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Einen Tag nach dem Jahrhundertbeben mit mindestens 400 Toten war die Lage in den besonders betroffenen Regionen Bío Bío und Maule am Sonntag von zunehmender Verzweiflung und Chaos geprägt. Hunderttausende Menschen, die oft ihr gesamtes Hab und Gut verloren haben, warteten zunehmend ungeduldig auf Hilfe. Die Sicherheitskräfte waren weitgehend überfordert.
In der Hauptstadt von Bío Bío, Concepción, plünderten hunderte Menschen einen Supermarkt. «Wir haben Durst und Hunger», sagt ein Mann, der in dem allgemeinen Durcheinander einen Beutel mit Lebensmitteln ergatterte.
Durch die aufgebrochene Laderampe des Grossmarkts stolperten hastig Frauen, Kinder und Männer mit allem im Arm, was sie greifen konnten. Drinnen hasteten die Menschen mit Einkaufswagen zwischen den nur spärlich beleuchteten Regalen umher und griffen dies und das. Während Mütter sich mit Windeln und Trockenmilch eindeckten, schleppten junge Männer Kühlschränke und Flachbildschirme davon.
Polizei gegen Plünderer
«Schnell, schnell», ruft ein Mann, als plötzlich ein gepanzertes Polizeifahrzeug vorfuhr. Tränengasgranaten explodierten, der Strahl eines Wasserwerfers verfolgte Flüchtende. Dann hagelten Steine auf das Fahrzeug und die Menschen stürmten den Supermarkt einfach durch ein anderes Tor. «Lasst doch wenigstens die Kinder gehen. Wie kann man denn Kinder Tränengas aussetzen», schreien mehrere Frauen.
Die Polizei hatte die Plünderung zunächst zugelassen, weil die Not der Menschen offensichtlich war. Dann aber änderte sie offenbar ihre Meinung. «Die Situation war von Anfang an völlig chaotisch. Wir tun, was wir können», sagte der Polizist Jorge Córdova der Presse.
Hilfe bleibt aus
Auch aus anderen Ortschaften in den von dem Beben und der folgenden Flutwelle schwer zerstörten Regionen klagten Menschen über ausbleibende Hilfen. Fast alle Geschäfte in der Katastrophenregion etwa 500 Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago waren geschlossen. Andere boten ihre Produkte zu stark überhöhten Preisen an. Vielerorts gab es weder Strom noch Gas und Wasser.
Menschen, die sich im letzten Augenblick aus zusammenstürzenden Häusern oder vor der anschliessenden Flutwelle in höher gelegene Gebiete retten konnten, sassen schon den zweiten Tag im Freien. Essen oder Wasser konnten sie bei der Flucht nicht mitnehmen.
Zahl der Obdachlosen noch unbekannt
«Wir sind hier 200 Personen und haben einfach nichts. Wir wollen ja bezahlen, aber niemand verkauft uns etwas. Wir brauchen Mehl, Wasser und andere Lebensmittel», sagt einer der Überlebenden.
1,5 Millionen Wohnungen betroffen
Die genaue Zahl der Obdachlosen war zunächst unbekannt. Präsidentin Michelle Bachelet hatte am Vortag von 1,5 Millionen zerstörten oder beschädigten Wohnungen gesprochen. Die Leiterin des Zentrums für Katastrophenschutz, Carmen Fernández, versicherte, es werde alles unternommen, um den Menschen zu helfen.
Lastwagen kamen allerdings auf den stark beschädigten Strassen nur langsam voran. Und auch die meisten Hafenanlagen waren zerstört. Ausländische Hilfe hat Chile bisher abgelehnt. Die Strassen seien noch nicht soweit wiederhergestellt, dass Hilfslieferungen wirklich zu den Bedürftigen gebracht werden könnten, teilte die Regierung mit. (SDA/b35)