«Es tut wahnsinnig weh»

  • Publiziert: 17.01.2009, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Georges Wüthrich

GENF – Man merkt es ihm an: Jakob Kellenberger (64) geht der Horror der Zivilbevölkerung unter die Haut. Gleichzeitig bleibt er neutraler Diplomat. Wie hält das einer aus? BLICK sprach mit dem charismatischen Appenzeller.

BLICK: Herr Kellenberger , Sie kommen soeben aus dem Gaza-Streifen zurück. Wie gehen Sie ganz persönlich mit diesen Schreckensbildern um?
Jakob Kellenberger: Es tut ziemlich weh, nein, es tut wahnsinnig weh. Wenn Sie vor diesen Krankenbetten stehen ...

Auch mit Kindern...
Ja, auch mit Kindern im Koma. Auf der anderen Seite arbeite ich für eine Organisation, die unter allen Umständen das Maximum herausholen muss, um den Zugang zu den vom Krieg versehrten Menschen zu erhalten, um ihnen helfen zu können. Deshalb habe ich kein Anrecht, mich lange meinen Gefühlen hinzugeben. Alle IKRK-Mitarbeiter müssen dafür sorgen, dass wir handlungsfähig bleiben. Wir sehen das wahnsinnige Leiden, aber wir sehen auch, was wir tun können.

Wird das humanitäre Kriegsrecht in diesem Gaza-Krieg eingehalten?
Sie wissen, dass ich mich darüber nicht öffentlich äussern kann. Ich mache dies in keinem Konflikt, sonst verliert das IKRK seine Unabhängigkeit und Neutralität. Was ich sagen kann – und das gilt für alle Konfliktparteien: Man darf keine Zivilisten angreifen, man muss einen Unterschied machen zwischen Zivilpersonen und Menschen, die am Kriegsgeschehen teilnehmen, und man muss dafür sorgen, dass der Einsatz von Gewalt verhältnismässig bleibt.

Israel ist militärisch überlegen...
Ich hatte am Donnerstagmorgen in meinen Gesprächen mit Israels Verteidigungsminister Ehud Barak und Aussenministerin Zipi Livni noch hinzugefügt: Ihr müsst wissen – derjenige, der militärisch dermassen überlegen ist, hat eine besondere Verpflichtung, diese Regeln einzuhalten.

Sehen Sie auch Anzeichen für einen baldigen Waffenstillstand?
Ich gehe in die Kriegsgebiete und verliere mich nicht in politischen Spekulationen. Sie finden genügend andere Leute, die das tun. Für mich ist jetzt einzig wichtig: Ich habe haufenweise schwer verletzte Menschen gesehen, darunter auch Frauen und Kinder. Wir brauchen rund um die Uhr Zugang zu den Verletzten, damit wir sie bergen und medizinisch versorgen können. Ich muss von Stunde zu Stunde denken. Natürlich hoffe ich auch sehnlichst, dass die Waffen möglichst rasch wieder schweigen.

Eine andere Frage: Wann haben Sie von der Entführung Ihrer Mitarbeiter auf den Philippinen erfahren?
Ich habe es am Donnerstag in Tel Aviv erfahren. Ich bin in grosser Sorge und verfolge die Situation möglichst genau und bin deshalb in ständigem Kontakt mit unserer Krisenorganisation. Wir haben ein striktes Sicherheitsmanagement, und trotzdem sind wir vor solchen Ereignissen nicht gefeit.

Top 3

1 Chat «Iran kann die USA treffen»bullet
2 Die Gesichter des Kriegesbullet
3 Weihnachten in Gaza: tote Frauen und Kinderbullet

Ausland