Kinda Haddad schaut in Syrien und im Irak den Kriegsparteien auf die Finger Die Frau, die jeden Toten zählt

Das Non-Profit-Projekt Airwars zählt, wie viele Menschen der Krieg gegen den Terror in Syrien und dem Irak das Leben kostet. Ein schrecklicher Job, sagt Mitarbeiterin Kinda Haddad (45). Aber einer, der so nötig ist wie nie zuvor.

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Über 57’000 Bomben haben die Kampfjets der Anti-IS-Koalition und Russlands seit August 2014 über Syrien und dem Irak abgeworfen. Mindestens 1841 Zivilisten kamen durch die Luftschläge der Koalition unter Führung der USA ums Leben. Russische Bomben forderten fast ebenso viele zivile Opfer – allerdings alleine in den ersten vier Monaten der Kriegshandlungen Russlands.  

Es sind Zahlen, die das britische Non-Profit-Projekt Airwars auf seiner Homepage akkurat auflistet. Die Organisation hat sich dem Zählen der zivilen Opfer verschrieben, die der Krieg aus der Luft gegen die IS-Terroristen kostet. Aus Respekt für die Getöteten und ihre Angehörigen. Aber auch, um Staaten zur Rechenschaft zu ziehen und Transparenz herzustellen, wo oft bewusste Intransparenz herrscht.

«Die Staaten sollen wissen, dass wir zählen»

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Kinda Haddad ist bei Airwars für das Monitoring von Syrien zuständig. ZVG

Eine der drei festangestellten Mitarbeiter, die den Kriegsparteien auf die Finger schauen, ist Kinda Haddad (45). Die ehemalige BBC-Journalistin hat bis zum Alter von 14 Jahren in Syrien gelebt, bevor sie mit ihrer Familie nach Grossbritannien kam. Von dort aus registriert sie nun, wie viele Menschen in ihrer Heimat durch Bomben ums Leben kommen. Für die Mutter ein Teilzeitjob und eine Art Berufung zugleich. 

«Uns wird vermittelt, es handle sich um einen ‹sauberen› Krieg – ohne zivile Opfer», sagt Haddad zu BLICK. «Doch das ist nicht wahr. Die Staaten sollen wissen, dass es Menschen gibt, die sie beobachten. Und zählen.»

Informationen sammeln und bewerten

Haddad tut dies, indem sie täglich Dutzende Quellen durchforstet, die gewonnenen Informationen sammelt und klassifiziert. Es handelt sich um Meldungen, die in lokalen Facebook-Gruppen, auf Twitter oder Youtube veröffentlicht werden, um Berichte von NGOs und Agenturen, Material der Opposition, vom IS sowie dem Militär der am Krieg beteiligten Staaten. «Selbstverständlich sind nicht alle Quellen verlässlich. Wenn wir aber alle in unsere Beurteilung miteinbeziehen, bekommen wir ein gutes Bild von dem, was sich tatsächlich abgespielt hat», sagt Haddad. 

Es sei ein grässlicher Job, zweifellos. «Würde ich ihn 40 Stunden pro Woche machen, würde ich verrückt werden», meint Haddad. «Doch solange Krieg in Syrien und dem Irak herrscht, muss es jemand tun. Und ich werde das machen, so lange ich kann.»

Internationale Standards entwickelt

Airwars ist nicht die einzige Organisation, die sich das Zählen ziviler Opfer zu ihrer Hauptaufgabe gemacht hat. Das NGO Every Casualty führt 50 solche Projekte weltweit auf. Damit alle nach denselben Prinzipien arbeiten, hat die Organisation nun erstmals internationale Standards erarbeitet. Heute werden sie in Genf vorgestellt.

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Christine Beerli, Vizepräsidentin des IKRK. IKRK

Das Registrieren ziviler Opfer wäre eigentlich Aufgabe der Staaten. «Wenn sie sich an das humanitäre Völkerrecht halten würden, gäbe es viel weniger vermisste Menschen und die Arbeit ziviler Organisationen wäre wesentlich weniger nötig», sagt Christine Beerli, Vizepräsidentin des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, das die Erarbeitung internationaler Standards unterstützt hat.

Ob es je dazu kommen wird? Unwahrscheinlich. Dabei ist das sogenannte Casualty Reporting gerade in Zeiten, wo der Krieg immer häufiger nicht mehr auf dem Schlachtfeld ausgetragen wird, so nötig wie nie zuvor. «Es ist ganz wichtig, dass man den Familien sagen kann, was mit ihren Familienangehörigen geschehen ist», sagt Beerli. Zur Bewältigung der Trauer, aber auch zur Bewältigung von Konflikten. «Solange es so viele Vermisste gibt, schwelen die immer weiter.» 

Publiziert am 23.11.2016 | Aktualisiert am 23.11.2016
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