Kampusch-Biographie «Lauf. Lauf. Verdammt noch mal, lauf!»

  • Publiziert: 10.09.2010, Aktualisiert: 20.01.2012

WIEN - Erst nach achteinhalb Jahren Gefangenschaft liess ihr Entführer Natascha Kampusch das erste Mal aus den Augen. Wie Kampusch durch den Garten floh und warum ein Polizist sie erst einmal anblaffte.

Natascha Kampusch sollte für ihren Entführer Wolfgang Priklopil († 44) den weissen Lieferwagen staubsaugen. Es war am späten Nachmittag des 23. August 2006. Die entführte Österreicherin war mitten bei der Arbeit, als Priklopil einen Anruf auf seinem Handy bekam, sich umdrehte, sich einige Schritte vom Auto entfernet und abgelenkt war.

Ihre Beine und Armen waren wie gelähmt

«Ich war allein. Zum ersten Mal seit Beginn meiner Gefangenschaft hatte mich der Täter aus den Augen gelassen», schildert Kampusch die Situation in ihrer frisch veröffentlichten Biographie «3096 Tage». Und weiter: «Einen kurzen Moment lang stand ich erstarrt vor dem Auto, den Staubsauger in der Hand, und merkte, wie ein Gefühl der Lähmung meine Beine und Arme erfasst. Mein Brustkorb war wie von einem Eisenkorsett umschlossen. Ich konnte kaum atmen.»

Doch dann schwirrte ein Bild durch ihren Kopf, das ihr Kraft gab und bei der Entscheidung zur Flucht half: ihre Mutter, das Lächeln ihrer Mutter. Jetzt ging alles ganz schnell. «In einem übermenschlichen Gewaltakt riss ich mich aus dem lähmenden Treibsand, der meine Beine immer fester umschloss. Die Stimme meines zweiten Ichs hämmerte in meinem Kopf: Lauf. Lauf. Verdammt noch mal, lauf!»

Das Gartentor war für einmal offen!

Sie rannte zum Gartentor, welches Priklopil immer verschlossen hielt. Dieses Mal war es offen. Kampusch zögerte noch einen kurzen Moment, weil sie nicht wusste, ob sie nach links oder rechts rennen sollte. Sie suchte Menschen, die ihr helfen konnten. Als sie in die Blaselgasse einbog und auf eine Siedlung zulief, rauschte es nur noch in ihren Ohren, ihre Lungen taten ihr vom Rennen weh. Kampusch: «Und ich war sicher, dass der Täter mit jeder Sekunde näher kam. Ich glaubte, seine Schritte zu hören, und fühlte seinen Blick auf meinem Rücken. Aber ich drehte mich nicht um.»

Kampusch wusste, dass Priklopil Amok laufen würde, sobald er ihre Flucht bemerkte. Endlich begegneten ihr Menschen. «Erst als mir auf der Strasse drei Menschen entgegen kamen, wusste ich, dass ich leben wollte. Und dass ich auch leben würde», schreibt Kampusch.

Drei Menschen schlagen ihre Bitte um Hilfe aus

Sie bittet sie, ihr Handy benutzen zu dürfen, um die Polizei zu rufen. Doch der Mann, das Kind und ein älterer Mann schlagen die Bitte aus, gehen einfach weiter. «Tränen schossen mir in die Augen.»

Kampusch flüchtet sich in einen Schrebergarten, kletterte über Zäune, von einem Garten in den anderen. Durch ein offenenes Fenster sieht sie endlich eine ältere Frau, klopft gegen den Fensterrahmen und ruft ihr zu: «Bitte helfen Sie mir! Rufen Sie die Polizei! Ich bin ein Entführungsopfer!»

Eine ältere Dame ruft endlich die Polizei

Zuerst sieht es so aus, als ob Kampusch auch bei der Frau mit ihrer Bitte scheitert. Diese herrscht sie nur an: «Warum kommen Sie damit ausgerechnet zu mir?» Doch dann befiehlt die Frau ihr, an der Hecke zu warten und nicht auf ihren Rasen zu treten.

Kampusch gehorcht und wartet, und das obwohl ihr klar war, dass Priklopil nach ihr suchen und völlig durchdrehen würde. Dann: Zwei Streifenwagen kommen, zwei junge Polizisten steigen aus. Auch sie sind zuerst misstrauisch: «Bleiben Sie, wo Sie sind, und heben Sie die Arme!», sagte einer.

Die Polizei behandelte Kampusch wie eine Verbrecherin

So hatte sich die damals 18-jährige Kampusch nach einer Gefangenschaft von über 8 Jahren ihre erste Begegnung in der neuen Freiheit nicht vorgestellt. «Mit erhobenen Armen wie eine Verbrecherin an der Hecke stehend, erklärte ich der Polizei, wer ich war. ‹Mein Name ist Natascha Kampusch. Sie müssen von meinem Fall gehört haben.› »

Einer der Polizisten fragt sie nach ihrem Geburtstagdatum und ihrer Meldeadresse. Kampusch gibt Auskunft. «Wann und von wem entführt?» – Kampusch: «1998. Ich wurde in einem Haus in der Heinestrasse 60 festgehalten. Der Täter heisst Wolfgang Priklopil.» (nce)

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