Minarettverbot Sagen Schweizer, was Europa nur denkt?

  • Aktualisiert am 16.01.2012
  • Von Georg Nopper

BERLIN – In der Schweiz dürfen keine Minarette mehr gebaut werden. Das beschert den Eidgenossen kritische Kommentare aus dem Ausland. Doch das Volk würde anderswo in Europa wohl gleich entscheiden.

Die Umfragen sagten der Anti-Minarett-Initiative ein knappes Resultat voraus. Jetzt wurde das Verbot mit 57,5 Prozent überraschend deutlich angenommen. Im Ausland löste das auf offizieller Seite grösstenteils eine Mischung aus Überraschung und Befremden aus.Frankreichs Aussenminister Bernard Kouchner etwa kommentierte das Abstimmungsresultat gegenüber dem TV-Sender «RTL» so: «Wenn man keine Minarette mehr bauen kann, dann bedeutet es, dass man eine Religion unterdrückt.» Dann wurde er noch deutlicher: «Es ist ein Ausdruck von Intoleranz, und ich verabscheue Intoleranz.»In Österreich tönt es ähnlich: «Hier ist es so, dass wir grundsätzlich Religionsfreiheit haben. Und zur Religionsfreiheit gehören auch Gotteshäuser», sagte Innenministerin Maria Fekter.«Ein Hurra auf die Schweiz!»Rechtsaussen-Parteien hingegen jubeln: «Ein Hurra auf die Schweiz!» Mit diesen Worten kommentierte die Chefin der rechtspopulistischen Dänischen Volkspartei (DF), Pia Kjaersgaard, das Minarett-Verbot bei den Eidgenossen.Auch der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders, Vorsitzender der Partei für die Freiheit (PVV), lobt den Volksentscheid der Schweizer: «Zum ersten Mal haben sich Menschen in Europa der Islamisierung widersetzt», sagte er der Zeitung «De Telegraaf.»Die offen fremdenfeindliche Lega Nord in Italien hielt mit ihrer Begeisterung für das Abstimmungsresultat bei der Anti-Minarett-Initiative ebenfalls nicht zurück. Und die rechtsextreme Front National von Jean-Marie Le Pen in Frankreich schrieb in einer Mitteilung: «Die sogenannten Eliten sollten endlich aufhören, die Befürchtungen der Menschen in Europa zu ignorieren.»Online-Abstimmung: 83 Prozent gegen MinaretteDie Rechtspopulisten sind offenbar nahe am Puls der Bevölkerung. Welcher Wind den Muslimen in Europa ins Gesicht bläst, zeigt eine Studie des Instituts für Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld. Demnach sind 54,4 Prozent der Europäer der Meinung, der Islam sei eine «Religion der Intoleranz».In Grossbritannien haben 277000 Menschen eine Petition gegen eine geplante Moschee in Ost-London unterschrieben.Im Zusammenhang mit der Schweizer Volksinitiative wollte «Bild.de» in einer Online-Abstimmung von den Lesern wissen, wie sie über die Minarett-Frage denken. Bis jetzt haben 43615 Menschen ihre Stimme abgegeben. 83 Prozent sind der Meinung: «Religionsfreiheit ja, aber Minarette gehören nicht in das Bild eines westeuropäischen Landes.»Initiative in Dänemark und den Niederlanden?Europäische Rechtspopulisten wollen diese Chance nutzen und nach dem Vorbild der SVP-Kampagne gegen Minarette ankämpfen. Die dänische Rechtspopulistin Kjaersgaard kündigte eine Initiative im Parlament an, mit der sie ein entsprechendes Referendum erreichen will. Der niederländische Islam-Kritiker Wilders äusserte sich gegenüber dem Tessiner Radio «RSI» dahingehend, dass auch die Niederländer bald über ein Minarett-Verbot abstimmen sollen.«Wer will seine Hand dafür ins Feuer legen, dass hierzulande eine Volksabstimmung ein anderes Ergebnis gezeigt hätte?», fragt die deutsche «Stuttgarter Zeitung» angesichts der Tendenzen, die sich mit dem Abstimmungsresultat der Eidgenossen deutlich gezeigt haben.
Das Minarett: Offenbar Stein des Anstosses für viele Menschen in Europa.- Reuters

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