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Er ist der jüngste Mensch, der sich je als Kriegsverbrecher vor einem Gericht zu verantworten hatte.
Die terroristische Karriere des Omar al Khadr begann im Alter von neun Jahren. Das behaupten die Militärstaatsanwälte. Am 27. Juli 2002 habe er den amerikanischen Delta-Force-Soldaten Christopher Speer (†32) in der Nähe der afghanischen Stadt Khost mit einer Granate getötet. Da war Omar gerade mal 15 Jahre alt.
Die Liste der ihm zur Last gelegten Taten ist ebenso lang wie schwerwiegend: Verschwörung gegen die USA, Spionage, Vorbereitung von Sprengstoffattentaten, versuchter und vollendeter Mord.
Deswegen halten die USA den heute 21-jährigen kanadischen Staatsbürger seit nunmehr sechs Jahren in Guantánamo gefangen.
Diese Woche veröffentlichten Omars kanadische Anwälte verstörende Videobilder aus Guantánamo: Der Junge weint. Er fleht. Er bettelt: «Kill me.»
Sogar der Rechtsanwalt, den ihm das Pentagon zugeteilt hat, fordert: «Lasst Omar frei!» Für Korvettenkapitän William F. Kuebler ist Omar al Khadr «von seiner Familie als Kindersoldat missbraucht worden. Er muss als Opfer behandelt und nicht als Täter bestraft werden.»
Guantánamo steht seit 2002 in der einhelligen Kritik der Völkergemeinschaft. Aber auch innerhalb der amerikanischen Justiz ist das Lager heftig umstritten. Zum bisher letzten Mal im März 2008 bestätigte der Oberste Gerichtshof den Insassen das Recht, sich an ordentliche amerikanische Strafgerichte zu wenden.
SonntagsBlick-Mitarbeiter Bruno Schirra hat das Lager von Guantánamo mehrfach besucht. Dort ist jedes Zusammenkommen zwischen Häftlingen und Journalisten eigentlich strikt verboten. Dennoch gelang es Schirra, mit Omar al Khadr in Kontakt zu treten.
Die Militärstaatsanwälte werfen Ihnen den Mord an dem US-Soldaten Christopher Speer vor. Sie hätten zudem als Al-Kaida–Mitglied Sprengstoffattentate geplant und vorbereitet.
Omar al Khadr: Das ist eine Lüge, ich habe noch nie einen Menschen getötet. Die Amerikaner haben mich und fünf meiner Glaubensbrüder in einem Bauernhof in der Nähe von Khost (Afghanistan) überfallen. Sie haben uns mit Hubschraubern und Flugzeugen angegriffen. Am Ende waren meine fünf Freunde ermordet. Ich wurde von zwei Kugeln in den Rücken getroffen und habe bei den Kämpfen mein linkes Augenlicht verloren.
Ich habe ein Video, das Sie am Tag vor dem amerikanischen Angriff beim Bombenbasteln zeigt. Sie sind bewaffnet. Mit dabei: Abu Laith al Libyi, die Nummer drei von Al Kaida. Für die Staatsanwälte sind Sie ein Al-Kaida-Terrorist.
Ich habe niemals Bomben gebaut. Weil ich Farsi, Englisch, Pashtu und Arabisch spreche, hatte mich mein Vater zum Übersetzen nach Ab Khail bei Khost geschickt. Im Übrigen trägt in Afghanistan jeder Mann und jeder Junge eine Waffe. Das ist dort ganz normal.
Im Verhör durch die Amerikaner haben Sie die Taten allerdings mehrfach gestanden. Sie haben gesagt: «Ich wollte so viele Amerikaner wie möglich töten. Für jeden getöteten Amerikaner hätte ich 1500 Dollar erhalten.» Was stimmt denn jetzt, Ihr Geständnis oder der Widerruf?
Die Amerikaner haben mich zuerst auf dem afghanischen US-Stützpunkt Bagram und später hier in Guantánamo gefoltert. Nur deshalb habe ich ihnen irgendwann alles erzählt, was sie hören wollten. Nur damit sie endlich mit der Folter aufhören.
Können Sie diese Misshandlungen beschreiben?
In Bagram wurde ich getreten und geschlagen. Meine Wunden wurden nicht versorgt. Sie haben mich stundenlang verhört. Ich durfte nicht schlafen, mich nicht setzen, nicht auf die Toilette. Und als ich mir in die Hose gepisst habe, haben sie meinen Körper als Mopp gebraucht, um den Boden aufzuwischen. Sie haben mich so zusammengeschnürt, dass ich Angst hatte, mein Rücken würde zerbrechen.
Beschreiben Sie mal Ihre Ankunft hier in Guantánamo.
Sie sagten mir: «Willkommen in Israel.» Das hat mir wirklich Angst gemacht. Ich wurde dann Tag und Nacht ohne Unterbrechung verhört. Sie drohten mir immer wieder: «Dein Leben liegt in unserer Hand.» Sie könnten mich auch nach Bagram zurückbringen, in ein neues Gefängnis, wo die Wärter kleine Jungs lieben. Oder auch in ein Land, wo «du richtig gefoltert wirst». Es gebe einen ägyptischen Soldaten «Nummer neun», der «gerne Häftlinge vergewaltigt». Sie haben mir die Haare ausgerissen und mich geschlagen.
