«So lief meine Befreiung»

  • Aktualisiert am 20.01.2012
  • Von Martin Meier
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BOGOTÁ – Sie herzen sich, sie umarmen sich, sie können ihr Glück nicht fassen. Nach sechs Jahren Geiselhaft ist Ingrid Betancourt (46) endlich wieder bei ihren Kindern.

Als sie Melanie und Lorenzo zum letzten Mal sah, waren sie Teenager. Jetzt stehen zwei junge Erwachsene vor ihrer Mutter. Als die Nachricht von Ingrid Betancourts Befreiung um die Welt ging, setzten sich Melanie (22) und Lorenzo (19) in Paris sofort ins ¬Flugzeug und flogen nach Bogotá.

Dort erfahren sie aus erster Hand, wie der grosse Coup ablief. «Wir wurden gezwungen, in Handschellen den Heli zu besteigen, das war sehr demütigend», schildert Ingrid Betancourt ihre letzten Minuten als Farc-Geisel. Die Demütigung weicht schnell grenzenloser Freude. «Plötzlich haben sie die beiden Rebellen, die mit uns an Bord waren, entwaffnet, und der Leiter der Operation schrie: ‹Wir sind die kolum¬bianische Armee, sie sind frei›.»

«Wir haben geweint und uns umarmt»

Der Heli sei fast abgestürzt. «Weil wir angefangen haben, zu klatschen und zu schreien und auf und ab zu springen. Wir haben geweint und uns umarmt. Wir konnten es nicht glauben», sagt Betancourt. «Es ist ein Wunder.» Sechs Jahre lang bangt die Welt um das Leben der einstigen kolumbianischen ¬Präsidentschaftskandidatin. Anfang Jahr kann das Militär Ingrid Betancourt, 14 weitere Geiseln und ihre Bewacher orten. Dank topmoderner US-Technik. Doch eine Befreiung ist zu riskant.

Angang März gibt ein Spitzel dann den Hinweis auf das Versteck von Raul Reyes, der Nummer zwei der Farc. Es folgt ein Militärschlag gegen sein Hauptquartier. Reyes stirbt, dem Geheimdienst fällt ein Schatz in die Hände: dessen Laptop. Darauf: Sämtliche Korrespondenz, geheime Strategien, internationale Kontakte und Lagepläne!

Anhand der Mails gelingt es, Kommandostruktur und Kommunikationswege der Farc zu rekonstruieren. Resultat: Mehrere Führer stellen sich oder werden erschossen. Die Farc ist orientierungslos. Und die Rebellen sind verstreut, ohne Kontakt zueinander.

Die Rebellen reingelegt

Die grosse Chance für die kolumbianische Regierung. Sie startet die «Operation Schachmatt». Der Geheimdienst schleust Agenten in die Farc ein. Und lässt Befehle des Farc-Sekretariats fälschen, wonach die Geiseln zusammengelegt werden sollen. Die Rebellen fallen darauf rein. Führen die Geiseln zusammen, und die Regierung weiss sogar wo. Und wieder türkt sie eine Botschaft – es ist die letzte, die entscheidende.

Den Rebellen wird mitgeteilt, dass die Geiseln mit zwei Helis ¬ausgeflogen werden. Sie sollen Farc-Chef Alfonso Cano vorgeführt werden. Ahnungslos besteigen die Geiseln die Helis – in die Freiheit. Der Albtraum hat sich in ein Hollywood-reifes Happy End aufgelöst. Die berühmteste Geisel der Welt ist frei.

Auf der Militärbasis in Bogota umarmt Betancourt später als Erstes ihre Mutter. Und sie dankt ihrem einstigen politischen Gegner, Präsident Alvaro Uribe. «Danke Kolumbien.» Dieser feiert die Stunde des grössten Triumphs seines Lebens. Und verspricht: Wir werden auch die restlichen 700 Geiseln im Urwald nicht verfaulen lassen.»

Mit der geglückten Geisel-Befreiung macht sich Uribe selbst sein wertvollstes Geburtstags-Geschenk. Heute wird der Präsident 56.

Überglücklich herzen sie sich: Mutter Ingrid Betancourt, Tochter Melanie und Sohn Lorenzo.- AP

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