Renzis bitterböse Abrechnung nach der Niederlage «Jetzt steckt Italien im Sumpf»

Überrascht und bitterböse – so reagiert der gescheiterte italienische Regierungschef Matteo Renzi auf die Niederlage in der gestrigen Volksabstimmung über die Verfassungsreform.

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Da hat einer Wut im Bauch. Da ist einer über alle Massen enttäuscht. Nachdem Matteo Renzi in seiner Rücktrittsrede in der Nacht noch auf
die Tränendrüse gedrückt hatte – «Ich sage das mit einem Kloss im
Hals» –, hielt er sich bei Tageslicht nicht mehr zurück:

«Ich habe das getan, was ich tun musste. Ich habe die richtige Reform vorgeschlagen. Ich habe gegen die ekelhafteste Kaste gekämpft. Wenn sie mich nicht wollen, dann gehe ich mit einem sauberen Gewissen. Ich habe nicht geglaubt, dass sie mich so hassen. Ein destillierter Hass. Nicht von den Italienern, sondern von meinen Gegnern.»

Mit Gegner meinte der gescheiterte Regierungschef vor allem jene in den eigenen Reihen, die sein Ja zur neuen Verfassung, sein Ja zu dringend notwendigen Reformen sabotierten, wie zum Beispiel den ehemaligen Parteichef von Renzis Partei, Pier Luigi Bersani, oder den Ex-Ministerpräsidenten Massimo D’Alema.

«Wir dachten, wir sind eins. Aber die Internen haben sich mit den Externen vereint, ohne Partei und Wähler zu respektieren.»

Renzis Enttäuschung ist derart gross, dass er nicht nur das Amt des Premiers abgibt, sondern auch als Parteisekretär zurücktritt. Zu seinen Mitarbeitern sagte Matteo Renzi:

«Soll doch die Nein-Koalition das Steuer in die Hand nehmen. Sollen die doch die Regierung entscheiden. Die will ich sehen. Sie haben keinen Leader als Alternative. Sie haben kein Programm. Sie hatten nur einen gemeinsamen Feind. Sie haben sich zusammengeschlossen, nur um mich zu schlagen. Der Vorteil einer Verfassungsreform interessierte niemanden. Jetzt steckt Italien im Sumpf. In dieser Starre wird man gar nichts mehr bewegen.»

Gut 59 Prozent stimmten gestern mit Nein, knapp 41 Prozent mit Ja. Bei einer hohen Wahlbeteiligung von 65 Prozent. «Ein Stinkefinger für Renzi» nannte die spanische Zeitung «El País» das Resultat. Die italienische Zeitung «La Stampa» analysierte die Neinsager-Mehrheit im Land und schlug den Bogen zur Internationalen des Populismus:

«Jeder Einzelne nimmt aus einem anderen Grund an dieser Masse teil, die harte Ablehnung des Establishments der Gauner ist der kleinste gemeinsame Nenner, ein Zustand, der nicht nur Italien betrifft, sondern von der auch der Brexit und Donald Trump erzählen.»

Wenn Matteo Renzi heute dem italienischen Staatspräsidenten Sergio Mattarella seinen Rücktritt einreicht, geht damit auch die Karriere eines begnadeten Sprücheklopfers zu Ende – zumindest vorerst.

Italien steckt im Sumpf: Matteo Renzi nach Referendums-Nein verbittert play
Im Gotthard war alles noch gut: Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Italiens Premier Matteo Renzi, Bundespräsident Johann Schneider-Ammann und dem französischen Präsidenten François Hollande (v. l.). Keystone

Der Mitte-links-Politiker war 2014 mit 39 Jahren als jüngster Regierungschef Italiens an die Macht gekommen. Und hatte seither viele Italiener mit seiner direkten Sprache begeistert. Renzi benutzte Twitter als seinen wichtigsten Kommunikationskanal, als Donald Trump noch keine Ahnung davon hatte, wie man ein Smartphone bedient.

