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Turnstunden für Baby-Punk: In den ersten sechs Monaten lebt das Orang-Utan-Baby ausschliesslich auf der Hüfte der Mutter. Wo immer sie sich hinschwingt – das Kind ist dabei. (Foto: Edi Day)
«Xira hat in der Nacht ihr Junges zur Welt gebracht», schreibt Andreas Lach als ersten Satz in sein Affen-Tagebuch. Der Tierpfleger im Zürcher Zoo klebt das Säuglingsfoto des Neugeborenen in ein kleines Spiralbüchlein. Er hat sich vorgenommen, die ersten vier Monate des Orang-Utan-Babys und seiner Mutter Tag für Tag aufzuzeichnen.
16. Dezember 2007
«Als Erstes fiel mir am Morgen das mit Blut verklebte Gehege auf. Dann sah ich das Junge. Nach dem ersten Schrecken und dem Gedanken: ‹Lebt es? Ist es eine Frühgeburt?› konnte ich sehen: Das Kleine ist voll behaart und hält den Kopf selber.» Nüchtern beschreibt Pfleger Lach eines der grossen Wunder der Zoo-Welt: Nachwuchs in Gefangenschaft.
Orang-Utans haben von Natur aus Kugelbäuche. Ob ein Weibchen schwanger ist oder nicht, können die Tierpfleger nicht wissen. Brustwarzen und Schamlippen der Mutter Xira waren in den letzten Wochen stark geschwollen. Die Pfleger versuchten, Urin im Gehege zu sammeln, um einen Schwangerschaftstest zu machen – ohne Erfolg. Die Betreuer vermuteten während der 245 Tage Tragzeit bis zur Geburt die Schwangerschaft nur.
Die Tierpfleger taufen das Baby Hadiah, das malaysische Wort für «Geschenk».
Orang-Utan-Weibchen gebären alleine und nehmen ihr Kind sofort nach der Geburt in den Arm. Die Säuglinge sind mit einem weissen Schleim bedeckt, den die Mutter vorsichtig ableckt. Die Nabelschnur beisst sie durch. Neugeborene sind in der Regel etwa 30 Zentimeter lang und wiegen 1700 Gramm. Sie schreien wie Menschenbabys. Mit den langen, dünnen Fingerchen krallen sie sich im Fell der Mutter fest.
Mutter Xira legt oft ihren kräftigen, behaarten Arm um ihr Kind und küsst es mit ihrer runden Schnauze auf den Kopf – wie eine Menschenmutter.
25. Dezember 2007
Die Gorillas im Nachbargehege sind erkältet. Das ist gefällt den Tierpflegern gar nicht, denn auch die Orang-Utans sind den Menschen so ähnlich, dass sie deren Krankheiten bekommen können: Grippe, Fieber, Malaria, Hepatitis.
Sind also die schwarzen Gorillas krank, dauert es nicht lange, bis es die roten Orang-Utans erwischt. Für Hadiah wäre das ein grosses Risiko. Ärztliche Untersuchung und Behandlung sind nur möglich, wenn die Mutter betäubt wird. Ohne Zwang lässt sie ihr Kind niemals los.
26. Dezember 2007
Ist das Baby ein Junge? Ein Mädchen? Mutter Xira deckt das Kleine so gut ab, dass bis zum elften Tag das Geschlecht unklar ist. Doch um 14.55 Uhr kann Tierpfleger Lach aufschreiben: «Ein Zentimeter Penis entdeckt. So, das Geschlecht ist geklärt.»
Im Orang-Utan-Gehege leben damit sieben Weibchen und drei Männchen.
3. Januar 2008
Auch der Name Orang-Utan stammt aus Malaysia und bedeutet «Waldmensch» (Orang = Mensch; Utan» = Wald). Affen in Freiheit leben in den Kronen von bis zu 40 Meter hohen Baumriesen in den Urwäldern von Borneo und Sumatra. Da oben finden sie ihr Futter und schlafen nachts in selbstgebauten Nestern aus Blättern und Zweigen. Hinunter steigen in der Regel nur die alten Affen, die nicht mehr genug Kraft haben, um sich von einem Baum zum nächsten zu schwingen.
Im Zoo richten sie sich ihre Nester aus Pappkartons und Holzwolle ein – wie Kinder beim «Höhlenbau» im Spielzimmer. Mutter Xira reklamiert für sich und ihr Baby das hoch oben in einer Ecke des Geheges gespannte Netz. Darin rollt sie sich zusammen. «Hadiah liegt bäuchlings auf ihrem Arm, den Kopf geborgen in der Ellenbogen-Höhle», beobachtet Lach.
