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Frank Schirrmacher: «Multitasking vermanscht das Hirn»

Die Menschen machen sich zu Sklaven der Computer, kritisiert der deutsche Publizist Frank Schirrmacher. Er rät zur Entschleunigung.

Interview: Hannes Britschgi | Aktualisiert um 19:12 | 29.11.2009
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Der Mann hat es pressant. Auf Einladung der Media-Agentur OMD ist Frank Schirrmacher zum Blitzbesuch in die Schweiz gekommen. Für SonntagsBlick lang genug, ­einen der grossen Intellek­tuellen aus Deutschland bei seiner Taxi-Fahrt zum Flughafen Kloten über sein neustes Buch auszu­fragen.

Frank Schirrmacher, für einen Denker wirken Sie hektisch: Sie bedienen gleichzeitig zwei Handys. Da reden, dort schreiben. Sie leben das Thema Ihres neuen Buches!
Frank Schirrmacher: Wir haben eine neue Religion: Multitasking – viele Dinge gleichzeitig tun.

Frauen können das, Männer nicht.
Genau. Und es ist sehr modern. Die jungen Menschen können es ganz besonders gut. Das ist aber ein gros­ser Irrtum!

Meine Töchter schauen gleichzeitig fern, kommunizieren via Laptop live mit ihren Freundinnen und machen nebenbei noch Hausaufgaben. Das ist schlecht?
Das funktioniert gar nicht. Das wissen wir aus Untersuchungen dieses Sommers in Amerika. Multitasking vermanscht das Hirn, beeinträchtigt das Erinnerungsvermögen. Menschen können es nicht.

Es vermanscht das Gehirn. Was heisst das?
Tests zeigen, dass die Menschen während des Multitaskings sehr viele Fehler begehen. Sie sind ständig in einem Gefühl des Alarms, sind ständig abgelenkt. Ihr Kurzzeitgedächtnis ist massiv reduziert. Sie können die Dinge nicht mehr speichern und nicht mehr verarbeiten. Das ist keine These, sondern das Ergebnis der Untersuchungen von Clifford Nass und andern Forschern der Stanford University. Der Hippocampus (Teil des Grosshirns, Anm. d. R.) verkümmert durch Reizüberflutung. Kinder können zum Beispiel nicht mehr Mimik lesen. Leute haben dafür den Begriff ­«digitale Demenz» geschaffen.

Das tönt furchtbar.

Wir sind nicht nur Handelnde – wir werden auch zu Objekten dieser Prozesse. In vielen Unternehmen entscheidet schon Software über Menschen. Das geht immer weiter. Niklaus Becker sagt dazu: Die Menschen werden in Mathematik verwandelt, in immer kleinere arithmetische Einheiten zerlegt und dann analysiert.

Wie entscheiden Computer­programme über Menschen?
Nehmen wir das Beispiel IBM. Dort wird Software entwickelt, die Zugriff auf den E-Mail-Verkehr hat, auf die gesamte Kommunika­tion, auf die Krankengeschichten, die Präsenzzeiten der Mit­arbeiter. Diese Software wertet, was sie erfasst. Welche Schlüsselworte in diesen Texten vorkommen. Ob das kreative Menschen sind, ob die E-Mails viel Resonanz auslösen. Daraus wird der Wert ­eines Mitarbeiters errechnet. Das ist ganz ähnlich wie bei Amazon. Bestellt man da ein Buch, dann meldet Amazon, dieses und jenes Buch müsste einem auch noch gefallen. Die Software sagt eben, dieser Mensch ist so wie der andere, den wir auch schon kennen. Es besteht die Gefahr, dass wir in berechenbare Einheiten umgewandelt werden.

Sie behaupten in Ihrem Buch, dass sich das Gehirn den digitalen Bedürfnissen der Computer anpasst. Wie soll das gehen?
Vor hundert Jahren, als die Fliessbänder erfunden wurden, gab es zur Anpassung des menschlichen Körpers an die Maschinen ein Riesenprogramm. Da wurde trainiert und geschult, damit sich die Muskeln der notwendigen Motorik anpassten. Im 21. Jahrhundert geschieht das Gleiche mit dem Gehirn. Die Computer formen den Muskel Gehirn.