Als «Verschrotter der alten Partei-Eliten» hatte sich Renzi zu Beginn seiner Regierungszeit selbst bezeichnet. Jetzt hat ihn das italienische Volk selbst auf den Schrottplatz geschickt.

Renzis Gegner planen schon ihr Regierungsprogramm

Die Opposition steht dafür in den Startlöchern: Ex-Komiker Beppe Grillo von der populistischen Cinque-Stelle-Partei fordert sofortige Neuwahlen. Er bastelt schon emsig an einem Regierungsprogramm.

Die anderen Renzi-Gegner sind Matteo Salvini von der Lega Nord, Silvio Berlusconi von Forza Italia und Giorgia Meloni von den Fratelli d’Italia. Sie alle wollen aber erst einmal die Lage sondieren. 

Frühester Zeitpunkt für Neuwahlen wäre März. Wahrscheinlicher jedoch wäre ein Wahltermin im Juni nach dem G-7-Gipfel in Taormina in Sizilien. Erst wird sehr wahrscheinlich eine Übergangsregierung gebildet. Mögliche Kandidaten: Wirtschaftsminister Pier Carlo Padoan, Senatspräsident Piero Grasso oder Verkehrsminister und Renzis Intimus Graziano Delrio. Auch Romano Prodi kommt wieder ins Spiel.

Publiziert am 05.12.2016 | Aktualisiert am 09.12.2016
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8 Kommentare
  • Rocky  Stall aus Wiesendangen
    05.12.2016
    Glaube, Renzi war für die EU ein zuverlässiger Partner und hat in den vergangenen 3 Jahren eine gewisse Stabilität gebracht. Schade, denn man weiss leider nie was nachkommt und wie verbindlich die neue Regierung sein wird.
  • Annemarie   Setz 05.12.2016
    Denke, es wird eine schwierige Phase für Italien, aber Renzi hat den Karren wohl etwas überladen. Allerdings, ein Reform wäre richtig, denn in dem Land weiss oft die eine Hand nicht was die andere tut. Was aber jetzt ansteht wird kaum von fünf Sterne-General Pepe Grillo gelöst werden.
  • Divico  Tigurin aus Neuchâtel-Hua-Hin
    05.12.2016
    "Jetzt steckt Italien im Sumpf"?
    Italien steckt doch schon seit langem im EU-Sumpf.
    Es hat soeben einen Schuh daraus gezogen und versucht verzweifelt ihn auf festen Grund zu setzen.
    Neben den Euro und Schengen/Dublin...hoffen wir es findet den festen Grund und zieht sehr schnell auch noch den "zweiten" nach.
    Die EU sollte besser darauf achten, dass Italien nicht in Nord/Süd auseinander bricht und sich selbst mit der eigenen zentralistischen Marschroute überdenken. Gebt den Nationen "mehr Leine".
  • Landre  Marb , via Facebook 05.12.2016
    "Aber die Internen haben sich mit den Externen vereint, ohne Partei und Wähler zu respektieren."
    Billige Ausrede, denn wenn es um eine Verfassungsreform geht zählt das Parteiensystem relativ wenig in Italien (so wie mit Berlusconi 2006). Da zählt nur das Gewissen und Wissen jedes einzelnen Stimmberechtigten.

    Und diese höchst fragwürdige Verfassungsreform 2016 mit dem frechen Alibi "besser diese als gar keine" verkaufen zu wollen war anscheinend einem Renzi wirkliches Harakiri.
  • Hans  Leuchli aus Vellerat
    05.12.2016
    Sa hat er aber nichts begriffen. Italien steckt seit Jahrzehnten im Sumpf.
    Man muss ihm zu Gute halten, er wollte es ändern und hat es angepackt.
    Aber Hand aufs Herz: Ist Italien allein? Und betrifft es nur EU Länder?