Türken in der Schweiz «Wir dürfen die Probleme der Türkei nicht in die Schweiz tragen»

Der türkische Wirt Salman Coskun (54) lebt seit 30 Jahren hier. Als einer der wenigen traut er sich, offen über seine Heimat zu reden.

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Salman Coskun sitzt in seinem Restaurant Babo’s an der Zürcher Langstrasse und liest den BLICK. Der Familienvater stammt aus dem Süden der Türkei, lebt aber seit 30 Jahren in der Schweiz. Er ist Mitglied der Cumhuriyet Halk Partisi (CHP), die 1923 von Kemal Atatürk gegründet wurde. Heute ist die CHP die grösste türkische Oppositionspartei – und Coskun ihr Vertreter in der Schweiz. Kann er erklären, was in seiner Heimat passiert?

BLICK: Als Vertreter der CHP sind Sie eine Art Gralshüter der modernen Türkei. Wie beurteilen Sie die Entwicklung in Ihrer Heimat?
Salman Coskun: Die CHP ist die Gründerpartei der Türkei. Damals waren alle möglichen politischen Strömungen vertreten. Mit den Jahren entwickelte sich die CHP zu einer sozialdemokratischen Volkspartei. Auch die Türkei hat sich bewegt: in Richtung einer westlichen Demokratie. Wir haben Gesetze des Westens sowie kulturelle Errungenschaften übernommen. Wie erfolgreich das war, kann man diskutieren. Aber die Grundsätze für eine demokratische Türkei waren vorhanden. Die Trennung von Religion und Politik zum Beispiel.

Und heute?
Wenn ich mir die Türkei heute anschaue, sehe ich ein Werk, das 100 Jahre aufgebaut wurde, um jetzt zerstört zu werden. Seit zehn Jahren teilt die Regierung die Menschen systematisch nach Religion, Herkunft und Lebensstil ein. Das hat Folgen. Treffen sich zwei Türken heute, fragen sie zuerst: Was bist du, Sunnit oder Alevit? Kurde oder Türke? Das ist das zerstörerische Werk dieser Regierung.

Präsident Recep Tayyip Erdogan hat die Mehrheit hinter sich.
Es macht mich traurig, über mein Land, das so schön ist, so zu sprechen. Bei uns sagt man: Familiäre Probleme sollen in der Familie bleiben. Aber der Zustand der Türkei ist kein Familienproblem mehr. Wir dürfen nicht schweigen, in der Türkei ist eine Hexenjagd im Gange. Die Putschisten sollen nach dem Gesetz bestraft werden. Doch die Türkei ist kein Rechtsstaat mehr, sondern ein Ein-Mann-Staat. Geführt von einem, der alle sechs Monate einen neuen Verräter erfindet, um sich an der Macht zu halten.

In Europa befürchten wir die Islamisierung der Türkei. Zu Recht?
Die Türkei bewegt sich stark in diese Richtung. Die Regierung möchte jetzt, dass Kinder in der Schule Arabisch lernen, damit sie den Koran lesen können. Es wurden mehr religiöse Lehrer eingestellt. Das macht mir grosse Sorgen. Aber es ist noch nicht alles verloren. Die Türkei wird nicht islamisiert. Es kommt gut.

Mit oder ohne Erdogan?
Nur ohne ihn. Ich hoffe, dass er bei den nächsten Wahlen abgestraft wird.

Gleichzeitig spitzt sich die Lage im Kurdengebiet zu. Es gab wieder PKK-Anschläge. Ein Pulverfass?
Diese Gewalt ist schrecklich. Die PKK soll die Waffen niederlegen. Aber auch die Regierung muss sich anders verhalten. An all dem hat auch Europa schuld: Es hat Erdogan immer unterstützt.

Viele Türken in Europa trauen sich nicht, die Regierung offen zu kritisieren. Sie schon. Haben Sie keine Angst?
Ich bin ohnehin in der Opposi­tion. Wissen Sie: Ich informiere mich über die Türkei, aber ich mische mich dort nicht ein. Ich lebe hier.

Die Spaltung der Türkei, merkt man die auch in der Schweiz?
Natürlich sind auch wir gespalten. Es gab nach dem Putsch Drohungen von AKP-Anhängern gegen ­andere Türken, Leute werden denunziert. Das ist falsch. Wir dürfen die Probleme der türkischen Gesellschaft nicht in die Schweiz tragen. Was in der Türkei passiert, muss dort bleiben. Wir haben hier unsere eigenen Probleme: Integration, Sprache, Kultur. Unsere Kinder, die nur schwer eine Lehrstelle finden und vielleicht der IS-Propaganda ausgesetzt sind. Das sind unsere Probleme.

Publiziert am 14.10.2016 | Aktualisiert am 04.11.2016
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13 Kommentare
  • Georg  Ritter 14.10.2016
    Herr Coskun sei gemäss Artikel der "Vertreter" der türkischen Partei CHP in der Schweiz. Ich habe nichts gegen die CHP - aber weshalb und wozu braucht eine türkische Partei einen Vertreter in der Schweiz?!
    • Mehmet  Tekin 14.10.2016
      Eigentlich darf die Politik kicht ins Ausland getragen werden.. und diejenigen die diese Politik hier ausüben sind auch die, die angeblich zu 100 Prozent integrierten sind.
  • Hans  Scheidegger 14.10.2016
    Ich gratuliere Salman Coskun für seine offenen und zutreffenden Äusserungen. Sehr mutig und furchtlos. Ich hoffe, dass er in Bezug auf die Islamisierung der Türkei und die nächsten Wahlen recht bekommt. Doch hier sind Zweifel angebracht.
  • Alexandra  Weber aus Kloten
    14.10.2016
    Wie recht er doch hat!!! Hoffentlich lesen das unsere schlafenden Bernermutzen in der Regierung auch!
    ewz
  • Marco  Goby 14.10.2016
    Wenn der gute Mann nach wie vor behauptet, dass die Türkei nicht islamisiert wird, dann schrammt er weit an der Realität vorbei! Fakt ist, dass Erdowahn den Staat zurück in die Steinzeit führt!
  • Daniela  Ponti 14.10.2016
    Erdogan, lässt sich nicht demokratisch weggummieren. Der grössenwahnsinnge Diktator wird seine Schreckensherrschaft ausbauen und betonieren. Das arme Volk. Für uns heisst das nicht viel Gutes.
    • Caner   Toker 14.10.2016
      Erdogan wurde mit 52 Prozent demokratisch gewählt. Die Mehrheit steht hinter ihm. Wen bei der Wahlen jemand anderes gewählt wird vom Volk muss Erdogan seinen Sessel abgeben.