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Der Tag fängt prächtig an. In der Nacht hat es geregnet, Amsterdam glänzt wie frisch gewaschen – herausgeputzt für den Königinnentag. Um elf Uhr klappe ich meinen Laptop zu und gehe hinaus zu meinen Freunden auf die Strasse, wo um diese Zeit schon viele Menschen unterwegs sind.
Wir schlendern vorbei an den Ständen und auf der Strasse ausgebreiteten Tüchern, auf denen die Leute, wie es die Tradition will, ihren alten Krimskrams feilbieten: Kinderkleider, Geschirr, Schallplatten. Eine lachende Gruppe junger Frauen verkauft Luftküsse – ich bekomme drei für einen Euro. Über die Grachten fahren Boote, auf denen in Orange gekleidete Menschen tanzen und trinken.
«Es muss ein Unfall gewesen sein»
Die Holländer am Königinnentag: Sie geben sich, wie wir sie und sie selber sich am liebsten sehen, als unbekümmertes, festfreudiges Volk. Dann plötzlich, kurz nach halb zwölf, die schreckliche Nachricht. In Apeldoorn ist ein Auto durch die Menschenmassen gerast! Es soll Tote gegeben haben, Verletzte. Die Königsfamilie war auf einem Bus ganz in der Nähe.
Unglauben, Entsetzen machen sich breit. Es muss ein Unfall gewesen sein. Etwas anderes kann und will man sich nicht ausmalen. Nicht heute, nicht am Königinnentag, nicht in Holland.
Dabei wurde der tiefe Glaube der Holländer an die eigene Unschuld in den letzten Jahren bereits zweimal heftig erschüttert: Im Mai 2002 wurde auf offener Strasse der populistische rechte Politiker Pim Fortuyn umgebracht. Zweieinhalb Jahre später, im November 2004, ereilte den umstrittenen Filmemacher Theo van Gogh das gleiche Schicksal. Beide Male stand das ganze Land unter Schock. Beide Male gab es aber auch so etwas wie eine Erklärung für das Unvorstellbare.
Tod ohne Erklärung
So war Pim Fortuyns Mörder ein fanatischer Tierschützer, ein nicht zurechnungsfähiger «Irrer», wie es hiess. Und van Gogh, der Moslems als «rückständige Ziegenficker» bezeichnet hatte, wurde von einem in Amsterdam aufgewachsenen muslimischen Marokkaner umgebracht, der sich provoziert gefühlt hatte. Das entschuldigte zwar nichts, aber es war wenigstens eine Erklärung.
Doch jetzt, in Apeldoorn, wird im Laufe des Nachmittags immer deutlicher, dass es sich nicht um einen Unfall, sondern um einen Attentatsversuch auf die königliche Familie gehandelt hatte. Langsam sickert durch: Der Attentäter ist ein 38-jähriger Holländer, seit kurzem arbeitslos, ansonsten unauffällig. Im Dorf, in dem er lebte, kannte man ihn. Er war keiner, «der hinter verschlossenen Vorhängen lebte», sagen die Nachbarn. Kein Irrer, kein Moslem. Einer von hier.
Später spricht die Königin im Fernsehen. Sie kämpft gegen die Tränen, versucht, das Unfassbare in Worte zu fassen. Dann werden Bilder gezeigt von früheren Königinnentagen, wie sie mit den Menschen tanzte und lachte.
Immer wieder diese Bilder. Keine lautstarken Debatten wie sonst, keine Politiker, die sofort für alles eine Erklärung haben. Vielleicht, weil es diesmal nichts zu erklären gibt. Vielleicht, weil das Land diesmal wirklich seine Unschuld verloren hat.
* Patrick Rohr (40) ist Kommunikationsberater
und Buchautor, er lebt in Zürich und Amsterdam,
wo er zurzeit an seinem neuen Buch schreibt.