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Auf dem Weg zur gestrigen Wahlkampfveranstaltung fragte Silvio Berlusconi seinen Staatssekretär: «Findest du nicht, dass es ein exzessives Klima des Hasses gibt? Ich fürchte etwas. Hoffen wir, dass nichts passiert.»
Silvio Berlusconis Hoffnung sollte sich nicht erfüllen. Massimo Tartaglia (42) schlug dem italienischen Ministerpräsidenten gestern einen Mini-Version des Mailänder Doms ins Gesicht. Mit Folgen: blutige Lippen, Nase angebrochen, zwei Zähne fehlen. Eine Unterlippenverletzung musste zugenäht werden. Ein chirurgischer Eingriff ist jedoch nicht nötig. Mindestens bis Dienstag muss er aber im Spital bleiben.
«Er leidet wegen Hass gegen ihn»
Dauergrinser Berlusconi ist das Lachen vergangen. «Berlusconi leidet nicht nur wegen der Verletzungen, sondern vor allem wegen des politischen Hasses gegen ihn», sagte Senatspräsident Renato Schifani nach dem Krankenhaus-Besuch bei Berlusconi. «Er begreift die Gründe dieser Gewalt nicht.»
Dabei meinen Kritiker, dass genau Berlusconi nicht über Gewalt urteilen sollte. «Er ist selbst für dieses Klima verantwortlich», sagte Oppositionspolitikerin Rosa Bindi. Sie äusserte zwar ihr Bedauern über den Übergriff, forderte den Premier jedoch auf, sich nicht als «Opfer» darzustellen.
Zu Beginn der Veranstaltung wurde der 73-Jährige ausgebuht, ausgepfiffen und als «Clown» bezeichnet. Der Premier rief ihnen darauf mehrfach zu, sie sollten sich schämen.
Trennung, Escort-Girls, Mafia
Damit geht für Berlusconi ein Jahr zu Ende, das es in sich hatte. Der Politiker gerät zunehmend in Bedrängnis. Privat war erst einmal die öffentliche Schlammschlacht mit seiner Frau, die sich nach zahlreichen Sex-Abenteuern von ihm trennte und die Scheidung einreichte. Dann meldeten sich die diversen Sex-Gespielinnen und präsentierten immer pikantere Details aus den nächtlichen Besuchen beim «Cavaliere».
Doch dem nicht genug: Auf dem politischen Parkett ist Berlusconi längst nicht mehr überzeugend. Nun werden ihm Mafiakontakte nachgesagt. Der im Knast sitzende Ex-Mafiakiller Gaspare Spatuzza hatte vor Gericht von einem Treffen mit dem Clanchef Filippo Graviao berichtet. Graviao soll mit Kontakten zum damals politisch noch nicht aktiven Berlusconi geprahlt haben.
Der Politiker hat aber noch mehr Ärger mit der italienischen Justiz. Bald soll der Prozess um die Bestechung des englischen Anwalts David Mills wieder aufgenommen. Und seit im Oktober Berlusconis Immunität aufgehoben wurde, könnte auch Berlusconi vor Gericht zitiert werden.
Er sieht sich immer als Opfer
Falls Berlusconi angeklagt wird, dürfte seine politische Karriere vor dem Aus stehen – auch in Italien. Man munkelt, dass in seiner Partei die ersten Vorbereitungen für die Zeit nach dem «Cavaliere» getroffen werden. Erst letzte Woche demonstrierten über 100000 Menschen in Rom auf die Strasse, um gegen Berlusconis Sparprogramm zu demonstrieren.
An einem hält Berlusconi aber auch in schlechten Zeiten fest: Die Opferrolle hat er gepachtet. Er ist «Opfer der Menschenjagd», die Zeitungen haben «Dinge verdreht» und die Justiz fährt eine «Kampagne gegen ihn». Da sind wenigstens die Landsleute, die ihm jetzt vor dem Spital mit dem Plakat «Die wahren Italiener sind immer bei dir» Besserung wünschen, ein Trost. Nur sind das nicht so viele. Dafür erlebt die Tatwaffe, der Mini-Dom, einen wahren Boom. Die Stände um den gotischen Dom herum sind heute geradezu gestürmt worden. (spj/SDA)