Die zweite Front im Georgien-Krieg Russische Hacker kämpfen mit

  • Publiziert: 17.08.2008, Aktualisiert: 20.01.2012
  • Von Hansjakob Frey und Johannes von Dohnányi

Die Angriffe auf georgische Computernetzwerke beweisen: Der moderne Krieg ist längst im Internet angekommen. Ohne sich die Hände schmutzig zu machen, bedienen sich Regierungen einer Schattenarmee von «Cybersöldnern».

Noch bevor die russischen Panzer in Südossetien den ersten Schuss abgefeuert hatten, wurden in Tiflis Internetseiten der georgischen Regierung attackiert. Seitdem wird Moskau verdächtigt, hinter dem «Cyberwar» gegen Georgien zu stehen. Von seinem Schreibtisch in Berlin aus hat der Journalist Evgeny Morozov bewiesen, wie einfach es ist, zum Internetsöldner zu werden.

Auf der Internetseite www.stopgeorgia.ru fand er die Anleitung und die nötige kostenlose Software. Nach weniger als einer Stunde war der Weissrusse zum Angriff bereit. Er hätte nur noch auf einen Knopf drücken müssen, um wichtige Server zum Absturz zu bringen.

Stopgeorgia.ru half ihm sogar, lohnende Ziele in Georgien zu finden. Auf einer Liste standen neben dem Server der georgischen Regierung auch die Internetadressen georgischer Nachrichtenagenturen und westlicher Botschaften.

Was hätte der «Cybersoldat» alles anrichten können? Als Einzelner eine Internetadresse anzugreifen, ist unsinnig. Aber stopgeorgia.ru hätte seinen und Tausende andere Rechner zu einer grossen Waffe gebündelt: Morozovs Computer hätte geholfen, jede attackierte Seite mit unzähligen sinnlosen Anfragen zum Absturz zu bringen. Es ging auch ohne ihn. Die russischen Hacker unterbrachen erfolgreich die interne und externe Kommunikation der georgischen Regierung.

Theoretisch wäre aber noch viel mehr möglich. Armeen werden heute über digital gesicherte Computernetze geführt. Für Cyberterroristen sind auch solche Sicherungen nicht unüberwindlich. Wer sich in die interne Kommunikation des Gegners einklinken kann, könnte im Prinzip die Ziele ganzer Panzerverbände ändern und Schiessbefehle erteilen.

Besonders perfide ist dabei, dass die Internetsöldner für ihre Zwecke weltweit private Computer «kidnappen». Und vielleicht kämpft auch Ihr Computer an Russlands Seite gegen Georgien. Nach der heimlichen Installation eines sogenannten Trojaners, häufig getarnt als Bildschirmschoner oder Computerspiel, können die privaten Rechner ferngesteuert werden, ohne dass die Besitzer etwas davon merken.

Die Initianten der Website stopgeorgia.ru sind nicht bekannt. Experten vermuten eine Verbindung zum Russian Business Network (RBN). Die undurchsichtige Organisation gilt als die weltgrösste Plattform für Internetkriminalität. RBN wird immer wieder auch im Zusammenhang mit Kinderpornografie, Interneterpressung und Handel von gefälschten Medikamenten genannt.

Die Rede ist von mehreren Hundert Millionen Dollar Reingewinn im Jahr. Als Internet-Fahnder im Herbst 2007 die Machenschaften von RBN öffentlich anprangerten und Gegenmassnahmen verlangten, tauchte die Gruppe über Nacht ab. Wenige Tage später jedoch waren die Cyber-Verbrecher wieder im Netz. Seitdem operieren sie unbehelligt vor allem von Asien aus.

Stopgeorgia.ru passt genau in das bekannte RBN-Profil: Wenige Klicks auf der seriös wirkenden Homepage führen auf die Seite eines vermeintlichen russischen Kinderhilfswerks. Im Forum der «Wohltätigkeitsorganisation» finden sich unzählige Pornobilder blutjunger Mädchen. Wohin die erbetenen Spendengelder fliessen, bleibt unklar.

Für Experten eindeutig: RBN ist mit der russischen Regierung vernetzt. Beide profitieren voneinander. Der Zürcher Internetexperte Guido Rudolphi (46) ist sich sicher: «Wenn die russischen Behörden RBN zerschlagen wollten, wäre dies problemlos möglich.» 

Pulverfass Europa

Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion ging 1991 der Kalte Krieg zu Ende. Der europäische Traum von einer gemeinsamen Zukunft in Frieden und Wohlstand blieb dennoch eine Illusion.

Das zeigten die Jugoslawien-Kriege (1) von 1991 bis 1995. Hier erlebte das neue Russland seine erste Demütigung: Moskau konnte die Serben nicht vor den Angriffen der Nato bewahren. Auch der Eintritt der früheren Sowjetrepubliken Estland, Lettland und Litauen (2) in Nato und EU war für Russland ein Schlag ins Gesicht. Dass dann auch noch seine Ex-Satellitenstaaten Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Rumänien und Bulgarien (3) den westlichen Bündnissen beitraten, sah Moskau als endgültigen Beweis einer US-gesteuerten Einkreisungspolitik.

Russlands Gegenstrategie ist ebenso einfach wie effizient. Wo immer sich russische Minderheiten gegen die neuen politischen Verhältnisse wehren, wie etwa in der Ukraine (4) oder in Moldawien (5), werden sie finanziell, wirtschaftlich oder auch militärisch unterstützt. Das ständige Schüren zahlreicher Konfliktherde auf kleiner Flamme hat Methode: Das nach Jahren der Schwäche wieder erstarkte Russland «empfiehlt» sich von den zentralasiatischen Ölfeldern (6) über Georgien (7) bis nach Belgrad als «Schutzmacht». Wie es einem Land ergeht, das sich diesem «Schutz» verweigert, musste jetzt Georgien erleben.  

Deutsche entführt

Nach Georgien unterschrieb gestern auch der russische Präsident Dmitri Medwedew (42) den von der EU vorgelegten Sechs-Punkte-Plan zum Waffenstillstand. Dennoch will Russland seine Truppen bis auf Weiteres nicht aus dem Land abziehen.

Georgien wirft der russischen Armee vor, weiterhin im georgischen Kernland zu stehen und eine wichtige Eisenbahnbrücke 45 Kilometer westlich der Hauptstadt Tiflis gesprengt zu haben.

Am Samstag bestätigte das deutsche Aussenministerium einen Bericht von «Spiegel Online», es gebe Hinweise, dass zwei Deutsche in der Krisenregion entführt worden sind. Bei den Geiselnehmern soll es sich um südossetische Milizen handeln.  
play (Reuters, Bildmontage: SonntagsBlick)

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