Tausende suchen nach Angehörigen: Sie bringt Flüchtlinge wieder zusammen

Sie vermissen ihre Eltern, Geschwister oder ihre Ehefrau: Unzählige Flüchtlinge verlieren auf der Flucht nach Europa den Kontakt zu ihrer Familie. Organisationen wie das Rote Kreuz wollen ihnen helfen, die Liebsten wiederzufinden. Dabei kann auch Facebook helfen.

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Das Schweizerische Rote Kreuz hat im vergangenen Jahr über 1000 Suchaufträge erhalten. Die Suche nach vermissten Flüchtlingen sei schwieriger geworden, sagt Nicole Windlin, Leiterin des Suchdienstes. SRK

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Wahid Moradi ist nur die Erinnerung geblieben – und die Hoffnung. Der junge Mann aus Afghanistan hat seine Familie zuletzt gesehen, als er das Boot Richtung Griechenland bestieg. Mutter Asefe, Vater Jan Mohammad, seine drei jüngeren Brüder Farid, Mohammad und Amir sowie seine Schwester Aida waren auf ein anderes Boot gedrängt worden, als sie an der türkischen Küste die nächste Etappe auf ihrer beschwerlichen Flucht aus der Heimat in Angriff genommen hatten.

Wahid schlug sich ohne seine Familie bis nach Deutschland durch. Denn eine Möglichkeit, seine Eltern und Geschwister telefonisch zu erreichen, gab es nicht. Der Flüchtling hatte weder Handynummer noch ein Foto, das ihm bei der Suche seiner nächsten Angehörigen hätte helfen können. 

Vermisstmeldung via Facebook

Bei dem Schicksal des jungen Afghanen, der angibt, 25 Jahre alt zu sein, aber deutlich jünger aussieht, handelt es sich um Fall 296 des österreichischen Hilfsprojekts «Search and find your family for refugees». Auf einer öffentlichen Facebook-Seite veröffentlicht die Organisation seit vergangenem Herbst Vermisstmeldungen von Flüchtlingen wie Wahid, die auf der Flucht nach Europa Familienangehörige verloren haben. 

Familienzusammenführung nach zwei Jahren Trennung

Die Chancen, dass Wahid auf diese Weise seine Familie wiederfindet, sind intakt. Rund die Hälfte der Flüchtlinge, die sich bei «Search and find your family for refugees» gemeldet haben, hätten ihre vermissten Angehörigen gefunden, sagt Nagy. «So konnten wir zum Beispiel eine Familie zusammenbringen, die sich seit zweieinhalb Jahren nicht mehr gesehen hatte, obwohl sie – ohne es zu wissen – in derselben Stadt lebte.»

Der 39-jährige gelernte Schneider hat den Facebook-Suchdienst nach einem Hilfseinsatz für Flüchtlinge vergangenen Herbst mit Unterstützung weiterer Freiwilliger ins Leben gerufen. «Die Idee leitete sich aus eigener Erfahrung ab: Verliert man seine Kollegen am Oktoberfest in München, dann ist Facebook eine gute Möglichkeit, sich wiederzufinden», sagt Nagy. «Wir glaubten, dass das so ähnlich auch im Falle vermisster Flüchtlinge funktionieren könnte.»

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Jimmy Nagy (rechts) ist nicht nur Initiator des Flüchtlings-Suchdienstes auf Facebook, sondern hat in St. Pölten auch eine Übungswerkstatt für geflohene Schneiderinnen und Schneider aus Syrien gegründet. Julian Pöschl

Zugegeben: Sie seien das Projekt anfangs ziemlich naiv angegangen, sagt Nagy rückblickend. Doch die Idee scheint sich zu bewähren. Der Österreicher sieht die Facebook-Seite als Ergänzung zu den Suchdiensten etablierter Hilfswerke. So arbeitet die Organisation eng mit Organisationen wie dem Roten Kreuz zusammen, das in knapp 30 Ländern Europas professionelle Suchdienste für Flüchtlinge betreibt. Auch Flüchtling Wahid hatte sich erst beim Deutschen Roten Kreuz gemeldet. 

Über 1000 Suchanfragen beim SRK

In der Schweiz setzt sich die nationale Rotkreuz-Gesellschaft seit über hundert Jahren für die Suche nach vermissten Angehörigen ein. Ihre Arbeit sei in den vergangenen Monaten schwieriger geworden, sagt Nicole Windlin, Leiterin des Suchdienstes des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK). «Die Erfolgsquote hat sich verringert, weil Gesuchte und Suchende ständig in Bewegung sind.»

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Die Gefahr, dass sich Flüchtlinge verlieren, ist an Grenzübergängen am grössten. AP

Zudem registriere man seit Ende letzten Jahres eine grosse Zunahme an Vermisstmeldungen – insbesondere von unbegleiteten Minderjährigen. «Allein im Januar und Februar erhielten wir diesbezüglich mehr Anfragen als im gesamten Jahr zuvor», sagt Windlin. Viele der Flüchtlinge hätten die Schweiz im vergangenen Sommer erreicht und fänden nun – oftmals nach erfolgloser Suche von Verwandten auf eigene Faust – den Weg zu den Helfern des Roten Kreuzes. «Wer nicht mehr weiter weiss, kommt zu uns», sagt Windlin.

Im vergangenen Jahr gingen über 1000 Suchanfragen beim SRK ein, laut Windlin etwa 20 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Wie der junge Flüchtling Wahid Moradi stammt ein grosser Anteil der Suchenden aus Afghanistan und haben den Kontakt zu den vermissten Personen in fast drei Vierteln der Fälle wegen Migration oder Konflikten verloren. Die Leiterin des Suchdiensts schätzt, dass rund jeder fünfte Fall positiv abgeschlossen werden konnte – die vermissten Angehörigen also gefunden wurden. Rund 500 Fälle sind derzeit noch offen.  

