Schweizer Diplomat Manuel Bessler über die Situation in Syrien Die Entscheidung fällt auf dem Schlachtfeld

Seit drei Jahren reist der Schweizer Diplomat Manuel Bessler regelmässig nach Syrien und verhandelt mit der Regierung. So selbstsicher wie jetzt hat er das Regime noch nie erlebt.

Freiwillige Helfer tragen einen Verwundeten aus der Feuerlinie im Stadtteil Heluk der syrischen Stadt Aleppo. play

Freiwillige Helfer tragen einen Verwundeten aus der Feuerlinie im Stadtteil Heluk der syrischen Stadt Aleppo.

AFP/Thaer Mohammed

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Manuel Bessler verhandelt mit der syrischen Regierung über den Zugang für Helfer. play

Manuel Bessler verhandelt mit der syrischen Regierung über den Zugang für Helfer.

Pascal Mora

Kaum hatte er die libanesische Grenze nach Syrien überschritten, erblickte Manuel Bessler (58) ein Café der US-Kette Dunkin’ Donuts. «Dahinter hingen grosse Fotos von Präsident Assad.»

Nach nur vierzig Minuten Fahrt erreichte der Delegierte des Bundesrats für humanitäre Hilfe die syrische Hauptstadt Damaskus. «Verblüffend normal ist der Alltag», so Bessler. Jetzt sitzt er wieder in seinem Berner Büro, eben zurück aus Syrien, wo seit fünf Jahren der Bürgerkrieg tobt – mit weit über 400'000 Todesopfern. Genaue Zahlen fehlen.

Aus einem regionalen Konflikt ist ein «Weltmachtkampf» geworden, wie «Der Spiegel» schreibt. Wo Russen, Amerikaner, Iraner und Saudis um Einfluss pokern. Und wo deshalb Millionen leiden müssen.

«Syrische Regierung ist selbstsicherer geworden»

Dennoch sagt Bessler: «In Damaskus sind die verstopften Strassen das Schlimmste.» Seit drei Jahren reist er nach Syrien, sein Auftrag: humanitäre Diplomatie. Oft verhandelt er mit der syrischen Regierung. Stets geht es um besseren Schutz für die Zivilbevölkerung und besseren Zugang für humanitäre Helfer. Auf seiner jüngsten Reise besprach er zudem das Schicksal der Palästinenser.

Sechs Treffen hatte er bisher mit Ministern des Diktators Bashar al-Assad (51). Bessler: «Die syrische Regierung ist selbstsicherer geworden.»

Schockiert ist die Welt über die Brutalität, mit der die syrische Armee in Aleppo vorgeht. Präsident Assad signalisiert damit: Er sucht die Lösung auf dem Schlachtfeld, nicht am Verhandlungstisch. Was wenig überrascht. Er weiss Russland hinter sich. Und er verzeichnet militärische Erfolge. Die Frontlinien verschieben sich zu seinen Gunsten. Aus Sicht Assads sind die 200'000 eingekesselten Bewohner in Aleppo «Terroristen».

13,5 Millionen brauchen humanitäre Hilfe

Die Menschen in Damaskus redeten kaum darüber, hingegen sei der Frust bei den ausländischen Helfern gross, sagt Bessler. Wenn wieder ein Konvoi des World Food Program (WFP) der Uno nicht in eine der belagerten Städte darf. «Das ganze Land ist in Bewegung», beschreibt der Diplomat die Situation. Vor Kriegsbeginn im März 2011 lebten 22 Millionen Menschen in Syrien, jetzt sind es noch 18 Millionen.

Davon sind über 13,5 Millionen täglich auf humanitäre Hilfe angewiesen. Wobei 5,47 Millionen in Regionen leben, die belagert oder nur schwer und unregelmässig zu erreichen sind.

Rund 6,1 Millionen Syrer ziehen als Binnenflüchtlinge durchs Land. «Die humanitäre Hilfe sichert ihr Überleben», so Bessler, «aber nicht das Leben.» Eine politische Lösung sieht er nicht. «Wir verteilen Pflaster, niemand geht die Ursache an.»

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Wie Teppichhandel

Zumal «über humanitäre Hilfe wie Teppiche verhandelt wird», sagt der Diplomat. Hört die Regierung etwa, dass die Opposition fünf Lastwagen durchlasse, lässt sie auch fünf durch, stellt aber neue Bedingungen. Tage dauere es, bis die Hilfe am richtigen Ort ankommt. «Alles geschieht auf dem Rücken der Zivilisten.»

Die Kriegswirtschaft boomt. Verfünffacht haben sich Preise für Lebensmittel. «Gewisse Leute haben ein Interesse, dass der Krieg weitergeht.» Gross ist das Leid. Eine Million Häuser sind kaputt, dazu 70'000 Fabriken. 4,6 Millionen haben das Land als Flüchtlinge verlassen.

Für sie möchte der ägyptische Unternehmer Samih Sawiris (59) sichere Zonen festlegen und Städte errichten (BLICK berichtete). Eine Idee, welche beide US-Präsidentschaftskandidaten begrüssen, Hillary Clinton (68) wie auch Donald Trump (70). Bessler ist skeptisch. «Politisch ist die Region ein Pulverfass», sagt er.

