Nahost-Experte Erich Gysling zum Waffenstillstand Ist der Syrien-Krieg jetzt vorbei?

Nach fast sechs Jahren Krieg und einer halben Million Toten herrscht in Syrien seit Mitternacht eine brüchige Waffenruhe. Doch was ist diese wert?

Ein Soldat der syrischen Armee in Aleppo: Nach Eroberung der Stadt durch die Regierungstruppen gilt seit dem 30. Dezember eine Waffenruhe. (Archivbild) play

Ein Soldat der syrischen Armee in Aleppo: Nach Eroberung der Stadt durch die Regierungstruppen gilt seit dem 30. Dezember eine Waffenruhe. (Archivbild)

AP Photo/Hassan Ammar

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Seit letzter Nacht gilt in Syrien ein Waffenstillstand. Bis auf Angriffe islamistischer Gruppen auf Regierungstruppen in der Stadt Hama und Gefechte bei Damaskus scheint die Waffenruhe zu halten.

Russland und die Türkei hatten die Waffenruhe zwischen der Regierung von Präsident Bashar al-Assad und mehreren Oppositionsgruppen vermittelt. Nach Angaben aus Moskau schlossen die syrische Regierung und die «wichtigsten Kräfte der bewaffneten Opposition» ein Abkommen.

Demnach erklärten sich beide Seiten auch zur Aufnahme von Friedensverhandlungen bereit. Im Januar soll es in Kasachstan zu Verhandlungen kommen.

BLICK fragte bei Nahost-Experte Erich Gysling (80) nach, ob es nach fast sechs Jahren Bürgerkrieg und einer halben Million Toten tatsächlich bald Frieden geben könnte.

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Nahost-Experte: Publizist Erich Gysling. Ex-Press

 

BLICK: Herr Gysling, was ist der Waffenstillstand in Syrien wert?
Erich Gysling:
Er ist besser als nichts. Die Bevölkerung ist sicher einmal froh, dass die Kampfhandlungen beendet sind. Ich bin vorsichtig optimistisch.

Was macht sie optimistisch?
Es sieht so aus, als nähern sich alle Parteien einer pragmatischen Lösung an. Assad ist zufrieden – er kontrolliert zwar nur Teile des Landes, aber dort befinden sich die grossen Städte mit rund zwei Dritteln der Bevölkerung. Die Kurden wollen zwar einen eigenen Staat, werden sich aber auch mit dem Status einer autonomen Region wie im Irak zufrieden geben. Die Opposition kann Assad zwar nicht stürzen, darf aber vielleicht Teile des Landes behalten.

Ist Assad tatsächlich bereit, gewisse Gebiete aufzugeben?
Offiziell wird er nicht akzeptieren, dass das Land aufgeteilt wird. Doch Assad ist auch klar, dass er keine andere Wahl hat. Seine Armee ist nicht mehr sehr stark und angewiesen auf ausländische Kämpfer aus dem Libanon, aus Afghanistan, dem Iran oder Russland. Assad hat zwar noch genug Kraft, um an einem Ort militärisch aktiv zu sein – wie wir das in Aleppo gesehen haben. Aber er kann nicht im ganzen Land präsent sein. So verlor er während der Aleppo-Offensive die Stadt Palmyra wieder an den Islamischen Staat.

Er muss sich also mit der Opposition arrangieren?
Ja, und das hat er in der Vergangenheit bereits getan. Zum Beispiel im Süden des Landes. In der Stadt Dera sind Oppositionsgruppen tätig, die sich mit Assad geeinigt haben. Hinter den Kulissen und stillschweigend gibt es einige solche Vereinbarungen.

Wo könnte es noch Probleme geben?
Die Russen und Türken sagen, dass sie die Islamisten des IS und die frühere Al-Nusra-Front weiterhin bekämpfen werden. Gleichzeitig sind 70 Prozent der akzeptierten Opposition Islamisten. Es ist deshalb schwierig zu sagen, mit welchen der über 100 Gruppierungen man zusammenarbeiten kann und mit welchen nicht. Zumal diese auch untereinander verbunden sind.

Was könnte den Krieg wieder aufflammen lassen?
Das kann man nicht sagen. Aber gefährlich wird es, wenn eine Gruppe wieder das Gefühl hat, dass sie stärker ist als der Gegner.

Publiziert am 30.12.2016 | Aktualisiert am 30.12.2016
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13 Kommentare
  • Leo  Bissig 31.12.2016
    Hoffnung 2016: Wenn der Nahostexperte völlig einseitig über die beteiligten Kriegsparteien berichtet, also kein einziges Wort zu USA/NATO verlauten lässt und dann von der Leserschaft einhellig an die Realität erinnert wird. Und dies im Blick! - Häbät Sorg und ä guätä Rutsch!
  • Dracomir  Pires aus Bern
    31.12.2016
    Gysling sieht dies viel zu pessimistisch, praktisch nur aus der Sicht von EU/USA. Die Armee muss alle Islamisten vertreiben, und sie ist mithilfe der Russen auf bestem Weg dazu. Clever ist, dass die Armee mit einzelnen Gegnern eine Waffenruhe schliesst. Dann kann sie sich die verschiedenen Islamistengruppen einzeln vorknöpfen.
  • sascha  müller aus Uznach
    31.12.2016
    Als Trump gewählt wurde , hatte ich gesagt der Krieg wird bald vorbei sein. Wenn die Amerikaner und die Europäer die Rebellen unterstützen ist wohl logisch das es kein Frieden gibt. Auch in der Ukraine gäbe es keinen Krieg wenn die Europäer und Amerikaner nicht die Finger drin hätten. Soll jemand das Gegenteil beweisen
  • Derek  Elmiger , via Facebook 30.12.2016
    Gysling will Hintergründe nicht sehen oder sieht sie nicht. Der Syrienkrieg ist ein Regime-Change Krieg. IS und andere "Rebellen" sind mutmasslich bezahlte Söldner im Dienst der "Westlichen Allianz für ein erweitertes Energiemonopol", kontra Syrien/Iran/Russische Föderation. Assad wird dämonisiert wie andere, die im "Arabischen Frühling" liquidiert wurden. Assad verteidigt Land und Volk, hält am Deal mit Iran fest und will keine Pipeline von Katar in die Türkei. Der Krieg ist/war ein Verbrechen!
  • Urs  Hagen 30.12.2016
    Sobald die Rebellengruppen nicht mehr finanziert werden ist es eben auch nicht besser, dann machen sie weiter auf eigene Rechnung. Die Söldner werden wieder irgend wo anders eingesetzt und so geht es weiter. Man muss die Verantwortlichen vors Haager Kriegsgericht zerren und verurteilen die Regierungen und Interessengruppen im Hintergrund sind ja bekannt.
    • Urs  Hagen 31.12.2016
      Ist nur eine Feststellung, in Afghanistan wurden zuerst die Taliban unterstützt und aufgerüstet gegen die Russen, am Schluss mussten dann die Taliban bekämpft werden. Im Iraq das selbe Problem mit Saddam, Lybien usw. Man kann gut einen Krieg aufhören wenn niemand mehr Waffen braucht, ist das Geschäft vorüber. Dann kommt die Liquidation, Ausverkauf....Entsorgung.