Nahost-Experte Udo Steinbach: «Der Krieg wird noch zehn Tage dauern»

  • Publiziert: 05.01.2009, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Martin Meier

Der Krieg im Gaza-Streifen und die Folgen. Der renommierte Nahost-Experte Udo Steinbach (65), Professor an der Uni Marburg (D), beantwortet die wichtigsten Fragen.

Blick: Was will eigentlich Israel?
Udo Steinbach:
Israel verfolgt ein Ziel: die vollständige Vernichtung der Hamas. Und genau dies wird Israel nicht gelingen.

Warum nicht?
Auch wenn die Hamas besiegt wird, stehen schon kleinere, noch radikalere Gruppen bereit, die sich in der politischen Ruine einnisten. Ich vermute, dass dann auch die Terrororganisation Al Kaida auf der Seite der Palästinenser ein Wörtchen mitreden will. Israel demonstriert momentan mit einer beispiellosen Arroganz seine Militärmacht, die sich am Völkerrecht nicht stört.

Muss man befürchten, dass sich andere Länder, der Iran beispielsweise, in den Konflikt militärisch einmischen?
Nein. Der Iran besitzt andere Kanäle, um seine Macht zu demonstrieren. Er könnte beispielsweise im Irak mehr eingreifen oder die Hamas direkt finanziell, personell oder waffenmässig unterstützen. Auch die Möglichkeit, dass Iran die libanesische Hisbollah zu einem Eingreifen drängt, kann nicht ausgeschlossen werden.

Und was ist mit Ägypten? Könnte das Land nicht eine Vermittlerrolle übernehmen?
Ägypten kann derzeit nicht viel zu einem Waffenstillstand und einem dauerhaften Frieden beitragen. Das Land liegt in einer Art Götterdämmerung.

Wer kann es dann?
Wer im Nahen Osten am ehesten vermitteln könnte, sind die Saudis oder Katar. Beide Länder haben sowohl auf palästinensischer wie auch auf israelischer Seite Trümpfe in der Hand. Beide könnten auf Israel grosses Gewicht ausüben.

Wie geht es jetzt weiter?
Ich rechne damit, dass die militärischen Aktionen im Gaza-Streifen noch sieben bis zehn Tage anhalten. Das wird noch eine blutige Geschichte. Aber dann können sich die internationalen Völkergemeinschaften nicht mehr mit kraftlosen Sprüchen gegen Israel begnügen.

Und was heisst das?
Es gibt in diesem Konflikt keinen Mittelweg. Es gibt nur den dauerhaften Frieden zwischen den beiden unabhängigen Staaten. Das muss die internationale Völkergemeinschaft so deutlich sagen, dass es die Israelis nicht mehr länger überhören können.

Und was kann Europa tun?
Viel. Die EU kann Druck ausüben, weil Israel nach Europa will. Und von Amerika erwarte ich, dass sich die Regierung von Barack Obama anders verhält als diejenige von Bush. Es gibt nur die eine Lösung, und die heisst Frieden.

Der erste tote Israeli im Gaza-Streifen

Die Bodenoffensive im Gaza-Streifen. Gestern starb der erste israelische Soldat bei den Gefechten mit der Hamas.Die Offensive beginnt am Samstag um 19.30 Uhr. Soldaten und Panzer dringen in den Gaza-Streifen ein. Die Hamas droht den Israelis: «Bereitet euch auf eine Überraschung vor.»Nach eigenen Angaben hat die Hamas zwei israelische Armeeangehörige gefangen genommen. Die Terroristen rufen auf, weitere Soldaten zu töten oder zu entführen. «Ihr werdet psychische Schäden erleiden von dem Grauen, das wir euch bereiten werden», heisst es in einer Botschaft. Hamas-Sprecher Ismail Raduan droht im TV-Sender Al Aksa den Israelis: «Gaza wird für euch nicht mit Blumen gepflastert sein, es wird mit dem Feuer der Hölle gepflastert sein.»Unterdessen gehen die schweren Gefechte zwischen der israelischen Armee und der radikal-islamischen Hamas weiter. Israel setzt seine Luftangriffe fort. Seit Beginn der Kämpfe starben schon 500 Menschen. Laut israelischem Militär wurden bisher 32 Soldaten verletzt. Die Israelis haben den Gaza-Streifen in zwei Teile getrennt, um die Nachschubwege der Terroristen zu unterbrechen. Der Einsatz werde «nicht einfach und nicht kurz sein», erklärt Verteidigungsminister Ehud Barak. Israel sei auf alle Szenarien vorbereitet. Auch auf eine Gewalt-Eskalation an der Grenze zum Libanon. Man hoffe aber, dass die Nordfront ruhig bleibe.

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