Gaddafi unter Druck Rächt er sich mit Terroranschlägen?

  • Publiziert: 18.03.2011, Aktualisiert: 20.01.2012
  • Von Ann Guenter

ZÜRICH - Bald dürfte der Westen erste Luftangriffe gegen Muammar al-Gaddafi starten. Der Diktator gibt sich unbeeindruckt. Hat er noch einen Trumpf im Ärmel? Etwa Terroranschläge in Europa?

Die Uno hat gestern ein Machtwort gegen Muammar al-Gaddafi gesprochen. Der gibt sich unbeeindruckt. Die Familie habe keine Angst, sagte heute Saif al-Islam, Gaddafis zweitältester Sohn. Auch Gaddafi Senior gibt sich kämpferisch: «Wenn die Welt spinnt, beginne ich auch zu spinnen», sagte er gestern in einem Interview. Das ist mehr als eine versteckte Drohung. Doch wie ernst ist sie zu nehmen? Welchen Trumpf könnte der Wüstendiktator noch im Ärmel haben?

Blick.ch bat den Terrorexperten Rolf Tophoven um eine Einschätzung.

Blick.ch: Herr Tophoven, was sagen Sie zum Uno-Entschluss über eine Flugverbotszone?
Rolf Tophoven: Es ist richtig, dass der Westen und die EU militärisch gegen Gaddafi vorgehen. Es ist auch höchste Zeit. Man hat damit zu lange gewartet.

Wie erklären Sie sich das lange Zögern?
Der deutsche Aussenminister Guido Westerwelle ist sinnbildlich dafür. Er argumentierte, man dürfe in einem Bürgerkrieg nicht als Kriegspartei eingreifen. Eine Floskel! Die Arabische Liga sprach sich als erste für ein Flugverbot aus – es ist also nicht so, dass der Westen durch sein Eingreifen die Wut der arabischen Welt auf sich ziehen würde. Im Gegenteil: Wenn Gaddafi überlebt, gehen andere Diktatoren in Afrika gestärkt hervor.

Frankreich tut sich derzeit durch grosse Entschlossenheit hervor, Sarkozy würde am liebsten schon in «einigen Stunden» losschlagen. Wie kommt das?
Das sind wohl eher die Profilneurosen von Nicolas Sarkozy, der sich jetzt nach langem Warten der EU durch seine umso stärkere Hand hervorheben will.

Was heisst das Flugverbot denn nun konkret?
Um es noch einmal deutlich zu sagen: Das Flugverbot heisst nicht, dass jetzt Bodentruppen der Nato in Libyen einfallen. Es geht darum, dass die Luftwaffe etwa der Nato schnell und effizient die Nachschublinien Gaddafis unterbricht. Der Westen hätte früher eingreifen sollen, das hätte die Dinge vereinfacht. Tatsächlich ärgert mich das merkwürdige, zögerliche Verhalten vor allem Deutschlands, das sich bei der gestrigen Abstimmung über die Resolution auch noch der Stimme enthielt. Das ist beschämend!

Gaddafi gibt sich unbeeindruckt. Zu Recht? Kann er dem Flugverbot etwas entgegensetzen?
Das ist die Frage. Doch ich nehme an, dass er relativ schnell zusammenbrechen wird. Die Luftwaffe des Westens ist der von Gaddafi doch sehr überlegen.

Aber Gaddafi, der Unberechenbare, könnte schon einen Angriff starten. Es könnte gar zu einem Krieg im Mittelmeer kommen.
Das denke ich nicht. Gaddafi kann schon hier und da einige Widerstandsaktionen lancieren. Doch wie gesagt, der Westen ist ihm militärisch deutlich überlegen. Wichtig ist: man muss jetzt effizient, schnell und wirksam handeln.

Was ist mit einer Rache Gaddafis? Müssen wir in Europa jetzt Angst vor Terroranschlägen haben?
Tatsächlich war Gaddafi einmal Hauptsponsor des internationalen Terrorismus. Da gab es den tödlichen Anschlag 1986 in Berlin, später Lockerbie. Als damals aber die USA und die EU Gaddafi mit Angriffen auf Tripolis und Sanktionen entschlossen entgegentraten, gab er nach und übte sich in Zurückhaltung. Auch jetzt, mit der Einfrierung der Gaddafi Gelder und weiteren Sanktionen ist fraglich, ob er Terroranschläge logistisch und finanziell noch durchführen kann. Der Westen muss ihm den Tarif durchgeben, wie 1986 US-Präsident Ronald Reagan. Das ist die Sprache, die Gaddafi versteht.

Was ist in Ihren Augen das «Worst case»-Szenario in Libyen?
Der Westen hat jetzt die Karte des Flugverbotes gezogen. Das wird Gaddafi empfindlich treffen. Ich hoffe nur, dass der Uno-Entschluss nicht zu spät kam. Denn das Schlimmste, das passieren könnte, wäre, wenn Gaddafi politisch überleben würde und der Westen mit ihm verhandeln müsste.

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