«Solche Zonen bedingen grossen politischen Willen, den sehe ich in der Region nicht.» Er erinnert an die Schutzzone in Srebrenica im Bosnienkrieg. Sie endete 1995 mit einem Massaker an 8000 Menschen. «In Kriegen gibt es stets Versprechungen, die nicht gehalten werden.»

Eine internationale Polizei wäre nötig

Er blickt auf die Landkarte vor ihm. Die Türkei wolle keine solchen Städte. «Im Libanon leben bereits heute schon mehr als eine Million syrische Flüchtlinge, jeder vierte Flüchtling ist ein Syrer.» Der Irak drohe immer tiefer im Chaos zu versinken. Der Tenor in Jordanien: Das Boot ist voll.

Abgesehen von politischen Hindernissen sieht Bessler praktische Probleme. «Eine solche Stadt wäre ein Anziehungspunkt – auch für Extremisten.» Kämpfer könnten dort versuchen, junge Leute zu rekrutieren oder sich eine Zeit lang zu erholen, bevor sie wieder zurück an die Front zögen.

Trotzdem seien die Menschen nicht vor Anschlägen gefeit, denn es sei schwierig, solche Städte zu sichern. Nötig wäre eine internationale Polizei. «Kein Land der Region würde dies zulassen, schon gar nicht Syrien, der Libanon oder die Türkei, die am meisten syrische Flüchtlinge beherbergen.»

Bessler fürchtet: «Dieser Konflikt wird uns Jahre beschäftigen.» Enden werde er erst, wenn der Leidensdruck nicht mehr auszuhalten sei.

Publiziert am 09.10.2016 | Aktualisiert am 15.12.2016
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14 Kommentare
  • Koni  Kadir , via Facebook 09.10.2016
    Krieg ist die Fortführung der Politik mit anderen Mitteln. Dass sich die Amerikaner aus Syrien zurückgezogen haben, kann ein Glück sein. So hört endlich der unsinnige Stellvertreterkrieg auf. In ein paar Monaten ist das Land befriedet.
  • Lucio Silva  Safnanno aus San Vito Lo Capo
    09.10.2016
    Ein Krieg ist immer ein lukratives Geschäft für viele, auch für die Hilfsorganisationen und auch unser Diplomat wird nicht gratis da runter fliegen sondern für ein stattliches Gehalt mit Spesen.
  • Ines Maria  Giezendanner aus Viganello
    09.10.2016
    Warum zwingt man die USA nicht, alle Flüchtlinge aufzunehmen ? Schliesslich haben sie diesen Krieg angezettelt, nur weil sie die 2 russischen Stützpunkte in Syrien liqudieren wollen. Dass die UNO nichts unternimmt, um diesem Schrecken ein Ende zu bereiten zeigt einmal mehr, wie ein Amerika-höriges Gebilde sie ist, unfähig die Schuldigen an die Kandare zu nehmen.
  • Othmar   Huber 09.10.2016
    Ja - vielleicht ändert sich was, wenn tatsächlich das Unglaubliche geschieht und TRUMP gewählt wird. Wenn die USA die Lieferungen an die sogenannten Partner Saudi Arabia, Katar, etc. stoppt, ja wenn sie klar erkennen lässt, dass sie jeden Geldfluss an die Terror-Organisationen unterbindet - es könnte vielleicht gelingen, die Todes Spirale, die die USA seit Jahren mit Ihrer "Demokratisierung" angerichtet hat, zu stoppen.
    • Dracomir  Pires aus Bern
      09.10.2016
      Trump wird leider nicht gewählt, denn seine Gegner haben ein elf Jahre (!) altes Video aus dem Aermel gezaubert.
    • Heinz  Waterkamp 09.10.2016
      Sie sind ein Träumer. Trump erzählt nur Blödsinn. Wenn dieser Selbstdarsteller gewählt wird, dann gute Nacht. Die Versprechungen die dieser Komiker jetzt macht kann die USA überhaupt vollstrecken. Was meinen Sie wie die Realität, gerade bei den Rüstungskonzernen, aussieht. Die USA sitzen bis zum Hals international in ein Dilemma.
    • Max  Stirni 09.10.2016
      Das ist auch meine Hoffnung und genau deshalb fürchtet sich das politische Establishment ja so vor einem Trump. Es ist nicht, weil er extrem "rechts", sexistisch oder er auf dem diplomatischen Parkett unerfahren ist.

      Nein, was sowohl Demokraten wie Republikanern sauer aufstösst ist, dass da ein Aussenseiter kommt, der nicht mit ihnen zusammen in den Studenteverbindungen war. Der eine unabhängige Agenda von der verfilzten Classe Politique hat, die nur sich selbst bedient und nicht das Volk.
  • Daniel  Kohler aus Wohlen
    09.10.2016
    Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Der Demokratische Aufstand ist doch schon vor Jahren gescheitert, Assads Sieg schon vor dem Eingreifen der Russen abzusehen. Der Westen hat den Zeitpunkt fuer Verhandlungen ungenutzt verstreichen lassen. Jetzt, wo der Zug abgefahren ist, pfeifft das Regime auf Verhandlungen. Nun mit Graeuelpropaganda Stimmung gegen das Regime zu machen ist fuer die Hilfsorganisationen kontraproduktiv.