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Stellen Sie sich vor, sie fahren Velo auf dem Trottoir. Plötzlich fordert eine Stimme aus dem Nichts Sie freundlich auf, doch bitte abzusteigen und die Fussgänger nicht mehr zu belästigen. Sie entdecken eine Kamera, die auf Sie gerichtet ist – und ein Lautsprecher, der da mit Ihnen spricht.
Genau das kann Ihnen seit diesem Herbst in England passieren. Im Jahr 1949, als George Orwell seinen Roman «1984» veröffentlichte, war die flächendeckende Überwachung der Gesellschaft noch düstere Zukunftsmusik. Doch 57 Jahre später nähert sich die Realität seinen Albtraum-Szenarien vom «Big Brother» an: In Middlesbrough überwachen die Ordnungshüter schon länger die Innenstadt mit 158 Kameras, nun haben sieben von ihnen auch noch sprechen gelernt.
In einer Zentrale sitzen Beamte und schauen, dass sich die Bürger der ostenglischen Malocherstadt auch ja korrekt verhalten. Begehen sie einen Misstritt, werden sie umgehend auf englisch-höfliche Art zurecht gewiesen. Kein Alkohol mehr in der Öffentlichkeit, kein Kaugummi-auf-den-Boden-Spucken – und schon gar keine Schlägereien, zu denen die trinkfesten Briten ab und zu neigen.
«Es ist verdammt abschreckend», sagt der Systemmanager der Kameras, Jack Bonner, begeistert. «Es ist ein Ding zu wissen, dass Kameras auf dich gerichtet sind, aber es ist was ganz Anderes, wenn sie dir laut klar machen, was du gerade falsch gemacht hast», sagte er der Zeitung «Daily Mail». Wenn sich Raufbrüder auf frischer Tat ertappt sehen, lässt ihr Kampfeswille schnell nach und sie verschwinden in alle Windrichtungen.
Die Einwohner von Middlesbrough stehen angeblich hinter der «Big Brother»-Aktion und freuen sich über die neue Sicherheit im Stadtzentrum. Aber Bürgerrechts-Aktivisten sind über die Überwachung gar nicht erfreut. Und auch George Orwell würde sich in seinem Grab umdrehen, wenn er wüsste, was seine Landsleute heute treiben.