Erdbeben in Haiti Sie graben mit blossen Händen

  • Aktualisiert am 19.01.2012

PORT-AU-PRINCE – Mehrere Erdbeben haben gestern innerhalb weniger Minuten den Karibikstaat Haiti erschüttert. Menschen irren durch die Strassen, suchen schreiend ihre Angehörigen.

Der Horror bricht um 16.53 Uhr Ortszeit (22.53 MEZ) über Haiti herein: Ein Beben mit der Stärke 7,0 erschüttert den verarmten Inselstaat. Zeugen berichten, Häuser seien wie vom Erdboden verschluckt worden. An einigen Orten bricht Feuer aus, Staub liegt über Port-au-Prince, Menschen irren durch die Strassen. Schreiend suchen sie nach ihren Angehörigen.

Wieviele Opfer das verheerende Beben gefordert hat, ist noch unklar. «Die Toten werden nach Hunderten gezählt werden müssen», sagte ein Arzt, der bei dem Erdstoss selbst verletzt wurde. Noch schlimmer skizziert das Ausmass der Zerstörung eine Sprecherin einer US-Hilfsorganisation: Einer ihrer Mitarbeiter in Port-au-Prince befürchte gar «tausende Tote».

Chaos in der Stadt

In der Hauptstadt Haitis ist Chaos ausgebrochen. Der Präsidenten-Palast, das «Weisse Haus» von Haiti, liegt in Trümmern. Unter anderem sind auch mehrere Ministerien, das Parlament und Schulen schwer beschädigt. Haitis Präsident René Préval hat aber überlebt. Er und seine Frau seien «am Leben und gesund», sagte Haitis Botschafter in Mexiko, Robert Manuel.

Ein Mitarbeiter einer Hilforganisation sagt gegenüber Reuters: «Die ganze Stadt ist dunkel. Die Menschen versuchen mit Taschenlampen, Verschüttete aus den Trümmern zu ziehen.» Mit blossen Händen wühlen sie in den zerstörten Häusern. Auf Twitter schreibt der Manager des Hotel Oloffson: «Die Leute beten und singen in den Strassen.»

Strassen mit Trümmern übersät

Auch das Hauptquartier der Uno-Mission in Haiti wurde laut einem lokalen Uno-Mitarbeiter zerstört. Ein Mitarbeiter einer Hilfsorganisation berichtete, an einer der Hauptstrassen in Port-au-Prince seien mehr Häuser eingestürzt als noch stünden.

Eingeschlossene rufen verzweifelt um Hilfe. Die Strassen der Stadt sind mit Trümmern übersät und unpassierbar. Nach Angaben der US-Botschaft in Haiti brachen in Port-au-Prince die Telefonverbindungen zusammen.

Wie ein AFP-Korrespondent berichtete, kam es in einem Vorort der Hauptstadt zu Plünderungen. Die Plünderer bedienten sich demnach in einem eingestürzten Supermarkt im Norden von Port-au-Prince.

USA versprechen Hilfe

Auch die USA rechnen mit zahlreichen Toten. «Unsere Diplomaten vor Ort haben viele Leichen auf den Strassen und Gehwegen gesehen», sagte ein Sprecher des US-Aussenministeriums. «Es scheint klar, dass es zahlreiche Tote gibt», fügte Philip Crowley hinzu.

US-Präsident Barack Obama bot Haiti umgehend Hilfe an. Seine Gedanken und Gebete seien bei den Menschen auf Haiti, sagte er. US-Aussenministerin Hillary Clinton erklärte, die USA würden zivile und militärische Hilfe bereitstellen. Rund 70 Rettungskräfte mit Suchhunden aus den USA sollen bei der Suche nach Opfern helfen.

Drei starke Nachbeben

Laut Angaben des US-Erdbebenzentrums hatte das Beben die Stärke 7,0. Es ereignete sich kurz vor 23.00 Uhr MEZ, das Epizentrum befand sich 16 Kilometer westlich der Hauptstadt Port-au-Prince in zehn Kilometer Tiefe.

Es folgten drei ebenfalls starke Nachbeben. Für einige Teile der Karibik wurde eine Tsunami-Warnung ausgegeben, später aber wieder aufgehoben. Auch im 260 Kilometer entfernten Santiago de Cuba im Südosten Kubas waren die Erschütterungen laut Anwohnern zu spüren.

Haiti liegt zusammen mit dem Nachbarstaat Dominikanische Republik auf der Insel Hispaniola. In dem Land, einem der ärmsten der Welt, leben rund neun Millionen Menschen. Mehr als die Hälfte von ihnen muss mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen. (SDA/hhs)

Schweiz schickt Hilfe

Richtung Port-au-Prince, wie EDA-Informationschef Lars Knuchel erklärte. Das Team dient als «Brückenkopf», um die Lage vor Ort zu klären. Gemäss Knuchel hat die Schweiz der Regierung Haitis bereits ein Hilfsangebot unterbreitet. Der Einsatz der Rettungskette des Schweizerischen Korps für Humanitäre Hilfe werde geprüft. Die Behörden in Bern stünden in Kontakt mit der Schweizer Botschaft in Port-au-Prince sowie mit dem Kooperationsbüro der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA). Weitere Informationen des EDA stellte Knuchel für den Nachmittag in Aussicht. Die Glückskette hat ein Spendenkonto eröffnet: Postkonto 10-15 000-6 mit Vermerk «Haiti». (SDA)
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