Schweizer müssen Klarheit schaffen Justiz geht im Todesfall Rakhat Alijew weiterhin von Selbstmord aus

WIEN - Der ehemalige Vize-Aussenminister und Botschafter Kasachstans, Rachat Alijew, hat sich in Wien in einer Zelle erhängt. Nun werden Zweifel an der Suizid-Darstellung laut. Schweizer Profis sollen den Krimi nun lösen.

Todesfall Rakhat Alijew: Schweizer Justiz soll Fall aufklären play
Rakhat Alijew hat sich im Gefängnis Josefstadt in Wien erhängt. AFP PHOTO

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Die von der Wiener Justiz gesicherten Beweise schliessen einen Mord am kasachischen Ex-Botschafter Rakhat Alijew in seiner Gefängniszelle «mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit» aus. Sie reagiert damit auf ein neu erschienenes Gutachten, welches im Fall Alijew von Mord ausgeht.

Ein von Alijews Witwe beauftragter deutscher Rechtsmediziner ist zum Schluss gekommen, dass Alijew im Februar 2015 in seiner Gefängniszelle «von fremder Hand» gestorben sei. Charakteristische Blutergüsse im oberen Brustkorb machten Alijews Tod zu einem «Lehrbuchfall» für das sogenannte «Burking» (Ersticken durch Niederdrücken des Brustkorbs bei gleichzeitigem Zuhalten von Mund und Nase), hatte der renommierte Mediziner Bernd Brinkmann am Montag vor Journalisten in Wien gesagt. Selbstmord- oder Unfallthesen wies der Wissenschafter als «Fantasiegebilde» zurück.

Die Wiener Justiz geht jedoch weiterhin von Selbstmord aus. «Von einer Wende kann schon deshalb nicht die Rede sein, weil die Staatsanwaltschaft Wien eine Reihe von gegenteiligen Beweisergebnissen erbracht hat, die sich alleine jetzt noch nicht als entkräftet darstellen lassen», sagte Sektionschef Christian Pilnacek am Dienstag im Ö1-Morgenjournal.

Justiz verweist auf bisherige Gutachten

Der Leiter der Strafrechtssektion im Justizministerium verwies auf Gutachten über die Videoanlage und den Schliessmechanismus der Zellentür, bei denen es jeweils keine Manipulationen gegeben habe. Ausserdem seien alle Personen befragt worden, die mit Essens- und Medikamentenausgabe beschäftigt gewesen seien, und der Gerichtsmediziner Reinhard Haller habe eine Stellungnahme über die «Suizidgeneigtheit» von Aliyev abgegeben.

Laut einem von der Wiener Wochenzeitung «Falter» zitierten Forensiker, der anonym bleiben wollte, könnten die von Brinkmann monierten Male unterhalb der Strangulationsmarke von einem missglückten ersten Selbstmordversuch stammen. «Die Druckstauungen sind für mich erklärbar», so der Mediziner.

Vermutlich hat sich Alijew zweimal in die an der Wand befestigte Schlinge gelegt. Beim ersten Mal hat er den Kopf noch einmal aus der Mullbinde gezogen, ehe er bewusstlos wurde. Der Suizidversuch könnte die Blutstauungen produziert haben, aber noch keine Verletzungen am Hals, sagte der Experte der Zeitung.

Stellungnahme aus St. Gallen erwartet

Pilnacek wollte zu den medizinischen Feststellungen Brinkmanns nicht Stellung nehmen. Als «nicht nachvollziehbar» bezeichnete der Spitzenbeamte jedoch den Vorhalt, die Obduktion sei «allein in Richtung Selbsttötung aufgebaut» worden. Schliesslich sei die Rechtsmedizin in St. Gallen «bewusst ausgewählt» worden, «um Vermutungen der Nicht-Objektivität auszuschliessen».

Der Sektionschef schloss aber nicht aus, dass der Fall neu aufgerollt werden könnte. Zunächst sei abzuwarten, was die Experten in St. Gallen zu den Ausführungen Brinkmanns sagen. Die Schweizer Rechtsmediziner hätten zugesagt, noch vor Weihnachten eine Stellungnahme zu liefern. «Wir denken, dass dann zumindest einmal die medizinischen Fragen hinreichend geklärt werden können», sagte Pilnacek.

Alijew war seit Sommer 2014 in Wien in Untersuchungshaft gesessen, weil er zwei kasachische Bankmanager ermordet haben soll. Wenige Wochen vor Prozessbeginn im Wiener Straflandesgericht wurde Alijew erhängt in seiner Zelle aufgefunden. (SDA/nbb)

Publiziert am 13.12.2016 | Aktualisiert am 13.12.2016
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