Nahost-Experte Gysling zu Saudi-Provokation: «König Salman lässt die Muskeln spielen»

RIAD - Saudi-Arabien provoziert den Iran mit der Hinrichtung des schiitischen Geistlichen Nimr al-Nimr bis aufs Blut. Das Königreich zeigt damit, wer in der Region die Hosen an hat.

Aktuell auf Blick.ch

Top 3

1 Ehemann liess Veganerin (†34) am Mount Everest zurück «Natürlich mache...
2 Mutter des Buben im Gorilla-Gehege wehrt sich «Wir verurteilen zu...
3 Polizei-Bild macht Sarah Seawright berühmt Amis stehen auf das...

Ausland

Immer informiert - Abonnieren Sie den Blick Newsletter!
Bitte geben Sie eine gültige E-Mail-Adresse ein.
Schön, dass wir Ihnen unsere BLICK News des Tages senden dürfen. Möchten Sie zusätzlich den BLICK Sport Newsletter erhalten?
teilen
teilen
19 shares
24 Kommentare
Fehler
Melden

Seit König Salman vor einem Jahr den Thron im Königreich Saudi-Arabien bestiegen hat, zündelt er in der Region. Mit der Hinrichtung des schiitischen Geistlichen Nimr al-Nimr am Samstag provoziert er den lokalen Rivalen Iran bis aufs Blut. Dieser reagierte empört, schon am Tag darauf brannte die saudische Botschaft in Teheran. Als Reaktion verkündeten die Saudis den Abbruch der diplomatischen Beziehungen.

Wo führt der Streit des sunnitischen Saudi-Arabien und des schiitischen Iran noch hin? BLICK sprach mit Nahost-Experte Erich Gysling über die Gründe der saudischen Provokation, die Folgen für den Syrien-Krieg und die Rolle der USA.

Nahost-Experte Erich Gysling (79). play
Nahost-Experte Erich Gysling (79). Keystone

Herr Gysling, wieso provozieren die Saudis den Iran derart?
Erich Gysling:
Es ist ein Ringen um die Vormachtstellung in der Region. Die Saudis merken, dass sie auf dem absteigenden Ast sind: Wegen des niedrigen Ölpreises muss das Land sparen und die Rückendeckung der USA, die nicht mehr auf saudisches Öl angewiesen sind, wird schwächer. Der Iran ist gleichzeitig auf dem aufsteigenden Ast, seit der Westen die Sanktionen lockern will. Mit der Hinrichtung von Nimr al-Nimr senden die Saudis die Botschaft aus: Jetzt ist genug. Salman zeigt seine Muskeln und macht klar, wer in der Region an der Macht ist.

Stösst Saudi-Arabien damit nicht die Partner im Westen vor den Kopf?
Doch, der Westen ist schockiert. Die Unterstützung für die Saudis schwindet weiter. Der Westen dachte bei Salmans Thronbesteigung vor einem Jahr noch, dass er ein Reformer sei. So dürfen Frauen an Lokalwahlen teilnehmen. Doch das war Augenwischerei. Salman provoziert mit seiner Aussenpolitik, sei es mit dem Eingreifen im Jemen oder der Unterstützung der islamistischen Rebellen in Syrien.

Die USA unterstützen Saudi-Arabien seit Jahrzehnten. Lassen sie die Saudis nun fallen?
Das glaube ich nicht. Zwar ermahnen sie die Saudis in letzter Zeit öfters. Doch die USA haben immer noch die 5. Flotte im arabischen Raum zum Schutz der Saudis. Eine richtige Distanzierung ist nicht in Aussicht.

Greift hart durch: Saudi-König Salman. play

Greift hart durch: Saudi-König Salman.

imago/UPI Photo

Warum nicht?
Die Saudis sind eine Grossmacht, militärisch sowie finanziell. Die kann man nicht einfach ignorieren und ins Abseits stellen. Zudem gibt es handfeste wirtschaftliche Interessen.

Ideologisch ist Saudi-Arabien nicht weit weg vom IS. Bislang wurde dies dem Frieden zuliebe hingenommen. Ändert sich das nun?
Ich hoffe, dass es mehr zum Thema wird. Westliche Staatschefs ermahnen die Saudis zwar deswegen bei ihren Besuchen, aber nur leise. Ich glaube, es wird bei Ermahnungen bleiben.

Welche Reaktion erwarten Sie vom Iran? Ayatollah Ali Chamenei droht bereits mit der «Rache Gottes».
Schwierig zu sagen, aber grundsätzlich wollen die Iraner keinen Krieg. Sie sind noch vom Krieg gegen den Irak in den 1980er-Jahren traumatisiert. Zudem wollen sie eine einigermassen normale Beziehung mit Saudi-Arabien. Schon alleine wegen den 1,5 Millionen Iranern, die jährlich ins saudi-arabische Mekka pilgern.

Was bedeutet der Streit für den Syrien-Konflikt?
In Syrien spielt sich ein Regionalkrieg ab. Der Iran unterstützt das Assad-Regime, die Saudis die islamistische Opposition. Solange die Länder die Parteien mit Waffen, Soldaten und Geld unterstützen, geht der Krieg weiter. Würden beide die Lieferungen einstellen, würde der Konflikt austrocknen. Als Saudi-Arabien und der Iran kürzlich zum ersten Mal an einen Tisch sassen, kam die Hoffnung auf, dass es Ansätze für einen möglichen Frieden gibt. Doch diese Hoffnung ist nun in weite Ferne gerückt. Jetzt ist es noch illusorischer, an einen Befriedungsprozess zu denken.

