Der beliebteste Badeort der Türkei erlebt die schlimmste Saison seit Jahrzehnten Antalya geht baden

Nur London und Paris besuchen mehr Menschen als Antalya. Doch dieses Jahr verlor die Stadt an der türkischen Riviera vier Millionen Touristen. Ein Augenschein vor Ort.

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Im Swimmingpool des ­Hotels Kervansaray Kundu Beach schwimmen Frösche. Das Wasser schimmert grün, Algen treiben darin. Ein Gärtner wässert Pflanzen. Sonst ist niemand zu sehen. Auf einer Tafel steht: «Wassertemperatur 29 Grad». Der Eintrag stammt vom 31. Juli.

Das Hotel an der türkischen Riviera, zehn Kilometer östlich von Antalya, schloss im Sommer. Mitten in der Hochsaison. Es ist ein All-inclusive-Bunker aus Stahl und Glas, wie hier Dutzende nebeneinanderstehen. Und ein offensichtliches Zeichen dafür, dass etwas im Argen liegt.

Der türkische Küstenort Antalya erlebt die schlimmste Saison seit Jahrzehnten. Nach den Anschlägen in Istanbul und Ankara stornierten Tausende ihre Reservationen. Der Putschversuch im Juli hielt weitere fern. Laut Daten des Flughafens Antalya landeten bis Ende September 4,7 Millionen Gäste in der beliebtesten Tourismusregion der Türkei – 4,1 Millionen weniger als letztes Jahr.

In den Hotelanlagen am Lara Beach scheint zunächst alles wie immer: Gäste aus Deutschland, der Schweiz, Holland und Grossbritannien dösen in der Sonne, planschen im Wasser, steigen auf Jetskis. Alles entspannt. Doch selbst in den Herbstferien bleiben unzählige Liegestühle leer. Am Strand, wo sich sonst Massen drängen, werfen Fischer ihre Angeln aus. Aus Angst vor
Anschlägen fliegen Sonnenhungrige lieber nach Spanien oder Griechenland.

Bisher vom Terror verschont

«Wer die Türkei kennt, hat keine Angst», sagt Sedat Arasan (53), Besitzer von Barracuda’s Watersports. Er betreibt eine Surfschule und bietet Jetskis an. Lächelnd sagt er: «In Angst solltest du eh nicht leben, es kann dich auch im Bett er­wischen.» Seit 30 Jahren betreibt er sein Geschäft. So schlimm wie dieses Jahr, sagt er, war es nie. Mit 50 Prozent weniger Umsatz hat Arasan die Saison nur knapp überstanden.  Andere hätten noch weniger verdient. Jetzt bleibt ihm nur die Hoffnung auf nächstes Jahr. «Es darf bloss keinen Anschlag mehr geben.»

Antalya blieb bisher vom Terror verschont. Viele Badende haben dennoch ein mulmiges Gefühl. Die unschlagbaren Preise lockten sie hierher. Eine Woche All-Inclusive gibts für 450 Euro, samt Flug. Und die Gastfreundschaft: Die Türken geben sich dieses Jahr besonders viel Mühe, der Service sei top.

Auf einer künstlichen Insel des Swimmingpools des Baia-Lara-Hotels fläzen Patrick Wicki (45) und Priska Theiler (45) aus Büron LU auf Liegestühlen.

Ursprünglich buchten sie die Ferien zu neunt. «Wegen der Vorfälle in der Türkei haben ­sieben abgesagt», sagt Wicki. Die Kinder ihrer Freunde bekamen Angst, nachdem in der Schule der Putschversuch thematisiert worden war. Nun seien sie halt zu zweit hier. «Warum nicht? Wir wollten nochmals Sonne tanken. Anschläge können überall passieren.»

Das Herz von Antalya schlägt nur für den Tourismus. Doch ihm geht das Blut aus. Weil Gäste kaum die Hotels verlassen, sind die Folgen am unteren Ende der touristischen Nahrungskette brutal.

Wer vom Strand ins Stadtzentrum fährt, passiert halbfertige Viertel. Wie Skelette stehen die Bauruinen da, Strassen führen ins Nichts. An Ladenlokalen am Stadtrand prangen Schilder des Niedergangs: «kiralik» und «satilik» – zu vermieten, zu verkaufen. Die einst boomende Stadt wirkt an ihren Rändern wie eine Brachlandschaft.

Etwa 80 Prozent weniger Kunden

Heil scheint die Welt noch in der Altstadt zu sein. Die Altbauten sind renoviert, die Strassen blitzblank. Doch wo sich sonst Bummler und Schnäppchen­jäger auf den Hacken stehen, herrscht gähnende Leere. Vor ihren Läden spielen Verkäufer Backgammon, trinken Tee, warten auf Kundschaft. Freundlich, aber unaufdringlich bieten sie ihre Ware an. «Komm Bruder, tritt ein», sagen sie auf Deutsch, wenn man sie grüsst.

Im Yasmin Organik Tekstil bietet Nihat Subakan (40) Hamam-Tücher und Geschenkartikel an. «Wir verdienen noch 40 bis 50 Euro am Tag», sagt er. Damit sich sein Geschäft lohnt, müsste er 400 Euro einnehmen. Etwa 80 Prozent weniger Kunden kämen. Er könne kaum die Miete bezahlen. «Ich hoffe, nächstes Jahr wird alles wieder gut.»