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Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz veröffentlicht jeden Monat rund 80 Suchmeldungen von Flüchtlingen. Screenshot familylinks.icrc.org

Um den Personen auf lokaler Ebene Zugang zu den Dienstleistungen zu geben, arbeitet das SRK mit freiwilligen Helfern in der ganzen Schweiz. Sie nehmen die Suchaufträge entgegen und leiten sie an das Team in Bern weiter. Der Suchdienst ist mit anderen nationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Organisationen sowie dem Internationalen Roten Kreuz vernetzt und veröffentlichen Fotos der Suchenden auf der internationalen Plattform «Trace the Face». Zudem werden in Asylunterkünften in ganz Europa Suchplakate aufgehängt. 

«Wir handeln sehr vorsichtig»

Auch bei der Suche nach vermissten Familienangehörigen hält das Rote Kreuz dabei den Grundsatz der Neutralität hoch. Nur wenn beide Seiten einer Familienzusammenführung zustimmen, komme diese zustande, sagt Windlin. So wird verhindert, dass eine Person gegen ihren Willen aufgespürt wird.

Die Wahrung des Datenschutzes und der Persönlichkeitsrechte von Gesuchten wie Suchenden steht auch für die Betreiber der Facebook-Seite «Search and find your family for refugees» im Zentrum. «Wir handeln sehr vorsichtig, insbesondere bei Minderjährigen», sagte Initiator Nagy. Kinder würden nur öffentlich gesucht, wenn es sich bei den Suchenden nachweislich um deren Eltern handle oder die Meldung «von jemandem mit berechtigtem Interesse» stamme.

Suche auch per SMS möglich

Das gleiche Ziel, aber eine gänzlich andere Strategie verfolgt die Nonprofit-Organisation Refugees United, kurz Refunite. Im Jahr 2008 von zwei dänischen Brüdern gegründet, will die Organisation Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. «Refunite befähigt Flüchtlinge, die Suche nach ihrer Familie in die eigenen Hände zu nehmen», sagt die Kommunikationsverantwortliche Lotta Relander. 

Lost and Found - the story of Refugees United

Herzstück der NGOs bildet eine Online-Plattform mit über 400'000 registrierten Usern – ein «Google für die Suche nach Flüchtlingen», wie das Tech-Magazin «Wired» die Datenbank bezeichnet. Wer jemanden sucht, kann online, per SMS oder auch über eine Hotline einen Suchauftrag abschicken, woraufhin die Angaben über die gesuchte Person mit den freiwillig angegebenen Daten der User verglichen werden. Bei einem Treffer hat der Suchende die Möglichkeit, dem potentiell Gesuchten eine Nachricht zu schicken. 

Expansion im Mittleren Osten

Monatlich bringe man 100 bis 150 Familien zusammen, sagt Refunite-Sprecherin Relander. Konzentrierte die Organisation mit Sitz in Kopenhagen ihre Dienste bislang stark auf afrikanische Länder wie Kenia, der Demokratischen Republik Kongo oder Somalia, expandiere man aktuell im Mittleren Osten. Denn insbesondere in dieser Region sowie in Europa habe man in den vergangenen Jahren eine starke Zunahme an Registrierungen festgestellt, sagt Relander.

Inzwischen arbeitet die NGO beispielsweise mit der Deutschen Telekom zusammen, welche die Plattform in mehreren Asylunterkünften im Land kostenlos zugänglich macht. In der Hoffnung, dass Menschen wie Wahid Moradi aus Afghanistan für ihre hartnäckige Suche eines Tages belohnt werden. Und irgendwann auf der Facebook-Seite des Suchprojekts der kurze Eintrag erscheint: «Wir schliessen Fall 296 – Gelöst».

Publiziert am 30.03.2016 | Aktualisiert am 14.04.2016
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5 Kommentare
  • Hans  Wurst aus St. Gallen
    30.03.2016
    Es ist hinlänglich bekannt, dass Familien in den Krisengebieten ihre Kinder voraussenden, weil sie wissen, dass sie einfacher ins gewünschte Land kommen. Danach wird die ganze Familie behördlich nachgezogen. Dies soll nicht barbarisch tönen, ist einfach Tatsache.
  • Michael  Rudolf 30.03.2016
    Das Suchen nach Angehörigen, wenn denn, beweist doch einmal mehr, dass sich die Leute gar nicht registrieren lassen oder unter falschem Namen. Auch dass sie nicht zusammen geflohen oder gereist sind.
    Bei registrierten Migranten, von denen man den Aufenthalt kennt sollte ein Wiederfinden doch kein Problem sein.
  • Pascal  Meier 30.03.2016
    Das sind wirklich sehr traurige Geschichten und ich hoffe es gibt niemand der hier der kein Mittleid zeigt. Ich würde empfehlen dass sich einfach alle zu einem Treffpunkt begeben. z.B Hauptbahnhof in Aleppo, dort können sich alle wieder in die Arme nehmen und auch hier sind alle Glücklich.
    • Thomas  Maeder 30.03.2016
      Das sehe ich auch so. Vor allem sind es diejenigen, die die verfehlte Politik anderer ausbaden können: Korrupte Diktatoren, religiöse Extremisten, die Golfstaaten, die diese unterstützen, der Westen und Russland mit ihren Waffenlieferungen und Bombardements, die Türkei, die die Flüchtlingswelle für ihre eigenen politischen Zwecke ausnützt usw. usf. Es machen ziemlich viele hier keine gute Falle.
    • Thomas  Stalder , via Facebook 31.03.2016
      na ja, für "Lamine Doudou" - Foto unten rechts - ist Aleppo wohl die falsche Destination.