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Lal Mohammed kauert auf seinem Bett im Krankenhaus von Kabul. Dicke Verbände bedecken Ohren und Nase. Der Kopf ist gesenkt und seine Augen sind leer. Mohammed wollte wählen gehen, doch seine Stimme gab er nie ab.
Das ist geschehen: Am 20. August macht sich Mohammed auf den Weg zum nächsten Wahllokal, um seinen Präsidenten zu wählen. Eineinhalb Stunden Fussmarsch liegen vor dem achtfachen Vater. Mohammed ist die Wahl wichtig, die Drohungen der Taliban, die zum Wahlboykott aufgerufen haben, schlägt er in den Wind.
Plötzlich versperren ihm drei bewaffnete Kämpfer den Weg – die Kalaschnikows im Anschlag. Sie durchsuchen den Bauern und finden seine Wahlunterlagen. «Da schlugen sie mit ihren Gewehrkolben auf mich ein», erzählt Mohammed der Zeitung «Independent». «Sie wollten mir eine Lektion erteilen.»
«Ich wollte nur noch sterben»
Die drei Taliban-Kämpfer prügeln auf Mohammed ein, traktieren ihn bis er zu Boden fällt. Einer der Kämpfer schmeisst sich auf den hilflosen Bauern, hält ihn mit seinen Knien am Boden fest – dann zückt er ein Messer. «Ich hatte fürchterliche Schmerzen, als er mir die Nase abschnitt. Dann kam ein anderer und tat dasselbe mit meinen Ohren. Überall war Blut. Ich wollte nur noch sterben».
Nach dem Gemetzel lassen die Kämpfer den Familienvater auf der staubigen Strasse zurück – sein Todesurteil. Doch Mohammed hat einen Schutzengel: Ein anderer Bauer kommt vorbei, lädt den schwerverletzten Mohammed auf seinen Esel und macht sich auf den Weg zur nächsten Hauptstrasse.
Einen Tag dauert der Höllenritt, immer wieder verliert Mohammed das Bewusstsein. «Ich dachte, ich überlebe den Ritt nicht.» Doch schliesslich erreichen die drei die Hauptstrasse. Sie halten ein Taxi an, das den Schwerverletzten nach Kabul ins Krankenhaus bringt.
Kein Einzelfall
Mohammed ist nicht der Einzige, bei dem die Taliban ihre Drohungen wahr gemacht haben. Während des Wahltages wurden über 80 Menschen verletzt, 26 mussten ihren Wahlgang sogar mit dem Leben bezahlen. Viele sollen ihre Finger verloren haben. Die Taliban hatten gedroht, die mit Tinte eingefärbten Daumen der Wähler abzuschneiden.
Viele Afghanen waren aber nicht so mutig wie Mohammed. Aus Angst vor Anschlägen der Taliban lag die Wahlbeteiligung nur bei 40 bis 50 Prozent. Während von Wahlbetrug und Manipulation die Rede ist, und Mohammed ohne Nase und Ohren im Krankenhaus liegt, wächst der Vorsprung von Amtsinhaber Hamid Karzai vor Herausforderer Abdullah Abdullah.
Ob Lal Mohammed je wieder wählen geht? «Die Taliban haben uns gewarnt. Sie sagten, die Wahl sei eine Verschwörung der Ausländer gegen den Islam. Ich glaube nicht, dass ich jemals wieder wählen gehen werde. Ich habe Angst», sagt der Bauer resigniert. (s5j)