Rassismus-Debatte nach Sex-Mob-Attacken «Die Deutschen wissen nicht mehr, was sie sagen dürfen»

KÖLN (D) - - Die Debatte um Angela Merkels Willkommens-Politik wird nach den Angriffen des Sex-Mobs am Kölner Hauptbahnhof emotionaler denn je diskutiert. Der Deutsche Politologe Christian Hoffmann glaubt aber, dass die Vorkomnisse wenig Einfluss auf den politischen Kurs der Deutschen haben werden. Sicherheitspolitisch müsse die Silvesternacht allerdings Folgen haben.

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Wie erklären Sie sich, dass sich solche Szenen überhaupt ereignen konnten?
Christian Hoffmann*: Das ist schwierig zu sagen, weil man noch sehr wenig darüber weiss, was eigentlich wirklich passiert ist. Es gibt Augenzeugenberichte, aber die offiziellen Informationen der Polizei sind noch sehr vage. Da die Ermittlungen auch spät begonnen haben, ist es offen, ob überhaupt jemals ein Täterkreis identifiziert werden kann. Deswegen steckt heute sehr viel Spekulation in der Diskussion – und umso mehr Emotionalität. Entweder war es ein Mob, der sich spontan geformt hat aufgrund der Feier, oder es handelt sich um eine neue kriminelle Masche, bei der die Übergriffe als Ablenkung für Eigentumsdelikte dienen. Dann hätte es organisierten Charakter, wofür eigentlich auch spricht, dass es ähnliche Vorfälle in Stuttgart und Hamburg gab.

Christian Hoffmann ist Professor für Kommunikationsmanagement und politische Kommunikation in Leipzig und ehemaliger Professor an der Uni St. Gallen. play

Christian Hoffmann ist Professor für Kommunikationsmanagement und politische Kommunikation in Leipzig und ehemaliger Professor an der Uni St. Gallen.

Wie ist die Stimmung in Deutschland heute?
Das ganze Flüchtlingsthema ist sehr aufgeheizt und emotional und darum werden die Vorfälle von den Kritikern auch politisch ausgenutzt für ihre Stimmungsmache. Das wiederum führt dazu, dass gerade die Medien vorsichtig mit dem Thema umzugehen versuchen, um nicht dem einen Lager in die Hände zu spielen. Es herrscht eine grosse Unsicherheit, ob und wie man berichten möchte. Und dies wiederum kritisieren dann die Flüchtlings­gegner. Man spürt, dass die Kritiker der Flüchtlingspolitik zur Zeit eine Art Schadenfreude empfinden. Im Sinne von «seht her, wir haben das ja vorausgesagt». Deshalb verbreiten sie die Augenzeugenberichte in den Sozialen Medien, um aufzuzeigen, dass die deutsche Flüchtlingspolitik völlig falsch sei. Die Gegenseite argumentiert dagegen, dass man gar nicht weiss, ob Flüchtlinge an den Ereignissen beteiligt waren. Die Debatte ist jedenfalls sehr präsent, hoch emotional und die Ereignisse fallen im Vergleich zu anderen Vorfällen in der Vergangenheit schwer ins Gewicht.

Ist diese aufgeheizte Flüchtlings­-Antipathie, die man hier in der Schweiz nun wahrnimmt, repräsentativ für die Mehrheit der Deutschen?
Wenn man schaut, wie viele Menschen zu diesen Pegida-Demos gehen oder mit der AfD sympathisieren, sind sie deutlich in der Minderheit. In Wirklichkeit haben nur wenige eine starke Antipathie entwickelt. Aber ganz sicher sind sehr viele Deutsche verunsichert. Umfragen zeigen, dass etwa die Hälfte Fragen zur aktuellen Flüchtlingspolitik haben. Sie verstehen die Logik nicht und was die Politik beabsichtigt. Die Situation löst viele Ängste aus. Eine Allensbach­-Studie zeigt zudem, dass viele Bürger unsicher sind, was man öffentlich dazu sagen darf. Sie denken, sie dürften Ihre Ängste nicht ausdrücken, weil dies politisch nicht korrekt wäre. Und genauso halten es leider viele Medien.

War die Zurückhaltung der Medien denn angebracht?
Nein, dieses Verhalten tut der Debatte nicht gut. Es ist nie richtig, wenn man Dinge nicht sagen darf. Ich habe selber kurz nach Silvester in den sozialen Medien von den Vorfällen erfahren, die Medien berichteten aber erst mehrere Tage später. Diese grosse Zeitlücke scheint mir schwierig zu erklären und spielt auch den Kritikern der Flüchtlingspolitik in die Hände.

Wieso hat Angela Merkel bisher geschwiegen?
Das ist nicht ganz korrekt. Sie hat die Ereignisse klar verurteilt, und gesagt, dass dieses Verhalten der Täter nicht akzeptabel sei. Die Politiker haben sich diesbezüglich alle inhaltlich eindeutig geäussert – aber eben etwas spät.

Welche politischen Folgen wird diese Silvesternacht in Deutschland haben?
Es wird in der Sicherheitspolitik gewisse Anpassungen geben müssen, denn die Polizei war offensichtlich überfordert. Sie muss bei Grossereignissen anders reagieren und die Sensibilität für solche Übergriffe wird wohl erhöht. Aber ob das Geschehen auch auf die Flüchtlingspolitik Einfluss haben wird, daran habe ich grosse Zweifel. Denn bisher war der Zusammenhang zwischen diesen kriminellen Taten und den Flüchtlingen schwer herzustellen – und die Täterschaft wird möglicherweise nie ermittelt.

