Kommentar von Hannes Britschgi, Chefredaktor SonntagsBlick Kenne deinen Gegner

  • Publiziert: 05.09.2009, Aktualisiert: 19.01.2012

«Gaddafi ist ein bösartiger Narzisst... Wer Druck auf ihn ausübt, muss mit harten Konsequenzen rechnen. Bei der geringsten Beleidigung rastet er aus.» So urteilt einer, der jahrelang die Despoten, Terroristen und Psychopathen dieser Welt studiert hat. Zu Beginn dieser Tätigkeit für den US-Geheimdienst CIA wurde Jerrold Post, heute 75 Jahre alt, von seinen Arbeitskollegen noch belächelt.

Erst das Gipfeltreffen zwischen Israels Premier Menachem Begin und Ägyptens Präsident Anwar al-Sadat 1978 machte aus ihm den hoch respektierten Doktor Post. Denn dessen Persönlichkeitsanalysen halfen Jimmy Carter zu verstehen, wie seine Gäste wirklich tickten. So gelang es dem US-Präsidenten, sie behutsam zum historischen Friedensvertrag von Camp David zu führen.

SonntagsBlick wollte wissen, wie Doktor Post den libyschen Diktator Muammar al-Gaddafi einschätzt. Mein Redaktionskollege Peter Hossli, der den CIA-Profiler schon länger kennt, bat ihn um seine Expertise.

Mit Gaddafis Narzissmus spielen müsse die Schweiz, rät der Fachmann aus Washington. Leider spielt der «bösartige Narzisst» im Augenblick eher mit Bundespräsident Merz als umgekehrt.

Aber bringen uns psychologische Profile im Konflikt mit dem Selbstdarsteller aus der Wüste weiter? Müsste die Schweizer Diplomatie nicht vielmehr die libysche Kultur und Geschichte kennen, um in dieser Auseinandersetzung den richtigen Ton zu treffen?

Nahost-Experte Arnold Hottinger kennt sich mit arabischer Mentalität und Kultur aus. Seine Einschätzung von Gaddafi und der Geiselaffäre deckt sich vollständig mit Doktor Posts Analyse. Am Samstag legte Hottinger im «Tages-Anzeiger» seinen Finger auf den wunden Punkt beim Alleingang des Hans-Rudolf Merz: «Gaddafi wollte einen Präsidenten. Merz kommt, redet zuerst mit untergeordneten Leuten, man sagt ihm, er könne auch mit Gaddafi reden – und Merz fliegt ab. Muammar al-Gaddafi war empört.»

Was also wäre jetzt zu tun? Ob es uns passt oder nicht – Gaddafi endlich ernst nehmen. Mit anderen Worten: eine gute Gelegenheit schaffen, seinen Narzissmus zu bedienen.

play Ringier-Publizist Hannes Britschgi interviewt für Blick.ch Spitzenpolitiker. (Geri Born)

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