Streit und Spekulationen

  • Publiziert: 12.03.2006, Aktualisiert: 14.01.2012

DEN HAAG – Uno-Chefanklägerin Carla del Ponte schliesst einen Selbstmord von Slobodan Milosevic nicht aus, sein Anwalt glaubt an Mord. Derweil streitet die Familie des jugoslawischen Ex-Präsidenten über den Ort der Beisetzung.

Als der Mediziner gestern in die Zelle von Slobodan Milosevic gerufen wurde, konnte er zwar den Tod des 64-Jährigen, nicht aber die Todesursache feststellen. Deshalb nahmen heute Mittag zwei niederländische Gerichtsmediziner im Beisein zweier serbischer Pathologen eine Autopsie vor.

Ergebnisse der Obduktion von Milosevics Leichnam erwartet Carla del Ponte heute Abend oder Montag früh. Die Chefanklägerin des Kriegsverbrecher-Tribunals wollte nichts zu Spekulationen über eine Vergiftung des ehemaligen Präsidenten sagen. Sie schloss aber nicht aus, dass sich Milosevic das Leben genommen hatte.

Sein Freitod könnte seine «letzte Kampfansage» an das Uno-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag gewesen sein, sagte Del Ponte in einem Interview mit der italienischen Zeitung «La Repubblica». Als mögliches Motiv vermutete sie, dass sich der Prozess seinem Ende näherte und er möglicherweise seinem Urteil entgehen wollte.

Del Ponte hatte bereits gestern verärgert auf den Tod Milosevics reagiert. «In einem Moment war alles verloren. Es würde keinen Milosevic- Prozess mehr geben», sagte sie zur italienischen Zeitung «La Repubblica». Für sie als Vertreterin der Opfer, die Gerechtigkeit verlangten, sei dies «eine komplette Niederlage», so die Uno-Chefanklägerin. Del Ponte betonte, durch den Tod des Ex-Präsidenten würden die Festnahmen des Anführers der Bosnisch-Serbischen Radovan Karadzic und seinem Militärchef Ratko Mladic noch dringlicher.

Wohin mit Milosevics Leiche?

Derweil über die Todesursache des ehemaligen jugoslawischen Präsidenten gerätselt wird, ist es in der Familie von Slobodan Milosevic heute zum Streit über den Ort der Beisetzung gekommen.

Die Vorschläge reichten von Serbien über Montenegro bis zu Russland: Bei einer Beisetzung in Serbien würde Milosevics Grab vermutlich zu einem Anlaufpunkt für seine Anhänger. Die Trauerfeierlichkeiten dort wären aber ein Problem für seine Frau Mirjana Markovic und seinen Bruder Marko, die beide mit internationalem Haftbefehl gesucht werden und die sich nach Russland abgesetzt haben. Wie die serbische Nachrichtenagentur Beta berichtete, sprachen sich beide deshalb dafür aus, Milosevic in Moskau beizusetzen.

Milosevics Bruder Borislav, der auch in Moskau lebt, sprach sich aber für Serbien als Beisetzungsort aus. Dieser solle «in seinem eigenen Land» beerdigt werden, da er ein «Sohn Serbiens» sei. Milosevics Tochter Marija regte eine Beerdigung in Montenegro an, von wo die Familie stammte. Der Expräsident solle im Familiengrab in dem Dorf Lijeva Rijeka beigesetzt werden, das rund 50 Kilometer nördlich der Hauptstadt Podgorica liegt. «Er ist kein Russe», sagte sie Beta mit Bezug auf die Vorschläge, Milosevic in Moskau beizusetzen.

Die Sozialistische Partei Serbiens möchte Milosevic in der «Allee der Helden» beigesetzt sehen, einem Friedhof für prominente Serben. Eine andere Möglichkeit sei sein Geburtsort Pozarevac rund 50 Kilometer von Belgrad.

Milosevic befürchtete Vergiftung

Slobodan Milosevics Anwalt Zdenko Tomanovic präsentierte heute in Den Haag einen auf den 10. März datierten, sechsseitigen Brief Milosevics an die russische Botschaft. Darin heisse es, bei einer Untersuchung im Januar seien in seinem Blut Spuren eines starken Medikaments gegen Tuberkulose oder Lepra entdeckt worden. Der Expräsident sei ernsthaft besorgt gewesen, sagte Tomanovic weiter. «Sie würden mich gerne vergiften», habe Milosevic ihm gesagt. Er habe den Häftling am Freitagnachmittag um 16.30 Uhr das letzte Mal gesehen. Am Samstag wurde Milosevic wurde tot in seiner Zelle gefunden. Tomanovic kritisierte, dass das UN-Tribunal die Bitte der Familie abgeschlagen habe, die Leiche ausserhalb der Niederlande zu obduzieren.

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