Verzweifelte Suche nach Alessia und Livia in der Schweiz, Frankreich und Italien Ihre Spur verliert sich auf der Fähre nach Korsika

  • Publiziert: 07.02.2011, Aktualisiert: 03.01.2012
  • Von Sandro Inguscio und Beat Michel

Schrecklicher Verdacht: Warf der verzweifelte Vater die Zwillinge über Bord – ins Mittelmeer?

Die letzte Spur sind Tickets für die Fähre nach Korsika. Drei Plätze bucht Matthias Schepp (44) am späten Montagnachmittag in einem Reisebüro in der französischen Hafenstadt Marseille.
Ein Billett für sich, zwei für die sechsjährigen Zwillinge Alessia und Livia.

Da war der Ingenieur aus St-Sulpice VD schon einen Tag auf der Flucht. Seine kleinen Töchter hatte er einfach mitgenommen. Entführt.

«Wir wissen, dass der Vater und die beiden Mädchen in einem Audi A6 am Montag um 18.35 Uhr auf das Schiff gefahren sind», sagt Eric Arella, Chef der Kriminalpolizei der Region Korsika. «Der Vater ist um 6.30 Uhr in Propriano angekommen. Ob die Kinder da noch im Auto waren, entzieht sich unserer Kenntnis.»

Leben die Zwillingsmädchen noch? Hat Matthias Schepp sie getötet? Etwa von der Fähre ins Meer geworfen? Auf Korsika bleibt er jedenfalls nicht.

Zweimal noch wird der Vater lebend gesehen. Einmal in einem Restaurant in der italienischen Hafenstadt Genua. Einmal in einem Restaurant in Vietri sul Mare an der Amalfiküste.

Er ist allein.

In der Nacht auf Freitag wirft sich der 44-jährige Schepp, der in Oberwil BL aufwuchs, nahe der süditalienischen Stadt Bari vor den Zug.

Die italienische Polizei durchkämmt das Gebiet, wo der Vater sich das Leben nahm und sein abgeschlossenes Auto stand. Aber die Zwillinge Alessia und Livia findet sie nicht.

150 Polizisten sind im Einsatz. Hoch zu Ross. Mit Helikoptern und mit Hunden. Aus dem Tessin haben sich die Fahnder extra den Bluthund Joker geholt. Der Rüde wird bei Entführungsfällen eingesetzt.

Doch alles nützt nichts.

«Die Suche war bisher ohne Erfolg. Wir haben die Zone ausgeweitet. Aber wir haben keinen Hinweis, dass die Mädchen je in Italien angekommen sind», sagt der leitende Ermittler Alfredo Fabroccini.

Irina Schepp, die Mutter der sechsjährigen Mädchen, hofft, dass ihr Mann den Zwillingen nichts angetan hat. Das Ehepaar lebte seit September getrennt. «Er kann ihnen nicht wehtun. Sie waren sein Leben. Er wird sie sicher jemandem übergeben haben», sagt die 44-Jährige. Doch die Hoffnung schwindet mit jedem Tag auch bei ihr.

«Wir haben noch nichts Neues erfahren. Und je mehr Zeit verstreicht, desto grösser wird die Verzweiflung», sagt Irinas Bruder Valerio.

Kurz nach der Entführung hat die Waadtländer Polizei das Testament von Matthias Schepp in seinem Haus in St-Sulpice sichergestellt. Er hat es überarbeitet – drei Tage bevor er seine zwei Töchter entführte.

Er hält fest, dass er sein Haus seiner Frau vererbt. Auch Alessia und Livia bedenkt er.
Offenbar schickte Matthias Schepp noch am Sonntagabend ein SMS an Ehefrau Irina: «Ich ertrage es nicht, ohne dich zu leben. Das ist das Ende.»

Trotzdem löst die Waadtländer Polizei keine Öffentlichkeitsfahndung aus, als der Vater die Zwillinge nicht wie vereinbart zurück zur Mutter bringt.

«Solche SMS sind bei Paaren in Trennung nichts Aussergewöhnliches. Weder die Polizei noch die Mutter hatte zu dem Zeitpunkt einen Verdacht, dass der Vater seinen Kindern etwas antun könnte», rechtfertigt sich Kapo-Sprecher Jean-Christoph Sauterel.

Die französische Polizei will heute die Kameras vom Hafen in Propriano, Korsika, auswerten. Und hofft, dass die Bilder Alessia und Livia zeigen. Lebendig.

Wer sah die Zwillinge?

Die 6-jährigen Zwillinge sind beide 1,15 Meter gross. Alessia trägt eine Brille mit bordeauxrotem Rand. Bei ihrem Verschwinden hatte sie ein rot-rosa-gestreiftes T-Shirt an, eine weisse Jacke mit beigem Futter, blaue Jeans und schwarze Stiefel. Livia trug ein grünes T-Shirt, eine violette Skijacke, Jeans und rosa Adidas-Turnschuhe.

Der Fall

Die 6-jährigen Zwillinge Alessia und Livia aus dem Waadtländer Dorf St-Sulpice wurden am Sonntag vor einer Woche von ihrem Vater entführt. Matthias Schepp (44, Bild) und seine Frau Irina (44) lebten getrennt. In der Nacht auf Freitag warf sich der Ingenieur nahe Bari in Süditalien vor den Zug. Die Polizei fand den Audi A6 des Toten. Von den beiden Mädchen aber fehlt jede Spur.

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