Libyen-Affäre Lässt Gaddafi die Geiseln an Weihnachten frei?

  • Publiziert: 11.11.2009, Aktualisiert: 03.01.2012
  • Von Ann Guenter

BERN – Die Schweizer Geiseln sind wieder in der Botschaft in Tripolis. Jetzt könnte sich Gaddafi als Weihnachtsmann profilieren. Aber auch die Schweiz müsste etwas tun!

Die beiden in Libyen festgehaltenen Geiseln sind wieder in der Schweizer Botschaft. Wie es mit ihnen weitergeht, weiss niemand. Der palästinensische Arzt Asharf El-Hojouj kann nachfühlen, was die beiden Schweizer Geiseln durchmachen. Er selbst sass achteinhalb Jahre im libyschen Gefängnis, zusammen mit den bulgarischen Krankenschwestern war er angeklagt, gefoltert, zum Tode verurteilt worden. Unter dem Vorwand, sie hätten Kinder absichtlich mit Aids angesteckt.

«Die Schweizer stecken unter unendlich grossem psychologischen Druck – ob sie jetzt in der Schweizer Botschaft oder in einem Gefängnis sind» sagt El-Hojouj im «Club». «Sie werden gefangen gehalten. Auch in der Botschaft ist es ihnen ja nicht möglich, zu ihren Familien zurückzukehren, ihr Leben oder ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Sie vermissen ihre Kinder, ihre Ehefrauen. Das ist schlicht unmenschlich!». Noch skandalöser findet El-Hojouj: «Das alles geschieht ohne jeden Grund!» Die beiden Herren seien rechtens nach Libyen gegangen und seien dann in Geiselhaft genommen worden als Antwort auf die Ereignisse, die in Genf geschehen waren.

Schweiz sollte vor ein internationales Gericht!

Der Kampf gegen das totalitäre Regime unter Gaddafi ist zermürbend, man verliere jede Hoffnung, erzählt El-Hojouj auch in der «Rundschau». In seinem Fall herrschte bis zum Schluss die totale Ungewissheit. Und selbst als El-Hojouj nach achteinhalb Jahren endlich vor dem Flugzeug stand, gab es Diskussionen mit den libyschen Sicherheitskräften – bis ihn die europäischen Vermittler regelrecht ins Flugzeug stiessen, um ihn endgültig in Sicherheit zu bringen.

El-Hojouj hat konkrete Vorstellungen davon, wie die Schweiz mit Libyen weiter umgehen soll: «Das Regime weiss doch, dass es für Verbrechen rund um den Globus verantwortlich ist. Die haben Angst, dass Gaddafi eines Tages vor ein internationales Gericht gestellt wird – so wie der Staatschef von Sudan. Deshalb sollten die Schweizer den Fall auch vor ein internationales Gericht bringen», ist El-Hojouj überzeugt. Diese Ansicht vertrat er gestern auch im «Club».

Gaddafi: Scharfrichter, «Weihnachtsmann»?

Derselben Meinung war Rechtsprofessor Thomas Fleiner: «Wie sprechen von einem Regime, dass internationale Abkommen nicht respektiert.» Libyen dürfte vom Westen gar nie anerkannt werden, und doch geschehe dies. Und statt dass man Gaddafi zur Verantwortung ziehe, schüttelten ihm die Staatsmänner die Hand, bemerkte El-Hojouj verbittert an. «Sogar bei der Uno in New York ist Gaddafi zu Gast!»

Die beiden Schweizer in Libyen sind letztlich politische Gefangene, die für die Zwecke des Gaddafi Clans eingespannt würden – oder auch nicht, je nachdem, wie es dem Wüstendespoten gefällt. El-Hojouj: «Gaddafi hat Öl und genug Geld. Und er will Rache.» Und so könnte Gaddafi einen Schauprozess um die beiden Geiseln inszenieren. Oder aber, was noch perfider wäre, sie vor Weihnachten freilassen, um sich als «Friedensbotschafter» feiern zu lassen.

Gaddafi hat jetzt den Trumpf in der Hand

Eine ganze Reihe europäischer Medien berichten nach der Überstellung der beiden Schweizer in die Schweizer Botschaft, dass Lybien die beiden Männer freigelassen habe. Darunter so renommierte Medien wie die «BBC» oder «Le Figaro». Selbst «Amnesty International» titelt in einem Communiqué: «Die Befreiung der beiden Schweizer». Davon kann freilich nicht die Rede sein, Rachid Hamdani (69) und Max Göldi (54) dürfen Libyen nach wie vor nicht verlassen. Dennoch war die Überstellung in die Botschaft ein smarter Zug Gaddafis: Denn zuvor hatte Bern den Trumpf in der Hand, dass Gaddafi mit der Verschleppung der beiden Männer an einen geheimen Ort gegen internationales Recht verstosse. Durch die Rückkehr in die Botschaft kann Gaddafi nun den Schweizer Vorwurf der Entführung von sich weisen – und sich vor allem gegenüber der arabischen Medien jetzt erst richtig profilieren.
play Asharf El-Hojouj gestern im «Club»: Der Arzt wurde über acht Jahre unter Gaddafi gefoltert. (Screenshot SF DRS)

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