Bulliger Kerl mit weichem Kern Gaddafi gegen den sensiblen General

  • Publiziert: 24.03.2011, Aktualisiert: 20.01.2012
play Der abtretende Afrika-Kommandant William Ward (l.) gratuliert Carter Ham zu seiner Ernennung an die Spitze. (Reuters)

WASHINGTON - General Carter Ham steht an der Spitze des Afrika-Kommandos der US-Streitkräfte. Derzeit laufen bei ihm die Fäden der Mission zusammen. Er ist einer der untypischsten Generäle der US-Armee.

Als General Carter Ham vor zwei Wochen an die Spitze des Afrika-Kommandos der US-Streitkräfte (AFRICOM) rückte, war ihm vermutlich nicht bewusst, dass der Ernstfall so schnell eintreten würde. Das in der Nähe von Stuttgart ansässige Regionalkommando ist für die Beziehungen der US-Armee mit 53 afrikanischen Staaten zuständig, im Alltag eine eher diplomatische denn kriegerische Aufgabe.

Nun ist AFRICOM eine führende Rolle beim Kampfeinsatz in Libyen zugefallen – und der bodenständige General aus dem Mittleren Westen der USA muss Luftangriffe befehlen, anstatt sich der militärischen Zusammenarbeit mit Afrika zu widmen.

Ham ist eine Ausnahme in der US-Generalität, weil er seine Armee- Karriere in den 70er Jahren als einfacher Gefreiter bei den Fallschirmjägern startete. Erst dann ging der Soldat aus Cleveland im Bundesstaat Ohio zur Universität, schlug eine Offizierslaufbahn ein und diente sich bis zum Vier-Sterne-General hoch.

Der Kumpeltyp

«Wegen seiner Persönlichkeit ist er bei den Soldaten sehr angesehen», sagte der General a.D. Bob Scales dem Radiosender NPR. Ham sei einer der «untypischsten Generäle», die es derzeit in der Armee gebe – ein ganz normaler Kerl von nebenan, mit dem man ein Bier trinken gehen könne.

Der 59-jährige Ham gilt aber nicht nur als umgänglicher, sondern auch als kompetenter Offizier. Die Militärakademie verliess er mit Auszeichnung und durchlief verschiedene Stationen in den USA und im Ausland, darunter auch mehrere längere Aufenthalte in Deutschland.

Ham arbeitete als Berater für die saudi-arabischen Streitkräfte, kommandierte US-Truppen im Nordirak und beaufsichtigte im Generalstab in Washington die weltweiten Militäreinsätze der USA. Zuletzt war er Befehlshaber aller in Europa stationierter US-Soldaten.

Sensibel und ehrlich

Das Pentagon betraute Ham auch mit politisch brisanten Aufgaben. Nach dem tödlichen Amoklauf eines Militärpsychiaters im Stützpunkt Fort Hood in Texas Ende 2009 gehörte er der Untersuchungskommission an. Auch an einer internen Überprüfung des Umgangs mit Homosexuellen in der US-Armee arbeitete er mit.

Für Aufsehen sorgte der bullige General, als er öffentlich zugab, nach seinem Irak-Einsatz psychologische Hilfe in Anspruch genommen zu haben. Ham war als Kommandant im nordirakischen Mossul, als sich ein Selbstmordattentäter in einer Kantine der US-Armee in die Luft sprengte.

Wenige Minuten nach der Explosion erreichte er den Anschlagsort, an dem mehr als 20 Menschen starben. «Das war der schlimmste Tag in meinem Leben», sagte Ham später dem TV-Sender CNN. In einem Interview mit der Zeitung «USA Today» erzählte er, dass er bei lauten Geräuschen aufschrecke und Probleme beim Einschlafen habe.

Chance für höhere Aufgaben

Dass ein General so offen über seine Gefühle redete war ungewohnt – und dürfte zahlreiche Soldaten ermutigt haben, sich ebenfalls wegen posttraumatischer Belastungsstörungen Hilfe zu holen. Schliesslich galt der Gang zum Psychologen in der Armee lange als Zeichen der Schwäche.

Mit dem Libyen-Einsatz stemmt AFRICOM erstmals seit seiner Gründung 2008 eine bedeutende Militärmission. Bei dem Regionalkommando sollen die Fäden zumindest so lange zusammenlaufen, bis die «Koalition der Willigen» unter Führung der USA, Frankreichs und Grossbritanniens eine eigene Kommandostruktur eingerichtet hat.

Für den bodenständigen General Ham ist der «Odyssey Dawn» (Odyssee Morgendämmerung) getaufte Einsatz auch eine Chance, sich für noch höhere Aufgaben in der US-Armee zu empfehlen. (SDA)

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