Publiziert am 04.01.2016 | Aktualisiert am 04.01.2016
teilen
teilen
19 shares
24 Kommentare
Fehler
Melden

24 Kommentare
  • Anna  Rusch 05.01.2016
    Die Tage dieser Herrscherfamilien sind gezählt, die eigene unterdrückte Bevölkerung erträgt vieles langsam nicht mehr und dass wird auch langsam Zeit! Wenn man sieht wie diese Familien zu ihrem Reichtum gekommen sind, dann schüttelt man nur den Kopf. Ihnen wird es gehen wie Diktatoren der Regionen in den letzten Jahren, sie waren Jahrzehnte unantastbar gewesen und hatten gewütet! Diese hier werden wohl in der Schweiz um Asyl bitten, wegen ihren Wertanlagen!
  • Manfred  Grieshaber aus Zollikon
    04.01.2016
    Was derzeit in Syrien geschieht ist beinahe eine 1 zu 1 Kopie dessen was sich 1618 - 1648 in Europa abspielte: Damals Habsburg gegen die Bourbonen, heute Iran gegen die Saudis, eine Ebene tiefer damals die Niederlande, das deutsche Reich, heute Syrien und der Irak. Noch tiefer damals die deutschen Kleinstaaten, heute die einzelnen Gruppen der Schiiten, Sunniten, Alawiten, Kurden usw. Damals dauerte es wegen der Fortführung der Kämpfe 8 Jahre bis zum Frieden, wie lange wird es heute wohl dauern?
    • John  Livers aus St.Gallen
      04.01.2016
      Solange wie die USA Waffen liefern.......
    • Ernst  Rietmann aus Weinfelden
      05.01.2016
      Herr Livers, nicht nur die USA liefern Waffen. Es gibt genügend andere Länder, die z.B. Iran oder Saudi-Arabien Waffen liefern. Das ist im Fall Iran aber seit längerem sicher nicht die USA, auch z.B. Russland dürfte da seinen Teil dazu beitragen. Das Waffengeschäft ist international aufgestellt und es gibt genügend dubiose Figuren, die sich darin bewegen und keine Skrupel haben.
  • Rüdiger  Simpson aus Züri
    04.01.2016
    Wir haben uns leider auch von ihrem Öl abhängig gemacht und mit unseren Waffenlieferungen an die Saudis das böse spiel mitgespielt. Die Quittung - welche Europa eigentlich mit den USA teilen müsste - wird uns d.h. Europa alleine bald zugestellt werden: Nachdem die Syrier, Iraker und Afghanen gekommen sind, werden bald die Leute aus Jemen kommen - inkl. den dortigen zehntausenden afrikanischen Flüchtlichen - und dann wohl bald auch die Iraner, nachdem diese von den Saudis angegriffen worden sind
    • Aschi  Roth 04.01.2016
      Zitat: Wir haben uns leider auch von ihrem Öl abhängig gemacht! Das stimmt so nicht. Man hat uns das aufgezwungen! Wir Konsumenten können nicht entscheiden woher wir das Öl kaufen. Wir müssen nehmen was wir bekommen. Wir wurden abhängig gemacht.
    • Rüdiger  Simpson aus Züri
      04.01.2016
      @Aldente: stimmt, aber wir können entscheiden ob wir überhaupt Öl kaufen oder versuchen möglichst gar kein Öl mehr zu verbrauchen. Mir ist auch klar, dass das Öl leider nicht nur im Treibstoff und im Heizöl steckt aber dort kann jeder dazu beitragen zu reduzieren. Beim Kunststoff aus Öl gehts auch noch gut mit reduzieren - z.B. mal die Einwegplastiktaschen weglassen, bei Industrieprodukten wie Medikamente, Chemikalien und Kosmetika aus Öl etc. wird zugegebenermassen schwieriger.
    • Aschi  Roth 04.01.2016
      @ Simpson, wir können nicht vollkomen auf Öl verzichten, denn das würde den Petrodollar vernichten und dann kommt etwas auf uns zu, was wohl wirklich keiner will. Wenn wir vollkommen auf Öl verzichten würden, würde es dunkel, denn dann wäre der Himmel so voller Drohnen, dass kaum noch ein Sonnenstrahl durch kommt. Also beiben wir doch noch ein wenig beim Öl bis wir die einen isoliert haben.
  • Ines Maria  Giezendanner aus Viganello
    04.01.2016
    Schon wieder Einer, der mit Muskeln protzt, die er gar nicht hat. Weil die Amis den Saudis Waffen liefern in Milliardenhöhe erhalten sie dafür deren Schutz, sonst wären die schon längst weg vom Fenster. Weil die Amis noch weiter absahnen wollen und müssen, um den Staatsbankrott zu vermeiden, begnügen sie sich mit lauwarmen Mahnungen an die Saudis, trotz deren menschenverachtenden Verhaltens.
    • Mike  Gartner 04.01.2016
      Naja Frau Giezendanner, wie bei jedem Ihrer Beiträge - und völlig unabhängig vom Thema - eine volle Breitseite gegen Ihr Lieblings-Feindbild Amerika. Ihr Leben muss einigermassen öde sein, wenn Sie Tag und Nacht nur an den Satan USA und deren Untaten denken können...
  • Schütz  Roland 04.01.2016
    Die Gefahr eines 3. Weltkrieges ist so real wie nie. Aber das hat nicht nur mit dem nahen Osten zu tun. Neben weltweiten Machtkämpfen reden wir über Religonskriege. Nur die "Spielzeuge" sind tödlicher!!! Europa hatte das gleiche Bild lange Zeit. Da Mohammed ca. 609 "Visionen" hatte muss man sagen, der Islam ist heute nach unserer Zeitrechnung im Jahr 1400. Europa hat da noch Hexen verbrannt. Dazu kommt, dass diese Völker in Rekordzeit aus dem Mittelalter in die Neuzeit transferiert wurden.