
Bitte melden Sie sich an, um Ihren Kommentar abzugeben.
Wenn Sie ein Konto bei Facebook haben, können Sie sich damit anmelden.
Als Azam Amir Kasav (21) am letzten Mittwochabend die Bahnhofshalle von Mumbai betrat, stand der junge Pakistaner vermutlich unter Drogen. Mit fast entrücktem Dauerlächeln schob er ein erstes Magazin in sein chinesisches Sturmgewehr vom Typ AK56, stellte die Waffe auf Dauerfeuer – und schoss in die Menge der Reisenden. Und schoss. Und schoss.
Minuten später stürmten andere Mitglieder des Terror-Kommandos die vor allem bei Ausländern beliebten Luxushotels Taj Mahal Palace und Oberoi Trident; weitere besetzten ein jüdisches Gemeindezentrum, griffen Krankenhäuser und andere öffentliche Einrichtungen an.
Es war eine militärisch exakt geplante Operation, die nach Ansicht von Experten ohne die professionelle Unterstützung erfahrener Strategen kaum möglich gewesen wäre. Als der Stadtkrieg nach drei Tagen zu Ende war, wurden fast 200 Tote und weit über 300 Verletzte gezählt. Azam Amir Kasav war der einzige überlebende Terrorist.
Was der verhaftete Islamist seither im Verhör aussagte, ist politischer Sprengstoff: Kasav gehörte zu einem internationalen Terror-Kommando: Ausser ihm wurde bis gestern noch ein Jemenit identifiziert. Zwei weitere Männer pakistanischer Herkunft sollen in Grossbritannien geboren worden sein. Die restlichen Attentäter dürften aus Indien und Kaschmir stammen. Sie alle, gestand Kasav, seien in einem Lager der Terror-Organisation Lashkar i Toiba (Krieg der Reinen) ausgebildet worden. Einziges Fach auf dem Schnell-Lehrgang: die seit vier Jahren bekannte Stadtkrieg-Strategie des saudischen Kaida-Vertreters Abd al-Aziz al-Mukrin. Anschläge in urbanen Räumen seien «so etwas wie militärische Diplomatie», heisst es in dem Text, «und diese Art Diplomatie wird oft mit Blut geschrieben».
Als Kasav und sein Team die Theorie der islamistischen Stadtguerilla intus hatten, wurden sie mit chinesischen Waffen, reichlichst Munition, Sprengstoff und modernster Navigationstechnologie ausgerüstet und auf den Weg nach Indien geschickt. Einer der grössten Drogenhändler Pakistans soll die Logistik organisiert haben.
Sollten sich all diese Details in den kommenden Tagen bestätigen, wäre dies der Realität gewordene Albtraum der Sicherheitsexperten. Denn Lashkar i Toiba ist eine Kreatur des pakistanischen Geheimdienstes ISI. Von dem ist bekannt, dass Teile seiner Mitarbeiter nicht gegen, sondern für den islamistischen Terrorismus arbeiten. Auch unter den jüngeren Offizieren der Armee wächst die Zahl der Fundamentalisten. Gemeinsam arbeiten sie am Sturz von Präsident Asif Ali Zardari (52) und dessen westlich orientierter Regierung unter Premierminister Yousaf Raza Gillani (56). «Die Europäer wollen es nicht wahrhaben», sagt der pakistanische Journalist Anwar M.* (62): «Aber der Bürgerkrieg ist bei uns längst ausgebrochen.»
Mit der Kontrolle über die Atommacht Pakistan wollen die Islamisten sich aber nicht begnügen. Sie arbeiten an der Destabilisierung des gesamten subindischen Kontinents. Im benachbarten – und ebenfalls nuklear bewaffneten – Indien leben etwa 130 Millionen Muslime. Nur die islamische Bevölkerung Indonesiens ist grösser. Das Misstrauen, oft sogar der gegenseitige Hass zwischen der hinduistischen Mehrheit und den Muslimen Indiens ist in den letzten Jahren auf ein gefährliches Niveau gestiegen.
Das Misstrauen hat zum einen historische Gründe. In den letzten tausend Jahren hat Indien immer wieder moslemische Eroberungskriege erlebt. Zum anderen haben Pakistan und Indien in den vergangenen Jahrzehnten mehrere Kriege geführt – über den genauen Grenzverlauf zwischen den beiden Staaten. Und wegen der Kontrolle über die zwischen ihnen aufgeteilte Region Kaschmir.
Der Dauerkonflikt mit Pakistan hat seit den 1990er-Jahren zu einer Radikalisierung auch eines Teils der indischen Hindus geführt. Ihre Politik der Ausgrenzung anderer Religionen und Minderheiten hat dazu geführt, dass viele indische Muslime sich heute als Bürger zweiter Klasse im eigenen Land empfinden. Unter den desillusionierten jungen Muslimen Indiens finden Terror-Gruppen immer leichter Gefolgschaft.
Von daher die Angst der Politiker in Indien und Pakistan: Sollte sich die Spur der Mumbai-Attentäter zu Lashkar i Toiba bestätigen, würde dies vermutlich die indischen Hindu-Nationalisten wieder an die Macht bringen. In Indien wird 2009 ein neues Parlament gewählt. Die Hindu-Parteien könnten sich dem Ruf ihrer Anhänger nach Vergeltung gegenüber Pakistan kaum entziehen – auch wenn sie damit direkt in die Destabilisierungsfalle der Al-Kaida-Strategen laufen würden. In dieser Lage könnte es nur einen Sieger geben: die Islamisten.
*Name der Redaktion bekannt