Schweizer im Sturm «Ich sitze im 13. Stock fest und sehe den geknickten Kran»

Sandy hat auch viele Schweizer kräftig durchgeschüttelt.

  • Publiziert: 31.10.2012, Aktualisiert: 02.11.2012
  • Von Myrte Müller
play

Die Tessinerin Lisa Manella (21) sitzt im Hotel in Manhattan fest. Ihre Aussicht: Der Kran, den Sandy knickte.

In New York und Umgebung haben sich viele Auslandschweizer niedergelassen. Und für Schweizer Touristen ist die Stadt eines der beliebtesten Ziele in den USA.

Sightseeing ist aber vorerst gestrichen. Auch für Rettungssanitäterin Lisa Manella (21) aus Ascona TI. «Ich sitze im 13. Stock eines Hotels am Times Square fest. Aus unserem Fenster kann ich den abgeknickten Kran sehen», sagte sie gestern am Telefon zu BLICK. Den Baukran in Manhattan, den Hurrikan Sandy als Erstes zerstörte.

Gespenstische Stimmung auf den Strassen

«Ab und zu gibt es wieder Strom», sagt Manella. «Dann können wir telefonieren, unsere Verwandten beruhigen. Und fernsehen, um zu sehen, was um uns herum passiert.»

Lisa Manella ist am Samstag in New York angekommen. «Wir wollten shoppen. Daraus wird nun nichts. Geschäfte, Museen, Flugplätze, Restaurants und U-Bahn – alles zu!», sagt sie. «Auf den Strassen ist die Stimmung gespenstisch. Kein Auto, kein Taxi, keine Menschen. Nur Polizei und Feuerwehr.»

Manella will am Donnerstag in die Schweiz zurückreisen. «Aber ob die Reise planmässig klappt, wissen wir noch nicht.»

Nicole Niederberger (26), Upper East Side

«Wir hatten Glück, bei uns gabs nicht einmal Stromausfall. Ich konnte den Sturm am Fernseher verfolgen. Aber die Stimmung in der Stadt ist anders als sonst, das merkt man. Die Strassen sind auch am Tag nach dem Sturm immer noch menschenleer, alles ist ganz ruhig, fast gespenstisch. Jetzt droht wahrscheinlich Chaos – all die Leute, die nicht mehr wegfliegen konnten und jetzt auf den Flieger wollen, zum Beispiel

Autos sieht man zwar inwzwischen wieder auf den Strassen, aber die U-Bahn fährt noch immer noch. Das kann noch Tage dauern, bis alles wieder läuft. Ich bleibe vorerst in der Wohnung. Mein Arbeitgeber, eine deutsche Möbelfirma, hat ihren Sitz direkt am Hudson River. Die haben uns am Freitag heimgeschickt, mit dem Laptop, damit wir von daheim aus arbeiten können. Und mein Internet geht immer noch. Ich bin also schon wieder an der Arbeit...»

Georges Meier (67), Transportunternehmer, Florham Park, New Jersey

«Ich sass am Montagabend vor dem Fernseher. Es war 20.15 Uhr, als der Strom ausfiel. Alles war plötzlich dunkel. Ich ging ins Bett, bin am Morgen mit Taschenlampe und Kerzenlicht aufgestanden. Duschen ging nur eiskalt, das Garagentor musste ich mit Muskelkraft aufstemmen. Aber es ging!

Der Weg ins Büro war aber mühsam, statt zehn Minuten dauerte es eineinviertel Stunden. Immer wieder musste ich umdrehen, weil Bäume auf der Strasse lagen oder eingestürzte Stromleitungen und mir den Weg versperrten. Aufgefallen sind mir vor allem die Briefkästen der Post, die weggeweht wurden und jetzt auf den Strassen herumliegen. Keine einzige Ampel funktioniert mehr, weil der Strom weg ist. An den grossen Kreuzungen regeln Polizisten den Verkehr, sonst muss man halt gut schauen.

