Das Gruben-Drama in Chile So hilft die Nasa den Kumpeln

  • Publiziert: 29.08.2010, Aktualisiert: 20.01.2012
  • Von Johannes von Dohnanyi

Gegen Stollenkoller mit den Regeln der Mars-Mission. Spielen, Sport und Disziplin.

Feuchtheiss ist es in 700 Meter Tiefe. Stockdunkel. Und nahezu totenstill. 17 endlose Tage hörten die eingeschlossenen Bergleute nur die eigenen Stimmen, die eigenen Schritte. Und das Ächzen des Bergs, wenn sich Millionen von Tonnen Fels über ihnen wieder mal bewegten.

Seit ein Sondierungsbohrer am Sonntag letzter Woche die Decke zu ihrem Verlies durchbrach, können die 33 chilenischen Kumpel wieder hoffen. Inzwischen werden sie von oben mit Lebensmitteln, Wasser und Medikamenten versorgt. Es gibt ein wenig Licht. Ein Mini-Projektor wirft Videofilme an die Felswand. Doch die Bohrung des Rettungsschachts, durch den sie an die Oberfläche geholt werden sollen, könnte bis Weihnachten dauern.

Raumfahrtmedizin gegen Klaustrophobie

«Wir kennen die psychologischen und körperlichen Probleme, die auf die Männer in diesen dreieinhalb Monaten zukommen», sagt Dr. Michael Duncan. Der stellvertretende Chefarzt der US-Raumfahrtbehörde Nasa ist Spezialist für die Simulation jahrelanger Weltraumreisen, etwa zum Mars. Anfang der Woche wird er mit drei weiteren Fachleuten zur Kupfermine von Copiapó fliegen, um die chilenischen Retter bei ihrer Arbeit zu unterstützen.

Duncan ist verblüfft, mit welcher Selbstverständlichkeit die Bergleute seine wichtigste Regel aus eigener Kraft erkannt und für sich angewandt haben: «Ohne einen geregelten Tagesablauf und ohne eiserne Disziplin würden da unten schnell Aggression und Gewalt die Oberhand gewinnen.»

Schichtleiter Luis Urzúa hat sich unterdessen als geborener Anführer der Eingeschlossenen erwiesen. Unter seiner Leitung haben die Verschütteten ihren begrenzten Lebensraum in mehrere Zonen aufgeteilt. Gemeinsam mit seinen Männern hat Urzúa beschlossen, an welchen Orten des Stollens geschlafen, wo gegessen und sogar wo gebetet wird. Dieser Mann, sagt Duncan, «wird bis zum Tag der Rettung mein wichtigster Verbündeter sein».

Doch Führungsstärke allein dürfte nicht genügen, um die psychische Stabilität der Männer aufrechtzuerhalten. Um bei Kräften zu bleiben, sollen sie Sport treiben. Ein Nasa-Arzt wird sie im Übungsprogramm unterweisen, das er sonst den Astronauten im Spaceshuttle verordnet. «Monatelang faul rumliegen ist für die Seele gefährlich», heisst es bei der Nasa. «Geregelte Aktivitäten helfen, Depressionen zu verhindern.»

Weil die Kumpel in ihrem Elend auch Spass haben müssen, werden sie von oben mit diversen Spielen versorgt. «Nichts Kompliziertes wie Schach, das könnte Frustrationen auslösen», rieten die beiden Nasa-Psychologen, die zum Rettungseinsatz nach Copiapó abkommandiert worden sind. «Aber auch nichts, was im Entferntesten mit Sieg und Niederlage im kriegerischen Sinn zu tun hat.»

Schon jetzt werden die Kumpel mit Astronauten-Nahrung versorgt. Nun will die Nasa die Essensrationen mehr auf den Geschmack chilenischer Bergleute abstimmen.

So müssten die Eingeschlossenen eigentlich leicht bis Weihnachten durchhalten. Nur zunehmen dürfen sie nicht. Denn der Rettungsschacht wird knapp 70 Zentimeter Durchmesser haben. 

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