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«Lassen Sie mich durch, mein Sohn ist ganz allein zu Hause», fleht eine Frau die Polizisten vor einem zusammengebrochenen Gebäude an. «Ich wohne da hinten, das Telefon funktioniert nicht!»
Verstörte Bewohner sind mit dem Koffer in der Hand auf dem Weg aus der Stadt, andere sitzen mit leerem Blick und weissem Staub im Haar am Strassenrand und wissen nicht, was sie tun sollen. Eine Frau schaut auf die Schuttmassen und weint: «Ich komme mir vor wie in einem Film, das kann alles nicht wahr sein», klagt sie.
Eine andere macht in ihrer Hilflosigkeit die Behörden für ihr Unglück verantwortlich: «Das ist ein Skandal, seit drei Monaten schon hat regelmässig die Erde gebebt, die Behörden wissen das genau!» schimpft Maria Francesco. «Heute Nacht war es die Apokalypse, 20 Sekunden die reinste Hölle.» Maria Francescos Haus ist zerstört: «Es gibt nichts mehr zu retten.»
Sie sitzt neben ihrem Auto, das mit zerdelltem Dach und zerborstenen Scheiben am Strassenrand steht. Trotzdem schiebt Maria Francesco ihre Koffer durch das Loch an der Stelle, wo einst die Windschutzscheibe war – sie hofft, dass der Wagen noch fährt und will «so schnell wie möglich» aus LAquila fliehen, weil sie Angst vor Nachbeben hat.
Rettungskräfte unermüdlich im Einsatz
Im Stadtzentrum von LAquila mit seinen historischen Gemäuern und steilen Gassen graben dutzende Rettungskräfte in den Überresten eines komplett eingestürzten vierstöckigen Gebäudes. Sie haben schon mehrere Menschen lebend aus dem Schutt gerettet, jetzt hören sie die schwachen Hilferufe einer Frau aus den Trümmern. Mit einem Kran wollen sie das Dach heben, um die Frau zu retten.
Weiter die Strasse abwärts können vier Studenten nur noch tot aus den Trümmern eines teilweise eingestürzten Studentenwohnheims geborgen werden. Auch das Mittelschiff einer alten Kirche ist zerstört.
Marco und seine Freundin Clara sind um 23.00 Uhr von einem ersten Erdstoss aufgeschreckt worden, um 2.00 Uhr folgte ein weiterer, und sie liefen auf die Strasse. «Wir haben eine Weile gewartet, dann sind wir wieder reingegangen. Und das war der Moment, wo alles auf uns eingestürzt ist, ich bin in Unterhosen rausgerannt», berichtet Marco.
Clara hat sich eine Jacke über den Schlafanzug gezogen, Stunden nach dem Beben kann sie das Zittern ihrer Hände noch immer nicht kontrollieren. «Was uns gerettet hat, ist ein grosser Schrank in unserem Schlafzimmer, der die einstürzende Mauer gehalten hat. Sonst wäre alles über uns zusammengebrochen.»
Der Student Luigi DAndrea schlief, «als plötzlich Ziegelsteine auf mich fielen und dann eine ganze Mauer meines Zimmers einstürzte». Eine zweite Wand stürzte ein, Luigi floh durch die Wohnung seiner Nachbarn ins Freie.
Von seinem Zimmer bleiben nur noch zwei Wände, Fussboden und Decke sind weggebrochen. «Ich habe grosses Glück gehabt, dass ich nicht verletzt wurde», sagt der Student. «Jetzt weiss ich nicht, was ich tun soll, hierbleiben oder weggehen – ich warte.» (SDA)