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Sie wollen Handlungen statt den grossen Politgipfel: Angehörige von Opfern des Erdbebens. (AP)
Antonio Sforna hat die Nase voll: Nach dem Erbeben im italienischen LAquila Anfang April muss er seit Monaten in einer Zeltstadt hausen.
«Links das Kirchenzelt, daneben das Direktionszelt, rechts das Einkaufszelt, wo es Hemden und Deo gibt, dann das grosse Speisezelt, nach drei Monaten kann ich echt kein Zelt mehr sehen», klagt der Student.
Doch genau wie rund 24000 andere, die durch das Beben obdachlos wurden, muss er weiter im Zelt ausharren – der Wiederaufbau der zerstörten Region kommt nur schleppend voran. Viele Betroffene sind mittlerweile richtig sauer: Erst recht, seit LAquila zum Schauplatz des G8-Gipfels erkoren wurde.
«Was wir nicht kapieren, ist, dass der Wiederaufbau von LAquila noch nicht mal begonnen hat, während in die Vorbereitung des G8-Treffens jede Menge Arbeit gesteckt wird», schimpft Piero De Santis, der sich mit anderen für den Neuaufbau seiner Stadt stark macht.
«Das Erdbeben war für die Regierung Berlusconi ja bloss eine Gelegenheit, um Reklame für sich zu machen», schimpft De Santis. Auch bei anderen Menschen aus LAquila ist die Wut zu spüren. Sie fühlen sich hereingelegt mit Versprechen und Zusagen, die bislang nicht eingehalten wurden.
Stadt gespalten
«Die Stadt ist wegen des Gipfels gespalten – zwischen denen, die darin die Chance für einen Neuanfang sehen, und denen, die überzeugt sind, dass sie nach Ende des Treffens vergessen werden», sagt Fabrizio Bianchi, der in der Gruppe «3e32» mitmacht, benannt nach der Uhrzeit des Bebens – 3.32 Uhr.
Bianchi und seine Leute wollen sich den Gipfel zunutze machen, «um unseren Widerstand gegen die Regierung zu zeigen»: «Wir sind keine politische Organisation, wir sind keine Linken, uns reicht es ganz einfach nicht, was die Regierung bislang getan hat», sagt er.
Rund acht Milliarden Euro sind bis zum Jahr 2032 für den Wiederaufbau zugesagt. 1,15 Milliarden davon in diesem Jahr. Den Schaden durch das Beben vom 6. April aber hat Innenminister Roberto Maroni auf rund zwölf Milliarden Euro beziffert.
Keine «Satelliten»-Viertel
Durch die schweren Erdstösse, die die Stadt in den Abruzzen heimsuchten, starben 299 Menschen. Bis heute erschüttern immer wieder Nachbeben die Stadt.
Die Menschen in LAquila kämpfen auch dafür, dass sie ihre Stadt nach ihren eigenen Vorstellungen wiederaufbauen können. «Mit diesen ‹Satelliten›-Vierteln, die die Regierung haben will, um die Leute unterzubringen, wird diese Stadt zerhackt», kritisiert der junge Architekt Tiziano Frezza.
«Der historische Stadtkern muss wieder für Fussgänger attraktiv werden, mit Marktplatz, Handwerkerläden und Geschäften, sogar wenn diese vorerst in Containern oder Fertigbauten untergebracht werden», fordert er.
«Yes, we camp»
Doch der Weg zurück zu einem ganz normalen städtischen Alltag in LAquila dürfte noch weit sein – vor allem für jene, die gar kein festes Dach mehr über dem Kopf haben wie der Student Antonio. «Es ist nicht auszuhalten, kein Privatleben, nichts, keine Privatsphäre, das Schlangestehen, wenn man aufs Klo muss oder alle zwei Tage duschen darf.»
In Antonios Zelt stehen vier Betten und ein Computer. Hitze und Feuchtigkeit in der Notbehausung sind kaum zu ertragen – die Lüftung funktioniert nicht.
Zum G8-Gipfel haben die Zeltstadtbewohner jetzt eine Kampagne gestartet, um auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen: «Yes, we camp» (Ja, wir kampieren) heisst sie in Anlehnung an den berühmten Wahlkampf-Slogan von US-Präsident Barack Obama, «Yes, we can.» Sara Vergni, die die Initiative mit organisiert hat, sagt: «Ein Protestruf, um die Lügen von Silvio Berlusconi anzuprangern.» (SDA)