Wie werden die Vorfälle in der deutschen Parteilandschaft nun instrumentalisiert?
Jeder Gewaltakt von Ausländern oder in Flüchtlingsheimen wird zur Zeit instrumentalisiert. Dieser natürlich besonders. Dazu tragen auch die sozialen Medien bei, wo die Dinge oft aus dem Zusammenhang gerissen werden, um Flüchtlinge zu kriminalisieren. Aber die Kritiker sind eher in einem vorpolitischen Umfeld aktiv und weniger in der deutschen Parteilandschaft. Die AfD greift solche Vorkommnisse relativ häufig auf, aber deren Worte sind bereits etwas überlegter, genauso wie jene der CSU.

Deutschland in Angst vor dem Grapscher-Mob

Wieso ist das ganze Thema «Migration und Gewalt» überhaupt so heikel?
Viele Menschen empfinden es als ihre Verantwortung, Solidarität zu zeigen mit Menschen aus Krisengebieten. Es ist klar, dass man hilft. Wenn diese Aufgeschlossenheit bekämpft wird mit dem Argument, dass nur Kriminelle von dieser Hilfsbereitschaft profitieren, wirkt das sehr kalt. Und die Debatte hat dann sofort rassistische Untertöne. Deshalb reagieren viele auf das Thema sehr empfindlich. Man muss auch sehen, dass Deutschland derzeit in einer Ausnahmesituation steckt. Wenn eine Million Menschen in einem Jahr kommen, ist man vielerorts überfordert. Manche Flüchtlinge werden nicht einmal richtig registriert, die öffentliche Hand weiss teilweise gar nicht, wer sich wo aufhält. Die Zustände sind sehr chaotisch. Dieses Gefühl, dass der Staat die Kontrolle und die Übersicht verliert, macht der Bevölkerung Angst.

Die Schweiz kennt das im Kleinen ja auch, als in den letzten Jahren zum Beispiel viele Bürger aus EU­-Staaten zuwanderten, löste das auch Befremdlichkeiten aus. Aber die Schweiz war da viel besser organisiert, es gab klare Aufnahmekriterien und die Zuwanderer kamen aus einem ähnlichen Kulturkreis. Aber hier in Deutschland ist der Kulturkreis – zum Beispiel der Syrer – ein ganz anderer und die Situation viel chaotischer. So gesehen wird die politische Debatte noch sehr ruhig geführt.

Könnten sich solche Ereignisse auch in der Schweiz zutragen?
Wenn sich herausstellen sollte, dass dahinter organisierte Banden stecken, dann sind diese Übergriffe auf Frauen schlicht eine kriminelle Masche, die überall angewendet werden kann. Wenn es dagegen ein spontaner Mob war, der in einem enthemmten Überschwang der Gefühle und des Alkohols agierte, dann glaube ich weniger an solche Vorfälle in der Schweiz. In der Schweiz herrscht eine andere Kultur und Strassenfeste sind besser organisiert und überwacht.

*Christian Hoffmann ist Professor für Kommunikationsmanagement und politische Kommunikation in Leipzig und ehemaliger Professor an der Uni St. Gallen.

Publiziert am 07.01.2016 | Aktualisiert am 07.01.2016
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Opfer des Sex-Mobs erzählt «Sie haben uns überall angefasst»

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68 Kommentare
  • Adrian  Rüst , via Facebook 08.01.2016
    Diese Pauschalhetze gegen bestimmte Gruppen wird immer übler.
    Sie erinnert an die 1930er Jahre. Und sie ist einer freien Demokratie unwürdig.
  • Edi  Rey aus Romanshorn
    08.01.2016
    Wer nicht mehr weiss, was er sagen darf, ist selber schuld. Die Demokratie lebt von mündigen Bürgern, nicht von motzenden, eifersüchtigen Angsthasen. Wer keinen Mumm dazu hat, soll sich bitte nicht hinter faulen Ausreden verstecken.
  • Othmar   Huber 08.01.2016
    Ist die heutige BRD eigentlich eine NEUE Version von Frau Merkl der ehemaligen DDR. Wenn man das Vorgehen und die Missachtung des Grundgesetztes sowie der Gleichschaltung der Medien erkennt, ist dies leider nicht zu leugnen. Wenn eine "Tat" wie dies in Köln passiert ist, mehr als 4 Tage braucht, bis sich die Presse getraut, dies zu veröffentlichen, spricht dies eine eindeutige Sprache. Passen wir auf in der Schweiz. Wir haben Links Tendenzen die diesem Weg nacheifern.
  • Abbas  Schumacher , via Facebook 08.01.2016
    Schon mal davon gehört, dass gewisse Frauen aus Europa extra nach Marokko in die Ferien reisen und sich da einen Lover an Land ziehen? Ja was denken sie jetzt? Die Jungs meinen hier doch, es seien alle Frauen so leicht zu haben? Das nur so nebenbei, nicht nur Männer machen Sexferien.
  • Tom  Angerer 08.01.2016
    Ich lebe zur Zeit in DE und die Antipathie gegenüber der Politik ist um einiges grösser als uns in diesem Artikel vorgelogen werden will. Das Problem ist, dass man das in DE nicht in der Öffentlichkeit sagen darf, ohne signifikante Konsequenzen für Beruf und Familie befürchten zu müssen. Es brodelt in DE und bald wird es sich entladen.