Der Sturm hat New Jersey hart getroffen, sechs Millionen Haushalte von ungefähr 8,2 Millionen sind ohne Strom, hiess es in den Nachrichten. Aber der Amerikaner kommt ganz gut zurecht mit der Situation, der packt jetzt an und räumt auf, an die Stromleitungen hängen sie gelbe Bänder, damit niemand reinfährt. Das ist eindrücklich. Auch die Servicewagen sieht man jetzt überall, es wird aufgeräumt.

Beruflich ist es derzeit aber schwierig. Ich sitze jetzt in meinem Büro in Springfield, ohne Strom funktioniert nichts, nur das Festnetz-Telefon. Ich bin im Transportbusiness, die Häfen in Jersey und Baltimore sind zu, nur noch in Florida läuft der Betrieb. Aber momentan kann ich nichts tun. Ich hoffe, der Strom kommt bald zurück, damit wir alle weiterarbeiten können.»

Nina Froriep (47), Filmproduzentin, Harlem

«Anfangs habe ich die Sturmwarnungen gar nicht so ernst genommen. Aber dann hiess es, dass ab Sonntagabend, 19 Uhr die U-Bahn stillsteht — das war für mich der Auslöser, dass es ernst ist. Ich hab im Supermarkt noch ein bisschen eingekauft, Wasser zum Beispiel. Daheim habe ich die Badewanne gefüllt. Zum Glück war das alles nicht nötig, denn hier oben in Harlem hatten wir die ganze Zeit Strom. Nur das Gas ging eine Zeit lang nicht mehr.

«Die Fluten waren enorm. Es war Vollmond, die Flut deshalb besonders stark, genau um 20 Uhr, als der Hurrikan Manhattan traf. Ich habe am Fernseher alles mitverfolgt. Bei mir in Harlem war der Sturm schon auch zu spüren. Vor allem der Wind, weil ich im achten Stock wohne. Mit dem Regen war es nicht ganz so schlimm, ich musste die Handtücher unter den Fenstern nicht ständig auswechseln.»

Draussen ist es ein bisschen gespenstisch. Seit Sonntagabend hört man kaum mehr Lärm von der Strasse, sonst ist da immer viel los. Das ist sehr ungewohnt. Die grosse Frage ist jetzt, wie es weitergeht. Die ganze U-Bahn steht still, viele Strecken stehen unter Wasser und ohne U-Bahn geht in Manhatten eigentlich nichts. Es kommt jetzt ganz darauf an, wie sehr das Salz- und Brackwasser den Leitungen und Transformatoren zugesetzt haben. Davon hängt enorm viel ab. Die geschäftlichen Termine habe ich alle auf Donnerstag und Freitag verschoben wie die meisten auch. Aber wir alle wissen noch nicht, ob dann der Alltag wieder eingekehrt ist. Vorerst warte ich ab.»

Alle Kommentare (3)

  • Erich  Zimmermann , Gordevio
    .....wenn der letzte Baum gefällt und der letzte Fisch aus dem Wasser gezogen wurde, werden auch die ennet dem Teich feststellen müssen, dass man Geld nicht essen kann!!! Die Mutter Natur ist halt doch stärker - sie rächt sich auf ihre Weise, dies war nur der "Anfang".....
  • Joe  Napoli
    Also gestern auf CNN hat man bereits wieder die New Yorker auf den Strassen gesehen. Kinder waren auch dabei. Die Aufräumarbeiten sind auch schon im Gange. "Gespennstige Stimmung in den Strassen" ist ein wenig übertrieben ausgedrückt.
    • Andreas  Kaufmann
      Das ist wohl sehr vom Stadtteil anhängig und wie schwer er getroffen wurde. Aber eine Schweizer kann sich ja gar nicht vorstellen, wie gross New York ist...
      • 02.11.2012
      • als Kommentar auf Joe  Napoli
      • 0
      • 0

Top 3

1 Die Weltkarte des Hasses Wo die meisten Rassisten lebenbullet
2 Ruby packt aus Bunga-Bunga im Obama-Kostümbullet
3 Drama am Bahnhof Kinderwagen mit Baby fällt auf Gleisbullet

Ausland