Einer Ihrer Vernehmer hat Sie als «wahre Schatztruhe an Informationen über Al Kaida» bezeichnet. Sie hätten bei Ihren Vernehmungen «wie ein Vogel gesungen».
Das ist eine Lüge. Ich habe niemals etwas über Al Kaida gesagt. Wie denn auch? Ich weiss ja nichts darüber. Ich habe mit denen nie etwas zu tun gehabt.
Dann gehen wir doch mal durch, was über Sie und Ihre Familie bekannt ist. Ihr Vater, Ahmed Said Khadr, war ein enger Freund von Osama Bin Laden und ein Mitbegründer der Al Kaida.
(Langes Schweigen) Lüge!
Ihre drei Brüder und Sie haben mehrere Ausbildungskurse in Terrorcamps absolviert.
Fuck you! Das ist eine Lüge.
Sie waren neun, als Sie Osama Bin Laden kennengelernt haben. Der war sogar als Ehrengast bei der Hochzeit Ihrer Schwester Zeynab dabei. Die hat mir das alles bestätigt.
Nichts davon stimmt. Mein Vater leitete eine Hilfsorganisation, die die Not der Menschen in Afghanistan bekämpft. Ich war niemals in einem Ausbildungslager. Mein Vater war ein frommer Mann, der den Weg des Märtyrers gegangen ist. Die Amerikaner haben ihn ermordet.
Ihr Bruder Abdurahman hat mir persönlich gesagt, dass Sie eine «Al-Kaida-Familie» seien. Ihr Vater habe ihn mehrmals aufgefordert, als Selbstmordattentäter für Allah zu sterben.
So etwas würde mein Bruder nie sagen. Niemals.
Wissen Sie, dass Abdurahman in der Zeit, als er zusammen mit Ihnen hier in Guantánamo war, die anderen Häftlinge im Auftrag der CIA ausspionierte?
Das ist eine Lüge! Mein Bruder ist ein frommer Muslim. Niemals würde er sich dazu hergeben.
Er hat mir noch mehr erzählt: Sie beide lebten hier in Guantánamo nur 20 Meter voneinander getrennt. Und Sie sollen ihn dazu gedrängt haben, nichts über die Al-Kaida-Verbindungen Ihrer Familie zu erzählen. Hat Abdurahman all das etwa erfunden?
Das habe ich niemals getan. Unsere Familie hatte niemals irgendwelche Verbindungen zu Al Kaida.
Seit wann haben Sie aus der Haft Kontakt zu Ihrer Familie?
2003 durfte ich zum ersten Mal meiner Grossmutter in Kanada schreiben. Manchmal bekomme ich E-Mails von meiner Familie, vor allem von meiner Mutter und meinem Bruder. Einmal durfte ich sogar mit meiner Mutter telefonieren.
Ihr Vater wurde 1995 in Islamabad verhaftet, weil er zusammen mit Osama Bin Ladens Stellvertreter Aiman al Zawahiri einen Terroranschlag auf die ägyptische Botschaft in Islamabad geplant und finanziert hatte. Dabei wurden 19 Menschen getötet.
Das ist eine Verleumdung. Mein Vater war ein frommer Mann, der Allah liebte. Die Pakistani haben ihn zuerst gefoltert und mussten ihn dann freilassen, weil er unschuldig war.
Ich habe immer wieder auch mit Ihrer Mutter gesprochen: vor vier Jahren in Islamabad, 2007 und sogar noch Anfang dieses Jahres in Toronto. Wollen Sie wissen, was sie mir gesagt hat?
(Schweigen)
Ihre Mutter ist stolz auf Ihre Taten. Sie hat Sie als lebenden Märtyrer bezeichnet. Nichts würde sie glücklicher machen, als wenn Sie für Allah sterben.
Meine Mutter ist eine fromme Muslimin. Den Islam zu verteidigen und dabei für Allah zu sterben, ist die edle Pflicht eines jeden Muslims.
Ist es Ihre muslimische Pflicht, andere Menschen zu töten?
Ich habe niemals getötet.
Ihr Gott lässt Menschen töten. Ich glaube nicht an Ihren Gott. Würden Sie mich dafür töten?
Um mein Leben und meine Liebe zu meinem Gott zu verteidigen, mache ich alles, was mein Gott mir befiehlt.
Schauen Sie Ihre Familie an: Ihr Vater ist tot, von Ihren drei Brüdern ist einer querschnittsgelähmt, einer als Al-Kaida-Terrorist im Gefängnis und der dritte hat für die CIA gegen Al Kaida gearbeitet. War es das wert?
Wir haben niemals irgendein Unrecht begangen. Die Liebe zu Gott ist das Schönste für den Menschen.
Was würden Sie machen, wenn Sie Guantánamo als freier Mensch verlassen könnten?
(Er schweigt. Lange.) Töten!
Bruno Schirra wird die ganze Geschichte der Familie Al Khadr vorab im SonntagsBlick Magazin erzählen. Sein Buch darüber erscheint im Frühjahr 2009.
Omar al Khadr bei seiner Verhaftung mit 15 Jahren.- AP