Tote in Tibet - Spiele in China? Leser Paul Keegan aus Zug schreibt: «Nur ein Boykott hilft!»

  • Publiziert: 17.03.2008, Aktualisiert: 03.01.2012
  • Von Ann Guenter und Raphael Diethelm

ZÜRICH – Drei von vier Blick.ch-Leserinnen und -Leser halten einen Boykott der Olympischen Spiele in China für sinnvoll. Warum? Das erklären sie gleich selbst.

Für Leser Silvio aus Siebnen ist klar, dass die Spiele boykottiert werden müssen: «Ein Land, das auf seine Bürger schiesst, darf nicht die Olympischen Spiele austragen.» Gehts nach Dominic aus Wil, sollte man «generell alles aus China boykottieren!»

Isabella aus Zürich setzt die Brille der Teilnehmenden auf: «Ich würde mich als Sportler als Verräter fühlen, wenn ich an solchen Spielen dabei wäre.» Toni aus Bern wittert gerade für die Athleten dort eine Chance: «Ich als Sportler würde bei der Eröffnung ein klares Signal geben. Mit einem Transparent oder einem bedruckten T-Shirt.»

Sportler und Medien gefordert

Für Peter aus Chur sollen neben den Sportlern auch die Medien Druck aufsetzen: «Wenn europäische Journalisten nicht sofort ungehinderten Zugang zu Tibet erhalten, sollen sie nicht über die Olympischen Spiele berichten.» Das Problem habe sich das IOC selbst auferlegt, findet Othmar aus Binningen und fragt sich: «Wieso wurden diese Spiele überhaupt nach China vergeben?»

«China ist nicht allein», ruft Pascal aus Grabs in Erinnerung. Die USA oder Israel seien ebenso Menschenrechts-freie Zone. «Wer jetzt also zum China-Boykott aufruft, sollte auch über einen Israel- oder USA-Boykott nachdenken.»

Ein Boykott bringt nichts

Es gibt aber auch Gegenstimmen. Ähnlich wie Swiss-Olympic-Präsident Jörg Schild (Blick.ch berichtete) hält Jigme aus Zürich einen Boykott für falsch. Begründung: «Weil meiner Meinung nach die Chinesen das den Tibetern nur sehr schwer wieder verzeihen würden.»

Peter Müller aus Zürich erinnert: «Was haben der Boykott 1980 (Moskau) und der Gegenboykott 1984 (Los Angeles) gebracht? Nichts! Das IOC muss vielmehr Druck auf den Veranstalter ausüben.» Als Beispiele nennt er die Streichung von öffentlichen Siegerehrungen oder der Einschub eines spielfreien «Gedenktag für die Opfer».

China ist ein neues Land

Für China spricht sich Han-Jun aus Bern aus: «China ist nach Jahren des Hardliner-Kommunismus ein zunehmend demokratisches Land und öffnet sich. Wer China anprangert, soll zuerst vor seiner eigenen Haustüre wischen.»

Auch Martin, der seit drei Jahren in Guiyang (China) lebt, warnt vor Vorurteilen: «Die Auslandtibeter sehen China und seine Regierung noch immer wie vor 40 Jahren. Tatsache ist jedoch: Dies ist ein neues Land, die Tibeter und auch andere Volksgruppen und Religionen können heute in Freiheit leben!»

Früher mehr Moral?

Es gab bereits einige Boykotte der Olympischen Spiele. Die Schweiz nahm zusammen mit den Niederlanden und Spanien nicht an den Sommerspielen 1956 in Mebourne teil. Der Grund: Man protestierte gegen die Niederschlagung des ungarischen Volksaufstands durch die Sowjetunion.

1980 und 1984 boykottierten die Supermächte des Kalten Kriegs gegenseitig die Spiele im Land des jeweiligen Gegners. Die USA und 64 weitere westliche Staaten weigerten sich, an den Sommerspielen 1980 in Moskau teilzunehmen. Grund: die sowjetische Invasion Afghanistans ein Jahr zuvor. Vier Jahre später kam die Retourkutsche.

Pressespiegel

In Deutschland scheint der Boykott-Gedanke recht breit abgestützt. So ist sowohl die Mehrheit der «Spiegel»- als auch der «Bild»-Leser der Meinung, dass ein Boykott der Olympischen Spiele durchaus erwogen werden sollte. Die «TAZ» hingegen schreibt, das «würde nur die Falschen treffen – und an Chinas Politik nichts ändern».

In Österreich klingts etwas anders. In den «Salzburger Nachrichten» heisst es zum Beispiel: «Das Vorgehen der chinesischen Führung widerspricht eindeutig dem friedensstiftenden Olympischen Grundgedanken. Zugleich gibt es nicht zuletzt aufgrund von Olympia Tendenzen der Demokratisierung. Die Spiele setzten die politische Führung unter Druck.» Der «Standard» mutmasst jedoch: «Schlägt China zu hart zu, riskiert es einen Boykott der Sommerspiele».

In Italien schreibt der «Corriere della Sera»: «Das Regime muss entscheiden, ob es sich dem internationalen Druck beugen oder die Olympische Fahne mit Blut besudeln will.»

Und die chinesische Presse? Dank staatlicher Zensur: nichts. Im Reich der Mitte sind die Menschen so auch kaum über die Proteste informiert. Die «Lanzhou Morning Post» unterrichtet auf der Hauptseite etwa über die Wiederwahl des Permiers Wen Jiabao. Und eine Passantin, die von Journalisten auf die Unruhen in Lhasa angesprochen wurde, mutmasst, dass dahinter sicher die Konsumgüterteuerung steckt.

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