
Bitte melden Sie sich an, um Ihren Kommentar abzugeben.
Wenn Sie ein Konto bei Facebook haben, können Sie sich damit anmelden.
Der deutsche Aussenminister Frank-Walter Steinmeier (53) strahlte. Beim Nato-Treffen im polnischen Krakau hatte US-Vizepräsident Joe Biden (66) Deutschlands Afghanistan-Politik öffentlich gelobt: «Militärische Entschlossenheit und aktive Hilfe beim Wiederaufbau – am deutschen Modell wird sich künftig auch unsere Strategie orientieren.» Er habe es immer gewusst, sagte Steinmeier später im kleinen Kreis: «Wir sind auf dem richtigen Weg.»
Doch noch vor Abschluss der Nato-Konferenz am Samstag war es mit der transatlantischen Harmonie schon wieder vorbei. Vom versprochenen gemeinsamen Vorgehen keine Spur: Im Alleingang bestimmte Präsident Barack Obama (47) am Freitag die Stossrichtung seiner Afghanistan-Politik. Die Neuigkeiten klangen vielen Europäern altbekannt:
• Auch die neue Administration in Washington setzt vor allem auf militärische Lösungen. Obama hat 17000 zusätzliche US-Soldaten an den Hindukusch beordert. Entsprechend sollen auch die Truppen-Kontingente der Nato-Partner wachsen.
• Zur Jagd auf Al-Kaida-Kämpfer und Taliban weitete der Präsident die Einsätze von raketenbestückten Drohnen über Pakistan aus;
• Am rechtlosen Status von über 600 Gefangenen im berüchtigten US-Stützpunkt Bagram in Nordost-Afghanistan ändert sich nichts.
Die Hast des neuen Präsidenten beweist vor allem eins: Der westlichen Allianz läuft am Hindukusch die Zeit davon. Die Taliban haben den Winter genutzt, um aufzurüsten und sich neu zu formieren. Sie kontrollieren nicht nur weite Teile der Landesprovinzen. Selbst in der afghanischen Hauptstadt Kabul zünden islamistische Selbstmord-Attentäter inzwischen ihre Bomben. Vier Monate vor seiner erhofften Wiederwahl wirbt Afghanistans Präsident Hamid Karzai (51) offen um die Unterstützung sogenannter «moderater» Islamisten.
Der Vormarsch der Taliban wird in den Grenzregionen Pakistans organisiert. Hier haben die paschtunischen Stämme erst vorletzte Woche ein Abkommen mit der Regierung in Islamabad erzwungen, das die Region allein dem islamischen Recht der Scharia unterwirft. Die Ausbildungslager der Taliban und des Terrornetzes Al Kaida bestehen ungehindert weiter.
Ein Dorf, in dem US-Wissenschaftler das Versteck von Kaida-Chef Osama Bin Laden (51) vermuten, ist noch nie durchsucht worden. Er habe keine Wahl gehabt, rechtfertigte sich Pakistans Präsident Asif Ali Zardari (52): In der Auseinandersetzung mit den Islamisten «kämpft mein Land ums Überleben.»
Die neue US-Regierung glaubt: Für den Versuch, Pakistaner und Afghanen mit dem in Krakau so gelobten «deutschen Modell», also mehr Aufbauhilfe, zu befrieden, fehlt die Zeit. Die Front im Kampf gegen den Terrorismus hat sich weit nach Pakistan hinein verschoben. Ob Karzai in Kabul an der Macht bleibt, ist fast schon irrelevant. Entscheidend ist, dass der Atomstaat Pakistan unter keinen Umständen an die Fanatiker und ihren Verbündeten bin Laden fällt.
Die Europäer teilen diese Analyse. Die Konsequenzen aber wollen sie nicht mittragen. Die Nato bleibt über der Afghanistan-Mission gespalten. Wenn überhaupt, werden nur wenige zusätzliche Soldaten aus Europa nach Afghanistan verlegt werden. Diese Uneinigkeit ist für die Islamisten ein grosser politischer Erfolg.