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Noch bevor die russischen Panzer in Südossetien den ersten Schuss abgefeuert hatten, wurden in Tiflis Internetseiten der georgischen Regierung attackiert. Seitdem wird Moskau verdächtigt, hinter dem «Cyberwar» gegen Georgien zu stehen. Von seinem Schreibtisch in Berlin aus hat der Journalist Evgeny Morozov bewiesen, wie einfach es ist, zum Internetsöldner zu werden.
Auf der Internetseite www.stopgeorgia.ru fand er die Anleitung und die nötige kostenlose Software. Nach weniger als einer Stunde war der Weissrusse zum Angriff bereit. Er hätte nur noch auf einen Knopf drücken müssen, um wichtige Server zum Absturz zu bringen.
Stopgeorgia.ru half ihm sogar, lohnende Ziele in Georgien zu finden. Auf einer Liste standen neben dem Server der georgischen Regierung auch die Internetadressen georgischer Nachrichtenagenturen und westlicher Botschaften.
Was hätte der «Cybersoldat» alles anrichten können? Als Einzelner eine Internetadresse anzugreifen, ist unsinnig. Aber stopgeorgia.ru hätte seinen und Tausende andere Rechner zu einer grossen Waffe gebündelt: Morozovs Computer hätte geholfen, jede attackierte Seite mit unzähligen sinnlosen Anfragen zum Absturz zu bringen. Es ging auch ohne ihn. Die russischen Hacker unterbrachen erfolgreich die interne und externe Kommunikation der georgischen Regierung.
Theoretisch wäre aber noch viel mehr möglich. Armeen werden heute über digital gesicherte Computernetze geführt. Für Cyberterroristen sind auch solche Sicherungen nicht unüberwindlich. Wer sich in die interne Kommunikation des Gegners einklinken kann, könnte im Prinzip die Ziele ganzer Panzerverbände ändern und Schiessbefehle erteilen.
Besonders perfide ist dabei, dass die Internetsöldner für ihre Zwecke weltweit private Computer «kidnappen». Und vielleicht kämpft auch Ihr Computer an Russlands Seite gegen Georgien. Nach der heimlichen Installation eines sogenannten Trojaners, häufig getarnt als Bildschirmschoner oder Computerspiel, können die privaten Rechner ferngesteuert werden, ohne dass die Besitzer etwas davon merken.
Die Initianten der Website stopgeorgia.ru sind nicht bekannt. Experten vermuten eine Verbindung zum Russian Business Network (RBN). Die undurchsichtige Organisation gilt als die weltgrösste Plattform für Internetkriminalität. RBN wird immer wieder auch im Zusammenhang mit Kinderpornografie, Interneterpressung und Handel von gefälschten Medikamenten genannt.
Die Rede ist von mehreren Hundert Millionen Dollar Reingewinn im Jahr. Als Internet-Fahnder im Herbst 2007 die Machenschaften von RBN öffentlich anprangerten und Gegenmassnahmen verlangten, tauchte die Gruppe über Nacht ab. Wenige Tage später jedoch waren die Cyber-Verbrecher wieder im Netz. Seitdem operieren sie unbehelligt vor allem von Asien aus.
Stopgeorgia.ru passt genau in das bekannte RBN-Profil: Wenige Klicks auf der seriös wirkenden Homepage führen auf die Seite eines vermeintlichen russischen Kinderhilfswerks. Im Forum der «Wohltätigkeitsorganisation» finden sich unzählige Pornobilder blutjunger Mädchen. Wohin die erbetenen Spendengelder fliessen, bleibt unklar.
Für Experten eindeutig: RBN ist mit der russischen Regierung vernetzt. Beide profitieren voneinander. Der Zürcher Internetexperte Guido Rudolphi (46) ist sich sicher: «Wenn die russischen Behörden RBN zerschlagen wollten, wäre dies problemlos möglich.»
play
(Reuters, Bildmontage: SonntagsBlick)