7. Januar 2008
Ohne Lernen kein Leben, das gilt auch bei Affen. Ein kleiner «Waldmensch» ist ohne seine Mutter zum Tod verurteilt. Sie lehrt ihn bis zum dritten Lebensjahr klettern, Früchte finden, Nester bauen. Selbst danach bleiben Mutter und Kind zusammen bis zum Eintritt der Geschlechtsreife mit sieben Jahren.
Das Äffchen klammert sich an der linken Hüfte von Xira fest. Diese hängt mit zwei Armen und einem Bein – was eine Spannweite von gut zwei Metern ausmacht – an der Decke des Geheges. Sie schlägt mit der freien Hand mit einem Stock gegen das Gitter. Hadiah beobachtet das Ganze zum ersten Mal – mit weit aufgerissenen, pechschwarzen Äuglein.
27. Januar 2008
Im Zoo gibts fünf Mal am Tag Futter: Gemüse, Blätter, Salat, Getreidekörner. Affen trinken, indem sie Blätter ins Wasser tunken und dann absuckeln. Orang-Utans haben 32 Zähne. Damit können sie Ananas genauso gut fressen wie Erdnüsse, Termiten oder kleine Wirbeltiere.
Hadiah ist das noch egal. Er trinkt Muttermilch. Xira hält ihn, wie wir Menschen es auch tun: Mit einem Arm stützt sie ihr Kind, mit der freien Hand schirmt sie zärtlich dessen Gesicht ab. Darius, der eher schmächtige Vater, setzt sich dazu. Lach schreibt: «Es sah aus, als ob sich die beiden küssen.»
4. Februar 2008
Premiere: Es gibt zum ersten Mal Glace! Xira schleckt gefrorenes Sirupwasser. Dabei krault Darius ihr den Rücken. Und der Kleine? Der pennt.
Im Urwald sind die Affen Einzelgänger. In freier Natur trennen sich Männchen und Weibchen nach der Kopulation. Im Zoo hingegen besucht der Papa seine Familie.
17. Februar 2008
«Xira hockt so am Gitter, dass ich zum ersten Mal Hadiahs Rücken streicheln kann.» Pfleger Lach ist ein Glückspilz. Normalerweise lassen Affen Menschen nie so nah an sich heran.
Denn in freier Natur sind Mensch und Affe Todfeinde. Durch Abholzung des Regenwaldes für Palmöl- und Kautschukplantagen oder Viehweiden wird der Lebensraum der Orang-Utans systematisch zerstört. Bei der Brandrodung verbrennen die Tiere auf den Bäumen. Oder Arbeiter erschiessen die Muttertiere und verkaufen die Babys als süsse Haustiere. In den letzten zehn Jahren ist allein auf Borneo die Hälfte der Orang-Utan-Population getötet worden. Die Palmölproduktion hingegen hat sich verdoppelt. Die weltweite Nachfrage steigt rasant. Nicht nach Affen, sondern nach Palmöl für Margarine, Glace, Schokolade, Seife, Waschmittel.
9. März 2008
Das Affenbaby hat lange schwarze Wimpern. Er imitiert jetzt den Gesichtsausdruck seiner Mutter: Er lacht, schmollt, guckt ernst. Heute ist kein guter Tag. Er kriegt den ersten Zahn. Lach: «Xira steckt ihm einen Finger in den Mund. Hadiah wimmert und kaut darauf rum.»
20. März 2008
Hadiah ist geschätzte 33 Zentimeter lang und wiegt über drei Kilo. Er hat nach zwölf Wochen sein Geburtsgewicht schon verdoppelt. Neben schlafen, fressen und gesundem Stuhlgang beginnt ab dem dritten Lebensmonat die aktive Wahrnehmung der Umgebung: Hadiah greift ins Gitter, nach der Strohwolle oder schaut den anderen Affen interessiert beim Spielen zu.
16. April 2008
Er ist jetzt vier Monate alt. Bislang hatte das Sonntagskind ein sorgloses Leben. Auch wenn ihm die anderen Orang-Utans immer ungenierter nahe kommen.
In freier Natur gibt es Schätzungen zufolge auf Sumatra nur noch 4000 bis 7000 Orang-Utans und 15 000 bis 40 000 auf Borneo. Der «Waldmensch» ist in Gefahr. Seine Art gilt als vom Aussterben bedroht. Für uns Menschen ist Hadiah ein Geschenk.Ein Geschenk, das wir wenigstens im Zoo noch erleben dürfen.