Kunststudentin Nadya (25) aus Tunesien «Mit meinem Haar war auch die Religion weg»

Der Tod eines Familienmitglieds führt normalerweise eher dazu, dass jemand anfängt, über den Sinn von Leben und Tod nachzudenken und somit zum Glauben findet. Aber im Falle Nadyas war es genau umgekehrt.

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Die 25-jährige Kunststudentin aus Tunesien hat seit ihrer Kindheit eine sehr enge Beziehung zu ihrem Grossvater. Er hat niemanden mehr geliebt als sie. Als Na­dyas Grossvater letzten Sommer stirbt, will sie ihn bis zum Grab in der Provinzstadt Sfax begleiten.

Doch nach muslimischer Tradition darf keine Frau bei einer Beerdigung anwesend sein. Nadya widersetzt sich dieser Regel und beobachtet die Beerdigungszeremonie versteckt hinter einer Mauer des Friedhofs. Ein entfernter Verwandter entdeckt sie, eilt zur Mauer und verpasst ihr eine Ohrfeige. «Hau ab, Frauen sind unrein und haben auf dem Friedhof nichts zu suchen. Geh!»

Nadya geht nach Hause und denkt zum ersten Mal über den Sinn ihrer Religion nach. «Was ist das für ein Glaube, der eine Mauer zwischen mir und meinem Grossvater baut? Was ist das für ein Gott, der einem Mann das Recht gibt mich zu schlagen, nur weil dieser einen Penis hat?» Ohne lange zu überlegen, schert Nadya ihren Kopf kahl. «Mit meinem Haar war auch die Religion weg!» Sie hört auf zu reden, holt eine Zigarette aus der Schachtel, raucht, schweigt und weint.

Vor zweieinhalb Jahren verbrachte Nadya vier Wochen auf der Strasse, um gegen Tunesiens Diktator Ben Ali zu demonstrieren. Sie forderte mit hunderttausend Demonstranten Gerechtigkeit und Einhaltung der Menschenrechte. Sie ahnte damals nicht, dass bald die Islamisten die Macht übernehmen und eine neue Gesellschaftsordnung durchsetzen würden. Früher war der Glaube in Tunesien eine Art Folklore, spielte im laizistischen Staat kaum eine Rolle. Heute trauen sich sogar Hardcore-Kommunisten nicht mehr zu sagen, dass sie laizistisch sind. Vor allem seit der Ermordung des linken Politikers Shukri Belaid im Dezember letzten Jahres wächst die Angst unter Oppositionellen und säkularen Intellektuellen vor den Islamisten.

Die Islamisten erobern die Innenstädte

Die islamistische Partei El-Nahda ist mit 40 Prozent Wähleranteil 2011 die stärkste Partei im Parlament geworden. Jahrzehntelang versteckten sich ihre Mitglieder am Rande der Grossstädte «wie Ratten», jetzt erobern sie gut organisiert die Innenstädte, beklagt Nadya. Mehrere Bars, Bordelle und Musikveranstaltungen wurden von Islamisten angegriffen, schliesslich auch die Provinz-Universität Manouba.

Nadya selber wurde oft im Bus beschimpft, weil sie wie ein Mann aussieht und kein Kopftuch trägt. «Ich werde in dieser Gesellschaft dreifach diskriminiert: Einmal weil ich Atheistin bin, dann weil ich eine Frau bin. Und weil ich eine Frau bin, die wie ein Mann aussieht.»

Sie sucht verzweifelt Trost und findet ihn nur in der virtuellen Welt. Mit ihrem Freund Alaa gründete sie eine Facebook-Gruppe für Konfes­sionslose. Immerhin tauschen sich 500 Mitglieder dort aus. Aber sie glaubt nicht, dass Tunesiens Atheisten sich wie ihre ägyptischen Kollegen erheben werden. Zu gross ist die Angst.

Viele wünschen sich die Rückkehr Ben Alis, der oft gesagt hat, er werde die Tunesier vor den Islamisten schützen. Nadya hält die Ben-Ali-Nos-talgie für eine Bankrotterklärung. Junge Menschen nutzen heute das Internet nicht mehr, um sich zu organisieren und um zu Protesten aufzurufen, sondern um ein Ventil für ihre Frustration zu finden. Viele flüchten in die Welt der Drogen. Nadya macht sich Sorgen um ihr Land. Für sich hat sie darum eine Lebensentscheidung getroffen: «Ich werde keine Kinder in diese Welt setzen!»

Publiziert am 02.07.2013 | Aktualisiert am 02.07.2013
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5 Kommentare
  • rolf  kamber 03.07.2013
    sobald es um glaubensunrecht geht,schweigen alle menschenrechts-
    organisationen- traurig !!
  • Timo  Glauser 03.07.2013
    Schon allein aufgrund dieser abstrusen "Regel", wonach Frauen unrein seien und auf Beerdigungen nichts zu suchen haben, gehörte diese Religion abgeschafft. Wer stellt da solche "Regeln" eigentlich auf? Vermutlich nur Männer! Nur noch abartig sowas.
  • Klaus  Müller 03.07.2013
    Gemäss Islam wird Frau Nadya immer als Muslima gelten, weil sie so geboren wurde uns nicht austreten kann. Das Tragische ist ja gerade, dass die laizistische Welt des Westens versagt hat und darum für die Mehrheit der Tunesier kein Vorbild mehr sein kann. Von Boni über kaputte Familie bis hin zur totalen Überwachung. Wer will das schon? Alternativen fehlen aber.
  • Roger  Guertner , via Facebook 03.07.2013
    bravo! eine frau die sich gegen eine solche frauenfeindliche sache zur wehr setzt! weiter so!
  • Rolf  Hess aus Münchenbuchsee
    02.07.2013
    Die Länder im Norden Afrikas, die von Frühling gesprochen haben, sind heute teilweise im tiefen Winter angelangt. Die Revolutionen wurden missbraucht, um religiöse Regierungen zu installieren.
    Wird sich in Syrien zwangsläufig wiederholen, wenn man beobachtet, wer dort wem zur Macht verhelfen will.