Wie denn?
Die ganze Internetkommunikation funktioniert wie Nahrungsketten. Duftet ein Hamburger, möchte ich den gern essen. Wenn jetzt mein Handy piepst oder blinkt, möchte ich gern hingreifen. Jetzt darf ich aber nicht, weil wir zusammen reden. Die Forschung sagt: sich so zu beherrschen, gelingt am Tag höchstens ein- oder zweimal. Wir müssten es aber dauern machen. Der Aufmerksamkeitsmuskel erschlafft und Menschen werden unglaublich erschöpft. Das merken wir jeden Tag. Am Abend sind wir total erschöpft und ausgelaugt. Das hat mit der Überflutung von Informa­tion zu tun.

Ist es dann naiv zu glauben, dass – trotz aller Computer und Software – immer noch die eigene Kreativität über meine Chancen im Leben entscheidet?
Die Gefahr ist, dass das nicht mehr so ist. Dass wir eine normierte Arbeitswelt und Gesellschaft bekommen, in denen das Unberechenbare gar nicht mehr vorgesehen ist.

Wie können wir das verhindern?
Die Frage heisst: Wer beherrscht wen? Beherrschen wir die Computer oder beherrschen die Computer uns? Was die Menschen von den Computern unterscheidet, ist die Unberechenbarkeit. Wir müssen an der Schule das Kreative, das Intuitive schulen und fördern.

Was hat Sie auf das Thema Mensch-Computer gebracht?
Ich bin selber betroffen: massive Konzentrationsstörungen, Vergesslichkeit, ständige Alarmstimmung und die unglaubliche Energie, die es braucht, zum Beispiel seinen Face­book-Account gut zu managen.

Was sagen Sie denn zu der Tatsache, dass sich die Menschen heute im Internet ganz bewusst und freiwillig bis aufs Intimste entblättern?
Wir sind im Augenblick in der naiven Phase. Wie Wilde, die plötzlich vor einem schimmernden Objekt stehen und in die Hände klatschen. Wir denken, das Internet sei ein geniales Spielzeug. Die Wahrheit aber ist, dass es ein urkapitalistisches System ist, in dem – wie im 19. Jahrhundert – gekauft werden soll. Nicht nur Waren, auch Menschen, die sich anpreisen, auch Gedanken. Und dahinter stecken riesige Unternehmen wie Google. Das ist eine sehr ernste Sache.

Trauern Sie einer vergangenen, einer vom Internet unberührten Welt nach?
Nein, ich bin immer für das Neue. Aber jetzt ist die Gefahr, dass der Mensch das Neue von der Maschine machen lässt. Das Interessante wird die Symbiose zwischen Mensch und Maschine. Wir müssen wissen, was der Mensch ist. Den Computer kennen wir jetzt.

Was ist der Mensch?
Er ist ein Wesen, das sich in fast allem diametral vom Computer unterscheidet. Er ist kreativ, tolerant, schöpferisch, nicht berechenbar und total überraschend: Das ist der Mensch. Und der Computer ist das alles nicht. Denn der ist präzise, intolerant, korrekt, nicht kreativ. Der Mensch muss entschleunigen, Nachdenklichkeiten kreieren und das als Wert anerkennen. Das ist dann eine tolle Symbiose. 
Schweiz-Besucher: Schirrmacher am Taxistand in Zürich-Kloten. (Hannes Britschgi)
Schweiz-Besucher: Schirrmacher am Taxistand in Zürich-Kloten. (Hannes Britschgi)

Persönlich

Er ist Mitherausgeber der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (FAZ), Journalist und Buchautor und gilt als einer der wichtigen Intellektuellen Deutschlands. ­Seine Recherchen zum Thema Überalterung hat er im Sachbuch «Methusalem-Komplott» mit grossem Erfolg veröffentlicht.

Jetzt legt Frank Schirrmacher (50) im Blessing Verlag sein neustes Werk auf: «Payback» – eine kritische Auseinandersetzung mit dem aktuellen Computerzeitalter.

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