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Halbzeitpause im Fussballspiel Schweiz gegen Nigeria. Es ist Dienstagabend, 21.30 Uhr. Millionen Nigerianer, die ihrem Team vor den Bildschirmen die Daumen drücken, wissen noch nicht, dass ihre Mannschaft nach dem Abpfiff im fernen Zürich als Sieger vom Platz gehen wird. Dafür erfahren sie im Werbeblock, dass in der Schweiz nicht alles so schön ist, wie sie vielleicht meinen.
Die Schweiz – das Land, in dem Milch und Honig fliessen? «Glaubt nicht alles, was ihr hört», wird am Ende des TV-Spots eingeblendet, der auch jetzt noch im nigerianischen Fernsehen zur besten Sendezeit ausgestrahlt wird – im Auftrag der Eidgenossenschaft, wie SonntagsBlick-Recherchen zeigen.
Der Spot führt den Afrikanern drastisch vor Augen, was sie nach einer Flucht in die Schweiz im vermeintlichen Paradies erwarten können: ein Leben in Armut, ohne Perspektiven, ein Leben als Bettler oder Obdachlose.
Realisiert hat die Anti-Asylanten-Kampagne die Internationale Organisation für Migration (IOM) – «finanziert von der Schweizer Regierung», wie im Abspann des Spots zu lesen ist. Im Radio läuft die Kampagne ebenfalls. Auch werden im ganzen Land Flyer mit der Abschreck-Botschaft verteilt, geschmückt mit einem grossen Schweizer Kreuz.
Staatlich finanzierte Antiwerbung für die Schweiz – das ist ungewöhnlich. Normalerweise ist der Bund um jeden Preis bemüht, die Schweiz im Ausland ins beste Licht zu rücken. Dafür geben die staatliche Image-Agentur Präsenz Schweiz und Schweiz Tourismus jedes Jahr Millionen aus. In Afrika aber tut die Schweiz genau das Gegenteil.
«Wir haben die Verpflichtung, diesen Menschen aufzuzeigen, was eine Flucht für sie für Folgen haben kann», begründet Eduard Gnesa (55), Direktor des Bundesamts für Migration (BFM) die ungewöhnliche Aktion. Gnesa selbst hatte die Idee für die Schockkampagne: «Die Flüchtlinge sollen sich keine falschen Vorstellungen machen von der Schweiz.»
Grund für die Propaganda-Offensive, die aus dem ordentlichen Budget von Bundesrat Christoph Blochers Migrationsamt bezahlt wird und weniger als eine halbe Million Franken kosten soll, ist der wachsende Strom von Wirtschaftsflüchtlingen aus Afrika. Immigranten, die aus wirtschaftlicher Not in die Schweiz kommen wollen, um hier ihr Glück zu versuchen, haben keine Chance auf eine Aufenthaltsbewilligung. In den letzten Jahren wurden in der Schweiz rund 300 000 unqualifizierte Jobs abgebaut. Dank EU-Personenfreizügigkeits-Abkommen kann die Schweizer Wirtschaft auf ein Reservoir von über 200 Millionen Menschen im erwerbsfähigen Alter zurückgreifen. Afrikaner werden hier als Arbeitskräfte kaum gebraucht. So bleibt ihnen in der Schweiz oft nur der Asylantrag und ein Leben ohne Arbeit. Davor will der Bund sie bewahren – auch um Kosten im Asylbereich zu sparen.
Ein weiterer Grund: Tausende afrikanischer Migranten ertrinken jedes Jahr auf ihrer Flucht im Mittelmeer. «Auch vor dieser Gefahr wollen wir sie warnen», sagt Amtsdirektor Gnesa. Mit der Anti-Migrations-Offensive nimmt die Schweiz eine Pionierrolle ein. Und weil kein europäisches Land für Asylanten attraktiv sein will, ist jetzt auch die EU auf die TV-Spots aufmerksam geworden. Die EU beteiligt sich bereits an einem ähnlichen Schweizer Projekt in Kamerun.
Wie erfolgreich die Kampagne ist, lässt sich noch nicht sagen. Von Januar bis Oktober zählte das BFM 246 Asylanträge von Nigerianern – 37 mehr als vor Jahresfrist. Aus Kamerun kamen 105 Flüchtlinge: 53 weniger als 2006.
Nächstes Jahr soll sich entscheiden, ob die Aktion weitergeführt wird. Im Moment diskutiert das BFM mit der Demokratischen Republik Kongo die Möglichkeit einer solchen Kampagne. Gnesa: «Ich kann mir gut vorstellen, diese Idee in weiteren afrikanischen Ländern zu starten.»