehrheit hat. Und das waren in den letzten 6 Jahren die Republikaner. Sie sind, ähnlich wie in der Schweiz die SVP, die Verhinderer. In spätestens 2 Jahren, wenn auch Nichtwähler Trump durchschaut haben und ein paar Mio verführte Pappnasen aufgewacht sind, wird er auflaufen: dann haben die Demokraten die Mehrheit! Gutes Gelingen!
  • Boris  Kerzenmacher 10.11.2016
    Die Demokraten haben verloren. "New deal" war angesagt!
    Schon in den Vorwahlen war zu sehen, dass viele in den USA eine Veränderung der Politik wollen.
    B. Sanders ist mit grosser Trickserei der Partei aus dem Rennen geworfen worden. "Weiter so mit H.C.!" war deren Devise. Und genau dieses "weiter so!" hat den Demokraten jetzt den Sieg gekostet.
    Politik ist in den USA seit "Gestern" nicht mehr gegen die eigene Bevölkerung zu machen. Ob sich das auch in Europa rumspricht?
    • Daniel  Schlatter , via Facebook 10.11.2016
      Vorsicht: 59814018 stimmten für Clinton, 59611678 für Trump. "Das Volk" hat eine Niederlage erlitten, das Wahlsystem Trump zum Sieg verholfen. Die Geschichte von 2000 wiederholt sich: damals wählten 50.999.897 Al Gore und 50.456.002 G. W. Bush, Präsident wurde bekanntlich nicht der vom Volk gewählte, sondern der vom System kalkulierte. Demokratie? Nun ja, wenn Sie meinen!
    • Marion  Jost aus Schönenwerd
      10.11.2016
      Da kann ich Herrn Schlatter nur zustimmen! Dieses Wahlmänner-System ist total antidemokratisch denn nach Stimmen hat Hillary gewonnen und genau das ist der Skandal und genau das wühlt die Wähler auf!!!