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Blickkontakt: Kinderaugen wirken unwiderstehlich. Die Adoptionsmafia nutzt solche Emotionen. (Reuters)
Neun Tage lagen Sabrina (10) und ihr kleiner Bruder Kiki (8) hilflos unter Trümmern. Dann, am Donnerstag, das Wunder: Zuerst wird Kiki aus dem Schuttberg befreit, der einmal sein Elternhaus war. Als er wieder in die Sonne blinzelt, reisst er triumphierend seine Ärmchen in die Höhe. Minuten später ist auch seine Schwester gerettet. Tränenüberströmt schliessen ihre Eltern die beiden in die Arme. Auch sie haben das Killerbeben vom 12. Januar lebend überstanden. Das Schicksal hat es nicht mit allen so gut gemeint.
Die Retter rechnen mit bis zu 200000 Toten. Und sie rechnen mit unzähligen Kindern, deren Familien ausgelöscht sind. Schutzlos und schockiert irren die Kleinen durch die Trümmerwüste – leichte Beute für Kinderhändler, denen die Katastrophe «frische Ware» garantiert.
Schon vor dem Beben war Haiti einer der ärmsten, aber auch korruptesten Staaten der Welt. Und: Ein Viertel der knapp neun Millionen Einwohner ist unter zehn Jahre alt. Dass «überschüssige» Kinder, vor allem Mädchen, als Haussklaven an die Oberschicht verkauft werden, ist bei armen Familien Tradition.
Längst hat, neben seriösen Vermittlungsorganisationen, auch die internationale Adoptionsmafia Haiti als Nachschubreservoir entdeckt. Viele der rund 200 Waisenhäuser in Port-au-Prince kümmern sich ausschliesslich um die Vermarktung von Kindern in Übersee: Für ihre Dienste und jene von schmierigen Anwälten sowie bestechlichen Richtern zahlten Interessenten schon vor dem Beben bis 10000 Dollar pro Kind. Nun treiben die Bilder weinender Waisen die Preise weiter in die Höhe. Wer dagegen auf den Anschein der Legalität verzichtet, vielleicht sogar auf gefälschte Adoptionspapiere, erhält sein Wunschkind fast gratis. In Haiti, sagt Sascha Decker von der deutschen Sektion der Organisation Kindernothilfe, «ist ein Kind heute schon für 150 Dollar zu haben».
Um den Nachschub zu sichern, schrecken manche nicht einmal vor Entführungen zurück. Laut UN-Kinderhilfswerk Unicef wurden mehr als 15 Kinder aus Notspitälern verschleppt. Die Vereinten Nationen fordern, alle Adoptionsverfahren vorerst auf Eis zu legen. Dennoch sind Hunderte kleiner Haitianer bereits in die USA, nach Holland, Frankreich und Belgien ausgeflogen worden. Niemand weiss, wie viele von ihnen wirklich Waisen sind.
Ob es nicht doch noch irgendwo Eltern oder Verwandte gibt, ob die geraubten Kinder ihr zweites Trauma überstehen, ob die Adoptiveltern ihrer Aufgabe gewachsen sind – all das interessiert die Kinderhändler nicht. Hauptsache, ihr Kontostand wächst.