Gleich daneben winkt uns Özden Kose (46) freundlich zu sich. Der Tuchhändler verkauft seit Jahrzehnten Stoffe. «Es macht uns so traurig, wir leben von den Schweizer Gästen, aber die kommen einfach nicht mehr.» Fünf bis zehn Tücher verkauft er noch am Tag. Das reicht nicht, um die Schulden zu bezahlen. Noch so eine Saison, und er muss den Laden schliessen. So weit werde es nicht kommen, sagt er. «Nächstes Jahr kommen die Schweizer wieder. Sie haben ein gutes Herz.»

Publiziert am 10.10.2016 | Aktualisiert am 15.10.2016

Schweizer meiden die Türkei: 70% weniger Buchungen

Vor kurzem war sie noch eines der beliebtesten Reiseziele, jetzt kehren Schweizer Touristen der Türkei den Rücken. «Für die Destination Türkei war das Jahr 2016 eine Katastrophe», sagt Kuoni-Sprecher Marcel Schlatter.

Um 65 Prozent brachen die Buchungen bei Kuoni ein. Noch drastischer ist der Rückgang bei Hotelplan: 2016 reisten 70 Prozent weniger Schweizer in die Türkei als im Vorjahr.

Dabei blühte in den Jahren zuvor der Tourismus. Vor allem an der Südküste wurden massenhaft neue Hotels und Ressorts hochgezogen und alte ­renoviert. «Ab 2010 setzte ein Trend vom westlichen zum östlichen Mittelmeer ein», sagt Hotelplan-Sprecherin Prisca Huguenin-dit-Lenoir. Jährlich steigen die Buchungen im zweistelligen Prozentbereich.

2014 verzeichnete die Türkei fast 400'000 Einreisen aus der Schweiz – mehr als Griechenland. Im Spitzenmonat Juli 2015 reisten laut dem türkischen Tourismus-Ministerium 5,5 Millionen ausländische Besucher ins Land.

Davon können die Türken heute nur noch träumen. Im Juli 2016 kamen noch 3,5 Millionen Touristen – ein Rückgang um 36 Prozent. «Als nach den Terroranschlägen auch noch der Putschversuch kam, war das zu viel für die Tou­risten», sagt Kuoni-Sprecher Schlatter. 

Zusammen voller Energie: Erdogan (l.) und Putin gestern in Istanbul. Kayhan Ozer

Erdogan, Erdogas

Istanbul – Zum ersten Mal seit ihrer Versöhnung vor zwei Monaten trafen sich gestern der türkische  Präsident Recep Tayyip Erdogan (62) und Russlands Präsident Wladimir Putin (64) in Istanbul. Zur Hauptsache ging es um Geschäfte: Erdogan will sein Land «mit umfangreichen Investitionen zum Erdgas- und Energiehandelszentrum» machen, wie er sagte. Dazu braucht er die Russen. Zur Offensive gehört die Pipeline Turkish Stream, die russisches Erdgas nach Südeuropa bringen soll. Putin und Erdogan besiegelten das Grossprojekt – jetzt, da man es wieder gut miteinander hat.

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21 Kommentare
  • Ömer  Kiybar aus Hausen
    12.10.2016
    Also mein Kumpel war gerade wieder in Alanya und er meinte, das Hotel wäre full....
  • Bürki  Nicole 12.10.2016
    Ich habe soeben meine Türkeireise nach Belek gebucht. Ich unterstütze damit nicht die Regierung des Landes sondern den Reiseleiter, den Kellner, das Zimmermädchen, den Taxifahrer, den Bauer der seine Ware dem Hotel liefert, usw.
    • Wolfgang  Tully 12.10.2016
      Sie unterstützen zwar den Reiseleiter usw. Jedoch jubeln diese Personen doch Erdogan zu und somit unterstützen sie durch Ihren Urlaub in der Türkei auch Erdogan.
    • Regula  Rütli aus Luzern
      12.10.2016
      Herr Tully, rückgratlosen Leute, denen ihr eigener Vorteil am wichtigsten ist, kümmert das nicht. Dank solcher Reisenden wie Frau Bürki lacht sich der Sultan Erdowahn ins Fäustchen!
  • Serdi  Schweizer 11.10.2016
    Es kommt mir vor als der Blick Schadenfreude hat;-) ich finde es total die falsche Entscheidung was leider viele tun. Ein Beispiel: wenn ich die Schweizerpolitik/Wirtschaft schlecht finde, dagegen bin.. kaufe ich extra im Ausland ein. Mache keine einzigen Ausflüge im Lande, damit ich den Staat nicht unterstütze!? Denkt mal drüber nach! Denkt an unsere Hotelier, wenn wir mal in der Schweiz ein solches Problem haben wären wir auch froh wenn die Anderen Länder kämen.
  • Marlies  Hess aus Langenthal
    11.10.2016
    Ich habe genug Türken in der CH um mich. Nicht alle sind freundlich...wenn wir Strand Ferien machen, dann in keinem Muslimischen Land. Wegen den "Unkonformen" Badeanzüge. Meistens machen wir aber Rundreisen und sind höchstens 2-3 Tage an einem Strand. Das langt uns.
  • steff  walther 11.10.2016
    Wieder einmal liest man wie schlecht es den Türken gehen soll. Vergleicht man dies jedoch mit Diskussionen aus dem eigenem Umfeld sieht es bezüglich Leerstand weit anders aus. Bei Weitem nicht so schlimm wie hier dargestellt wird. Doch wie wir allen Wissen ist Jammern bei der Touristikbranche das was sie sehr gut können.