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Montagmorgen, 10.26 Uhr und alles wird endlich gut. Es ist der Tag des grossen Umzugs und Björk und Finn – zwei stattlich-schöne Bären – sitzen in schweren Transportboxen, werden von einem Kran über die Brüstung des alten Bärengrabens nach unten in ihre neue Stallung gehievt. Langsam, vorsichtig, Meter für Meter geht es für die Tiere in ein besseres Zuhause, in ein besseres Leben – in Berns neuen Bärenpark.
Eisiger Wind in den Kastanienbäumen, die Aare dunkelgrün, in der Ferne der Münster-Turm. Vor gut vier Jahren, Ende November 2005, stand ich schon einmal hier, blickte mit meiner Reporter-Kollegin Claudia Langenegger in die trostlosen Löcher zu den Tieren vom Bärengraben. Das Schicksal vom einsamen Bär Urs ging mir damals besonders nah. Schlaff und traurig lag er auf dem Steinboden seines kleinen 165-Quadratmeter-Grabens, der Blick leer und matt. Seit 28 Jahren vegetierte er dort in Einzelhaft vor sich hin, in seinem Leben gab es nur eine Abwechslung: Runde um Runde drehen, vor den Touristen demütigende Kapriolen aufführen, die Stadtkasse füllen.
Wie der Mensch sein Tier behandelt, sagt viel über ihn aus – so Konrad Lorenz, Verhaltensforscher und Nobelpreisträger. Als Bernerin schämte ich mich für meine Stadt: Der Graben war ein Schandfleck, ein elendes Verlies, in dem die Tiere ein würdeloses Leben fristen mussten – nicht artgerecht, gesundheitsschädigend, skandalös. Kein Bär hat so ein Leben verdient. Schon damals gab es einen Entwurf für ein neues Gehege. Doch der Stadtrat von Bern sperrte sich dagegen, sprach einzig einen Projektierungskredit von 690 000 Franken. So fehlte es an Geld und Wille. Am 4. Dezember 2005 erschien der Artikel über Urs und seinen Graben im Magazin vom SonntagsBlick, «Die Qual der Bären von Bern.»
Björk betritt jetzt ihr neues Zuhause, Stallung Nummer drei, am Boden viel frisches Heu. Die Bärin ist schlapp, torkelt, legt sich bald einmal hin, atmet lange aus. Für den Umzug mussten beide Tiere kurz narkotisiert werden – nur so schafften es die Pfleger, sie in eine Kiste zu verladen. Tierpark-Direktor Bernd Schildger, den ganzen Tag stets an der Seite seiner Schützlinge, bewaffnet mit Schildmütze und Kamera, füttert die müde Björk mit einem Apfel.
Er sagt: «Wir konnten die Tiere ja schlecht durch die Stadt laufen lassen.» Und: «Aber keine Angst. Bären sind sehr robust.» Während Björk gemütlich den Apfel verspeist, begutachtet ihr pelziger Gemahl Finn seinen neuen Stall gleich nebenan, Nummer zwei. Er brummt zufrieden, sein Fell glänzt gesund-braun, neugierig steckt er seine Nase durch die Gitterstäbe. Ich stecke ihm ein Rüebli zu. Sanft schnappt er danach. Finn scheint glücklich zu sein. Ich bin es auch.
Manchmal passieren Wunder. Urs Berger, CEO der Mobiliar-Versicherungen, sass Anfang Dezember 2005 auf einem langen Flug, Bangkok–Zürich, etwa zwölf Stunden. Er blätterte in Zeitungen, Zeitschriften, vertrieb sich die Zeit und schlug irgendwann den SonntagsBlick auf. Er las die Bärengeschichte und las und las – und sagt heute, in seinem Büro über den Dächern von Bern: «Das Leid dieser Bären: Das hät mich möge.» Berger ist ein tierlieber Mensch. Für ihn war klar: «Es mues öppis passiere.» Heute ist seine Mobiliar Partner des Parks, spendete grosszügige 2,5 Millionen Franken. Genug Geld, um dem Projekt neuen Schub zu geben. Genug Geld, damit sich auch andere Sponsoren anschlossen – selbst Bürger der Stadt öffneten ihr Portemonnaie, kauften persönlich geprägte Pflas-tersteine beim Park, Gesamtwert: Mehr als eine Million Franken.
Doch die Sache mit dem fehlenden Geld lässt den Park bis heute nicht mehr los: Zuletzt auf 14,5 Millionen Franken budgetiert, kostet die Anlage nun wegen Bauproblemen am instabilen Aarehang bis zu neun Millionen mehr. Bezahlen muss den Mehrbetrag wohl «Stadtbauten Bern» – die Verwaltung hatte das Gelände falsch eingeschätzt.
Inzwischen steht im Bärengraben-Schlössli – dem alten Wärterhaus zwischen den beiden Gräben – der Wodka bereit. Direktor Schildger fährt sich durch die wild-verstrubbelten Haare, sagt: «Das ist schon eine grosse Sache!» Thomas Zurbuchen, seit zwei Jahren Betreuer von Björk und Finn, lässt sich erst einmal auf den Stuhl fallen und sagt, irgendwo zwischen Erleichterung und Erschöpfung: «Puh! Jetzt ist alles gut.» Und Walter Bosshard, im Holzfällerhemd, lang gedienter Bärenwärter mit Leib und Seele: «Ich kanns immer noch nicht glauben! Der Bärenpark ist da.» Dann nehmen die Männer einen kräftigen Schluck Wodka.
Björk und Finn waren heute nicht die einzigen Bären auf Gross-Züglete. Seit einigen Wochen lebten zwei kleine Tiere, Geschenke des russischen Staatspräsidenten, in Quarantäne im Graben. Und während Björk und Finn vom Tierpark Richtung Bärenpark zogen, siedelten die Kleinen in das Gehege im Dählhölzli über – in einer Art Bärentausch. Direktor Schildger: «Wir wollten im grossen Bärenpark auch grosse Bären haben.» Die neue Anlage für Björk und Finn ist ein Paradies: direkt unter der Nydeggbrücke, 6500 Quadratmeter, Höhlen, Bäume, ein riesiges Bassin direkt an der Aare, Sicht auf die Alstadt inklusive.
Urs, der alte Bärengraben-Bär, darf das nicht mehr erleben. Er musste vor drei Jahren eingeschläfert werden, litt unter schwerer Arthrose – wie die meisten Bären vom alten Graben. Einst wurde er von Emil Hänni mit der Flasche aufgezogen. Der altgediente ehemalige Bärenwärter steht jetzt im alten Graben, ein alter Steinhaufen zeugt hier noch noch von Urs’ traurigem Dasein. Seit der Bär tot ist, zieht es den 69-Jährigen immer weniger an seinen alten Arbeitsort zurück. Ein letztes Mal blickt er sich nun um, der kahle Baum, die trostlosen Steinmauern. Er sagt: «Endlich ist das Vergangenheit.» Und dann: «Ig bi zfridä.» Urs im Bären-Himmel ist es sicher auch.
Der arme Veteran: Urs, der alte Bärengraben-Bär, liegt traurig und matt in seinem Graben. Dieser Artikel im SonntagsBlick Magazin vom 4. Dezember 2005 löste eine Spendenaktion aus: Die Mobiliar Versicherung spendete 2,5 Millionen Franken – genug, um endlich das trostlose und skandlöse Dasein der Bären von Bern zu beenden.