Haiti Schon mehr als 110'000 Tote – Suche eingestellt

PORT-AU-PRINCE – Nach zehn Tagen wird die Bilanz des Erdbebens von Haiti immer schrecklicher: Das Innenministerium hat schon 111'499 Leichen gezählt. Noch gibts aber kleine Wunder.

  • Publiziert: 23.01.2010, Aktualisiert: 13.01.2012
play In solchen Massengräbern werden die Opfer der Katastrophe beerdigt. (Reuters)

Neben den Toten gibt es auch viele Verletzte: mehr als 193000. Über 609000 Menschen leben nach der Zerstörung ihrer Wohnungen und Häuser in rund 500 Feldlagern. Bislang waren die Behörden von 75000 Toten und 250000 verletzten Menschen ausgegangen.

Helfer konnten gestern die 84-Jährige Carida Roman lebend aus den Trümmern bergen. Freunde hätten die Frau aus ihrem eingestürzten Haus in Port-au-Prince befreien können, sagte ihr Sohn der Nachrichtenagentur AFP. Die alte Dame befindet sich nun im Spital.

Nach Angaben eines Helfers hat sie zahlreiche gebrochene Rippen und kämpft mit dem Überleben. Israelische Rettungskräfte bargen einen 22-Jährigen Mann aus den Ruinen eines dreistöckigen Gebäudes. Er befand sich demnach in einem vergleichsweise stabilen Zustand.

Waren sie die letzten Überlebenden aus den Trümmern? Heute hat die Regierung in Haiti die Phase der Such- und Rettungsarbeiten für beendet erklärt. Seit dem Beben am 12. Januar seien 132 Menschen lebend aus den Trümmern geborgen worden, teilte die Uno in Genf mit.

Hafen wieder in Betrieb

Inzwischen wurde der Hafen von Port-au-Prince teilweise wieder geöffnet. Rund ein Drittel der Anleger seien in Betrieb, sagte eine Sprecherin der Vereinten Nationen. Der Hafen werde ausschliesslich für die Versorgung Haitis mit humanitärer Hilfe genutzt.

Nach Angaben des US-Militärs liegen rund zehn Schiffe mit Hilfsgütern im Meer vor Anker. Es wird jedoch mit mehrwöchigen Reparaturarbeiten gerechnet. Die Wiederaufnahme des Hafenbetriebs dürfte die Versorgung Haitis mit Lebensmitteln, Treibstoff und Medikamenten verbessern. Bei der Versorgung aus der Luft hatte sich der Flughafen von Port-au-Prince als Nadelöhr erwiesen.

Geologen rechnen für die kommende Zeit mit weiteren starken Nachbeben in Haiti. Die Gefahr weiterer Erdstösse werde «für Monate, wenn nicht gar für Jahre weiterbestehen», warnte die zuständige US-Forschungsbehörde US Geological Survey in Washington. Die Chance, dass es in den kommenden 30 Tagen ein Nachbeben der Stärke 6 geben wird, liege bei 25 Prozent. Ein Beben der Stärke 5 habe sogar eine Wahrscheinlichkeit von 90 Prozent.

TV-Spendengala für Opfer

Bei einem Spendenmarathon sammelten in den USA 130 Hollywood-Stars und Musiker für die Opfer von Haiti. Schauspieler George Clooney, der durch die US-weit ausgestrahlte TV-Sendung führte, sagte, die Menschen auf Haiti würden nach dem verheerenden Erdbeben nicht alleine gelassen.

In der Sendung, die live in zahlreichen Sendern wie MTV, ABC, Fox und CNN übertragen wurde, traten Bands wie Coldplay und der Rocker Bruce Springsteen auf. Zahlreiche Prominente, wie die Schauspielerinnen Reese Witherspoon und Julia Roberts, nahmen an Telefonen Spenden entgegen. (SDA/hhs)

Toni Frisch: «Jeden Tag einen Schritt weiter»

Toni Frisch, Chef der Humanitären Hilfe des Bundes, hat in Haiti eine vorsichtig optimistische Bilanz der bisherigen Arbeit gezogen. «Jeden Tag kommen wir einen Schritt weiter», sagte er gestern Abend über das Vorankommen der Hilfsaktionen in dem Karibikstaat. Es gebe Erfolgserlebnisse, sagte Frisch. Im «Hôpital de lUniversité de lEtat dHaiti» in Port-au-Prince arbeiteten Schweizer Ärzte sehr eng und sehr wirkungsvoll mit haitianischen Kollegen zusammen. Diese Schweizer Equipe seien voraussichtlich noch zwei Monate im Einsatz. Sie versorgten Patienten aus der Hauptstadt, aber auch aus der Umgebung. «Zum Teil sind es Menschen, die seit dem Erdbeben noch keinerlei Hilfe bekommen haben,» sagte Frisch, der sich von Donnerstag bis heute vor Ort ein Bild der Lage macht. Zeitdruck besteht laut Frisch für das Bereitstellen von provisorischen Unterkünften. «Denn in etwa sechs Wochen beginnt in Haiti die Regenzeit», sagt er.

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