Schweizer in Kiew: «Politiker schüren Grippe-Panik in der Ukraine»

  • Aktualisiert am 03.01.2012
  • Von Antonia Sell
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KIEW – Die Schweinegrippe hat die Ukraine fest in ihren Klauen – Panik ist ausgebrochen. Jörg Wieland, ein Schweizer, der seit 16 Jahren in Kiew lebt, erzählt Blick.ch, wie es wirklich in der Hauptstadt aussieht.

Leergefegte Strassen und Spielplätze, ausverkaufte Apotheken und Supermärkte, Menschenmassen, die aufs Land fliehen – trotz Eiseskälte. Das ist das Bild, was uns der gebürtige Schweizer, Jürg Wieland, von Kiew zeichnet. Er ist Projektmanager für Hotels und Restaurants und pendelt zwischen Russland und der Ukraine hin und her.

200000 an Schweinegrippe Erkrankte, darunter 83000 Kinder, und 67 Tote – das sind die erschreckenden Zahlen, die zu uns durchdringen. Und jeden Tag kommen hunderte Infizierte dazu. Ein Grund zur Panik? Wenn es nach den ukrainischen Spitzenpolitikern Viktor Juschtschenko und Julija Timoschenko geht ja – denn am 17. Januar nächsten Jahres sind Wahlen. Und wie kann man sich besser profilieren, denn als Krisenmanager in schweren Zeiten?

Schweinegrippe bedrohe nationale Sicherheit

In einem dramatischen Appell hat Präsident Viktor Juschtschenko am Wochenende das Ausland um Beistand gebeten. Die Ukraine könne nicht aus eigener Kraft der Gefahr entgegentreten, die das Virus für die «nationale Sicherheit» darstelle.

Dabei habe Timoschenko noch Ende Oktober ihre Anhänger verantwortungslos zu Parteikundgebungen gerufen, obwohl sie bereits von der Ansteckungsgefahr gewusst habe, poltert Wieland.

«Besonders den Westen des Landes hat es getroffen. In neun der 24 Regionen hat die Regierung den Notstand ausgerufen. Schulen, Kindergärten, Universitäten wurden geschlossen, Massenveranstaltungen verboten und den Einwohnern das Reisen verboten. In den restlichen Teilen der Ukraine wurde eine dreiwöchige Schliessung von Kindergärten, Schulen und Universitäten angeordnet», erzählt der Schweizer.

«Das ist ein Problem für die meisten Eltern», sagt Wieland. Sie können nicht mehr zur Arbeit gehen und schliessen sich mit ihrem Nachwuchs aus Angst zu Hause ein. Doch die Ausfallzeiten werden ihnen nicht vom Staat bezahlt – das heisst, sie verdienen nichts. Das kann sich hier eigentlich keiner leisten.»

Vorwurf: «Politiker schüren die Panik»

Jürg Wieland ist sauer auf seine Regierung: «Juschtschenko und Timoschenko schüren die Panik unter den Menschen.» Die beiden Spitzenpolitiker würden die Seuche für ihren ganz persönlichen Wahlkampf nutzen. «Sie erzählen den Menschen etwas von über 60 Todesopfern, bestätigt sind aber nur 11, die wirklich an dem H1N1-Virus gestorben sind. Die Zahl ist nicht höher als in anderen Ländern auch.»

«Und das Schlimme ist, dass die Panikmache funktioniert», sagt Wieland trocken, während er schniefend durch die kalten Strassen von Kiew nach Hause läuft. «Auch ich vermeide mittlerweile Massenaufläufe – U-Bahn fahre ich nicht mehr.» Deswegen geht der Projektmanager jetzt einen Kilometer zu Fuss durch die kalte Nacht – der Bus fährt nicht bis zu ihm nach Hause.

Schwarzmarktpreise für Tamiflu

«Die Apotheken sind komplett leer gekauft, es gibt noch nicht mal mehr normale Grippemittel», sagt Wieland. Geschweige denn Atemmasken. Jeden Tag würden sich meterlange Schlangen vor den Apotheken bilden, da die Menschen auf Nachschub aus dem Ausland hofften.

Und der kommt auch: In der Nacht zum Montag landete eine Sondermaschine aus der Schweiz in Kiew und brachte eine Hilfslieferung mit 16 Tonnen Tamiflu (Blick.ch berichtete). Problem: Die Apotheker wittern das Geschäft ihres Lebens und verkaufen eine Packung Tamiflu für 500 Franken – das ist das Zehnfache des Normalpreises. «Die Menschen verdienen hier im Durchschnitt monatlich 2000 bis 3000 Hrywnja (umgerechnet 400 Franken). Für die ist eine Packung Tamiflu also unerschwinglich», so Wieland.

Der Geheimdienst würde zwar dagegen vorgehen und solche Wucher-Apotheken schliessen. «Aber die machen dann einfach unter einem anderen Namen wieder auf.

Studenten als Ärzte in den Spitälern

Ein weiteres Problem sei, dass 10 Prozent der Mediziner an dem H1N1-Virus erkrankt seien. «Studenten, die im letzten Semester Medizin sind, müssen jetzt in den Spitälern arbeiten. Aber sie sind nicht qualifiziert und sind selbst zu nervös. Das macht den Menschen noch mehr Angst», erzählt der Projektmanager.

«Die Menschen haben das Vertrauen in die Regierung verloren. Keiner glaubt mehr irgendwas.»

Jürg Wieland: Er berichtet Blick.ch, wie die Verhältnisse in der Ukraine wirklich sind.- zvg

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