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Er trägt einen grauen Kaftan und einem weissen Fes, spricht leise und langsam – stets von Leibwächtern begleitet. Scheich Mohammed al-Hussein ist der Mufti von Jerusalem, der Wächter über die Al-Aqsa-Moschee, der drittwichtigsten des Islam. BLICK hat ihn letzte Woche nach dem grossen Freitagsgebet besucht. Und höchst erstaunliches über eine scheinbar freie Welt und einen freien Islam erfahren.
BLICK: Sehr geehrter Mufti Scheich Mohammed, müssen wir in Europa Angst haben von der Islamisierung?
Scheich Mohammed al-Hussein: Man soll keine Angst haben von dem, was Sie als die Expansion der Muslime in Europa nennen. Die Welt ist heute frei, und jeder kann leben wo er will, in jedem Platz auf der Welt. Jeder kann ein religiöses Leben führen, wie immer es ihm gefällt. Egal ob er Christ, Muslim oder Jude ist. Muslime in Europa, es geht um eine nicht kleine Zahl, haben das Recht, ein religiöses, muslimisches Leben zu führen, wie es auch schon ihre Familien getan haben. Stören sollte das niemanden.
Die Minarette als Machtsymbol des Islam – wir Europäer können sie durchaus als störend empfinden.
Minarette sind nicht mehr und nicht weniger als ein religiöses Symbol. Sie haben keinen politischen Inhalt, genau wie das Kreuz in der christlichen Welt. Es geht um ein Platz, wo sich Muslims sammeln, um zu ihrem Gott zu beten. Niemand sollte Angst vor Minaretten haben. Es sind keine Waffen.
Die Ko-Existenz von Kirchtürmen und Minaretten führt ihrer Meinung nach in Europa nicht zu Konflikten?
Ja. Genauso wie es in arabischen Staaten viele Kirchen gibt. Nebenbei gesagt befindet sich hier die wichtigste Kirche der christlichen Welt, die Grabeskirche. Kein Muslim betrachtet die Grabeskirche in Jerusalem als eine Bedrohung. Im Gegenteil. Wir Muslime bewachen diesen heiligen Platz seit 1600 Jahren, als Kalif Omar vom christlichen Patriarchen die Schlüssel der Grabeskirche bekommen hat.
Haben Sie von der Initiative gegen den Bau von Minaretten in der Schweiz gehört?
Die arabische Presse berichtet ab und zu darüber. Aber im Moment beschäftigt uns dieses Thema im alltäglichen Leben eher weniger.
Wie wird die Initative in arabischen, religiösen Kreisen aufgefast?
Wir glauben, dass es im Moment kein Konflikt ist und auch nicht als ein solcher dargestellt werden sollte. Wir werden abwarten und sehen, was in dieser Angelegenheit noch alles passieren wird.
Die Juden in der Schweiz sind nicht gegen den Bau von Minaretten. Freut Sie das?
Wie gesagt, die Juden und die Christen brauchen sich über Minarettenbauten nicht aufregen zu müssen. Es geht nur um einen religiösen Bau – und niemand soll Angst haben vor etwas mehr oder weniger Minaretten.
Die Vorlage stammt von der Schweizer Partei SVP. Sie bewerben ihr Anliegen gerne mit brachialen Mitteln. Und sind auch sonst sehr resolut im Ton.
Es ist generell ein grosser Fehler, Politik mit Religion zu verknüpfen. Als Politiker sollten sie sich nur mit Politik beschäftigen, dafür sind sie gewählt – nicht wahr? Sie sollen die Religion beiseite legen und zwischen Religion und reiner Politik unterscheiden.
Wie wird die muslimische Welt reagieren, falls die Schweizer Bürger tatsächlich den Bau von Minaretten verbieten?
Niemand weiss, was passieren wird. Ich schätze, dass es Demonstrationen von Moslems in der Schweiz oder auch gegen Schweizer in islamischen Staaten geben könnte. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass es in diesem Zusammenhang zu grossen Demonstrationen vor christlichen Kirchen im arabischen Raum kommen könnte.
Die Anit-Minarett-Initiative ist das eine. Unsere Bundesrätin und Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf erwägt unter gewissen Umständen ein Burka-Verbot.
Ich verstehe die Verbindung zwischen Politik, Justizministerium und einem privaten Kleidungsstück nicht. Menschen in der freien Welt ziehen sich so an, wie sie es für richtig und bequem halten. Und wie sie es zu Hause gewohnt sind. Die Burka ist als arabisches Kleidungsstück reine Privatsache.
Es ist aber auch ein Symbol des Islams.
Wieso sollten Politiker entscheiden, was Menschen anziehen? Mit welchem Recht mischen sie sich ein, wenn es die private Kleidung von Menschen betrifft? Wie gesagt, wer was anzieht ist eine persönliche Sache. Die Burka ist lediglich ein Kleidungsstück, das zu unserer Religion gehört. Warum sollte es verboten werden?
Wir Schweizer müssen also keinerlei Sorge vor dem Euro-Islam haben?
Ich kann nur empfehlen, die Religion mit Liebe zu betrachten, sich nicht allzu stark mit Minaretten und mit Burka zu beschäftigen. Sich nicht einzumischen und bei Volksenstscheiden zu diesem Thema nicht teilzunehmen. Lasst die Muslime beten und Minarette bauen, wo sie wollen. Ermöglicht ihnen die Religionsfreiheit. Die Welt ist heute frei, und jeder kann seine eine eigene Religion und eigene Bekleidung wählen. Der Bau von Minaretten sollte, wo viele Muslime leben, sicherlich nicht verboten werden.
Gilt das umgekehrt auch für Christen und Kirchtürme in islamischen Ländern?
Es macht keinen Unterschied, ob sich das Ganze in der Schweiz abspielt oder an einem anderen Ort. Es gibt Kirchen in arabischen Staaten. Niemand hat das verurteilt oder dagegen demonstriert. Im Gegenteil, die christlichen Stätten werden von Muslimen streng bewacht, und so sollte es gegenüber Minaretten oder Moscheen in jedem europäischen Staat auch gelten – auch in der Schweiz. Niemals hat sich ein Muslim gegen den Bau einer Kirche in einem muslimischen Staat negativ geäussert.
Wirklich?
Warum überhaupt beschäftigt sich die Schweiz mit Minaretten? Warum sollte man vor Menschen, die zu Gott beten, Angst haben? Dies kann am Ende dann wirklich zum Hass und zu Intoleranz zwischen den Religionen führen.