Augenzeugenbericht aus Gaza-Stadt «Alle drei Sekunden knallt es gewaltig»

  • Publiziert: 04.01.2009, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Fares Akram aus Gaza
play In Trümmern Etliche Wohnquartiere im Gazastreifen wurden zerstört.

Fares Akram lebt mitten im Kriegsgebiet. Seine Frau Alaa ist im 9. Monat schwanger. Hier berichtet er über seine Woche.

Vor einem Jahr haben Alaa und ich geheiratet. Jetzt ist sie im neunten Monat schwanger. Bis Samstag vor einer Woche konnte ich es kaum erwarten, Vater zu werden. Seit Israel die grösste Offensive seit Jahrzehnten gegen den Gazastreifen gestartet hat, ist alles anders. Ich wünschte, meine Frau wäre nicht schwanger.

Ich sitze in meinem Büro im Zentrum von Gaza-Stadt, als die Kampfjets ihre ersten Bomben abwerfen. Mein erster Gedanke: Wo ist meine Frau?

Aus dem Bürofenster sehe ich fast ein Dutzend pechschwarze Rauchsäulen aufsteigen. Auf der Strasse rennen Menschen panisch in alle Richtungen. Ich habe Angst, dass Alaa etwas zugestossen ist. Und versuche sie immer wieder auf dem Handy anzurufen – aber das Mobilfunknetz ist überlastet.

Über das Festnetz erreiche ich schliesslich meine Mutter, die neben uns wohnt. Alaa geht es gut, sagt sie. Doch das ist nicht die Wahrheit. In Wirklichkeit war Alaa soeben ins Spital gebracht worden.

Sie wollte die Fenster öffnen, als sie von der Druckwelle einer Bombenexplosion an die Wand geschleudert wurde. Als ich am Abend nach Hause komme, ist Alaa wieder daheim. Dem Baby gehe es gut, sagt sie. Aber selbst kann sie sich vor Schmerzen kaum bewegen.

Ich beschliesse zu bleiben. Nur hier ist es einigermassen sicher. Draussen weiss man nie, wo die F16-Jets, Apache-Helikopter oder bewaffneten Drohnen als Nächstes zuschlagen.

In der Nacht gehen die Bombenabwürfe weiter. Alle drei Sekunden knallt es gewaltig. Ich versuche, Alaa zu beruhigen. Erfolglos.

Zwei Angriffsziele der Israelis liegen in unserer unmittelbaren Nachbarschaft: eine Moschee, etwa 150 Meter entfernt von unserem Haus, und nochmals 100 Meter weiter das ehemalige Gebäude des palästinensischen Nachrichtendienstes, das jetzt von der Hamas besetzt ist.

Alaa findet, wir sollten in einem Raum schlafen, der nicht direkt gegenüber der Moschee liegt. Doch dann begreifen wir, dass das andere Zimmer genauso unsicher wäre. Dann nämlich, wenn das Geheimdienstgebäude attackiert würde.

Uns bleibt nichts übrig, als im Schlafzimmer zu bleiben. Die Fenster lassen wir offen, damit uns die Glasscheiben im Fall einer Explosion nicht um die Ohren fliegen. Eisig kalte Luft strömt ins Zimmer. Wir schlafen unter vier Bettdecken, ohne Heizung, die Stromversorgung ist längst ausgefallen.

Wie befürchtet, fallen am Sonntagabend die ersten Bomben auf das Geheimdienstgebäude, 250 Meter von uns entfernt. Der Boden im Quartier bebt, der Lärm ist ohrenbetäubend.

Alaa hat grosse Angst vor dem Moment, wenn ihre Wehen einsetzen. Endlos viele Fragen quälen sie: Wie werden wir zum Spital kommen? In welchem Zustand wird es sein? Gibt es genug Medikamente? Können sich die Ärzte überhaupt noch konzentrieren?

Seit der Machtübernahme der Hamas im Juni 2007 hält Israel die Grenzen zum Gazastreifen geschlossen. Auch die Grenze zu Ägypten ist zu. Das trifft vor allem ganz gewöhnliche Menschen wie meine Frau und mich.

Die Hamas hingegen kann sich auf ein dichtes Netzwerk von Tunneln unterhalb der ägyptischen Grenzlinie verlassen, um den Güterimport aufrechtzuerhalten. Als Regierung kontrolliert die Hamas zudem die Verteilung der wenigen Güter, die über die israelische Grenze nach Gaza gelangen.

Wenn das Kind da ist, braucht es Windeln und Milch. Doch fast alle Läden und Apotheken in Gaza sind geschlossen. Auch Geld habe ich keines mehr, die Bankomaten funktionieren nicht. Und so wird es wohl bleiben. Lina, eine Freundin, die bei der Bank arbeitet, meinte, die sei bis auf weiteres geschlossen. Aus Sicherheitsgründen könnten die Bankomaten nicht aufgefüllt werden.

Übersetzung aus dem Englischen: Lorenz Honegger

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